Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 498 Dr. Bloch's dem ehrlichen jüdischen Gewissen eine verbrecherische Zumutung zu stellen. Sie haben auch gewußt, daß die Juden für den Schutz durch unseren Kaiser und für die gerechten'Gesetze des Staates viel zu dankbar sind, als daß sie auch nur den Schatten eines revolutionären Gedankens an sich heranfketen ließen. Sie Haben sich denn auch in der ganzen Monarchie von allen sogenannten radikalen Parteien zurückgezogen und sich den staatserhaltenden Gruppen angeschlossen. Das ist die bündigste Antwort an Rußland, das der Welt glauben machen möchte,.daß es die Juden nur deswegen verfolge, weil sie revolutionär seien. Die Juden an der Wolga ujnd Newa sind aber im Gegenteil deswegen revolutionär, well sie verfolgt werden. Hartwig war der Sohn einer deutschen Familie und hat sich dem Russentum mit Leib und Seele verschrieben. Es liegt in der Natur des Renegaten, daß er seine früheren Volksgenossen bitter verfolgt. Wie die Taufjuden auf der Grundlage ihres Moraldefekts durch denTrieb der Selbsterhaltung mit fast zwingender Notwendigkeit Antisemiten werden müssen, so sind auch die abtrünnigen Deutschen überall in der ersten Schlachtlinie zu sehen, wo gegen das Deutschtum oder gegen Oesterreich der Kampf geführt wird. So hat sich Hartwig den echtrussischen Leuten verschrieben und wurde ihr Handlanger,, einer der eifrigsten Werkführer chrer Ziele, unermüdlich, um Verwirrung in Europa zu schaffen. Sein Verdienst vor allem war die Gründung des Balkanbundes, der eine Mlllion Bajonette gegen Oesterreich-Ungarn vereinigte, und seine Schuld war es wahMch nicht, wenn sich diese Gewehre zuerst gegen die Türkei und dann gegen einander richteten, statt den Weltkrieg anzusangen. Er tat aber dann alles, um in Serbien jene Gefühle aufzuhetzen, welche unsere Versöhnungsversuche mit diesem wichtigen Nachbar immer wieder verellelten, welche die hochverräterische Gesinnung im Süden unserer Monarchie Hervorrufen und jene Stimmung erzeugten, aus welcher schließlich das Attentat in Sarajevo hervorging. Gