Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 499 Nr. 29 Dr.. Bloch's Wochenschrift von Nordamerika der Gradmesser für die Höhe der allgemeinen wie der jüdischen Auswanderung — war im Fiskal- und im Kalenderjahr 1913 so hoch wie seit einer Reihe von Jahren nicht. Der neue Entwurf des österreichischen Auswanderungsgesetzes — zwei frühere aus den Jahren 1904 und 1908 gelangten nicht zur Verabschiedung — sieht eine Erschwerung der Auswanderung vor, was mit den Machenschaften der Agenturen der Canadian P. R.-Gesellschast zusammenhängt. Eine solche Erschwerung würde auch die Juden hart treffen, denn die Auswanderung ist der letzte und einzige Rettungsweg für viele aus dem hoffnungslosen Elend. Juden als Handarbeiter. Die Unrichtigkeit der alten Fabel von der Unfähigkeit der Juden zu körperlicher und Handarbeit wird durch einige neue Daten des Arbeitsamtes der Vereinigten Staaten in .das hellste Licht gerückt. Ueber sieben Gewerbegruppen wird dort berichtet. In allen diesen arbeitet und verdient, so wird gezeigt, der Jude mehr als sein nichtjüdischer Kamerad, und noch dazu bei einer kürzeren Arbeitszeit. In zweien der Gewerbe, in der Bäckerei und der Druckerei, in denen es jüdische Gewerkvereine gibt^ verdient in Boston der-Jude 0'4706 Dollar die Stunde, der Nichtjude 0'3000, in Newyork der Jude 0'5098 Dollar^ der Nichtjude 0 2623. In der Druckerei ist es nicht anders, der jüdische Maschinensetzer z. B. erhält 0 8056 Dollar, der englische nur 05417; dabei arbeitet der Jude nur 36 Stunden die Woche, der Engländer 48 Stunden die Woche. Für die angelsächsischen Staaten, in denen der Jude gern als „Sweater" und Lohndrücker hingestellt wird, haben diese statistischen Feststellungen der Tüchtigkeit der Juden in der Handarbeit besonderen Wert. Der kürzlich verstorbene Herzog Georg II, von Meiningen ist als wahrhaft moderner Herrscher auch ein entschiedener Gegner des Antisemitismus gewesen. Auf ein Huldigungstelegramm der israelitischen Gemeinde Bauerbach hat er folgende telegraphische Antwort erlassen: „Cadenabbia bei Como. Herzlichen Dank für freund lichesO Gedenken. Angesichts der Versuche der Verirrung des Antisemitise' mus, sich auch bei uns Eingang Hu verschaffen, können die Israeliten Meiningens auf mich .zählen.".. - Als ein Beweis dafür, ) daß der Herzog frei von konfessionellen Vorurteilen war, darf wohl auch die Tatsache gelten, daß Georg II., ein Fürst im Reiche der Kunst, bei seinem verdienstlichen Wirken als Bühnenreformator einen rechtgläubigen Juden, Ludwig Chronegk, zu seinem Gehilfen erwählt hatte und daß auch in dem weltberühmt gewordenen Ensemble der Meininger Künstlerschar jüdische Talente in großer Anzahl vertreten waren. Vor vielen Jahren hatte er in einem Winterkurort dem Fünfkirchner Gutsbesitzer Josef Engel deIano si kennen und schätzen gelernt, den er dann — so oft sie beide im Kurort weilten — einlud, an seinen langen Spaziergängen teilzunehmen. Engel verfaßte zwei Trauerspiele„Die Marannen" und „Der Kabbalist", die der Herzog aufmerksam las. In einem Briefe aus dem Jahre 1900, der in herzlichem Tone an Engel geschrieben ist, bedauert der Herzog, „Die Marannen" in seinem Theater nicht aufführen zu lassen, weil die Szenen, welche bie Juden vor dem Jnquisitionstribunal schildern, „die Nerven der Damen erschüttern würden". An seinem Geburtstage pflegte der Herzog Herrn Engel stets zur Galatafel-einzuladen ' . Graf Emil v. Wedel. Einen Artikel im „Berliner Tageblatt" (Abendaus- .. gäbe, 30. Juni) unter dem Titel '„Konservative und Radau-Antisemitismus" schließt Graf Emil v. Wedel mit den Worten: ' ' „Wann wird „die Partei dev anständigen Leute" endlich erkennen, daß der Antisemitismus lediglich ein Mangel an guter Erziehung ist?" Der letzte jüdische Richter aus Rußland. Mit dem Staatsrat Jakob Teitel, dem letzten jüdischen Richter aus Rußland, hatte Herr D. S ch a - piro eine Unterredung, über welche er im Frankfurter „Familienblatt" berichtet. Jakob Teitel war in der Wolgagegend ein Zentrum für Kultur und Humanität; sein Name wurde mit Ehrerbietung ausgesprochen, die ganze Bevölkerung vergötterte ihn. Sogar Judenfresser wie der Mönch Iliodor und der Bischof Hermogen verehrten ihn. Fünfunddreißig Jahre lang bekleidete er sein Richteramt. Doch jetzt, bei der neuen russischen Politik, kam die Reihe auch an ihn; er mußte, weil er 'sein Judentum nicht verlassen wollte, äbdankem Wochenlang dauerten die Banketts, die die dortige Intelligenz zu Ehren Teitels — des letzten Juden, dem ein Regierungsamt anvertraut war — veranstaltete. Fast höre ich noch jetzt die flammenden Reden, die gehalten wurden. ... Dieses alles wurde beim Lesen der Zeitungsnotiz von seiner Anwesenheit in Warschau in meinem Gedächtnis wieder lebendig — und so nahm ich denn die Gelegenheit wahr, den seltenen Mann zu besuchen: „Nach meiner Demission" — begann er — „begab ich mich nach Moskau und widmete mich ganz dem gesellschaftlichen, hauptsächlich dem jüdischen Leben. Bor allen Dingen beschäftigte mich die Frage, „mie der Jude höhere Bildung erreichen soll". Die Lage unseres Volkes ist so schlimm, wie schon lange nicht. Zur Zeit der Pogrome, als man unser Hab und Gut plünderte, kam die ausländische Judenheit den unglücklichen Brüdern entgegen. Jetzt, wo man unser geistiges Vermögen vernichtet, sollen wir still und. ruhig die Hände in den Schoß legen? Die gesamte Judenheit müßte uns auch jetzt wie damals helfen, müßte es besonders unserer nach höherer Bildung strebenden Jugend ermöglichen, ihr Ziel zu erreichen, wenn nicht ln Rußland, wo jetzt die Türen der Hochschulen für Juden verschlossen sind, so im Auslande. Wenn das Ausland nunmehr auch die Aufnahme russisch-jüdischer Studenten beschränkt, so trägt die Schuld daran die große Unordnung unserer Jugend, indem diese sich in wenigen Universitäten anhäuft. Ta muß Ordnung geschaffen werden! Am Anfang jedes Semesters muß den Studierenden gesagt werden, wohin sie gehen dürfen, in welcher Hochschule es noch freie Plätze gibt und in welchen Universitäten sie freundliche Aufnahme finden werden. Für diesen 'Zweck muß es eine jüdische Institution geben. Welchen Mut wird es schon dem Schäler im Gymnasium verleihen, wenn er es wissen wird, daß/. eine Gesellschaft 'Sorge trägt, daß er später in einer Unipepfltäk' Aufnahme fiftbfet; er wird seine Studien sorglos fortsetzen und niemals ün verräteMche Mitteldenken, 'die jetzt-von vielen und so häufig ergriffen werden.. ■ Haben wir AenN' jetzt ein Recht, diejenigen Studenten zu beHulöigen) die sH laufen lassen, um-in einer russischen Universität Aufnahme zu finden? Wie viel schlaflose Nächte kostete es vielen von ihnen, bis sie auf solche Kompromisse eingingen? - ' , Wir, wir hüben keine Schuld daran? Wir älteren, reichen und diplomierten Juden, was haben wir denn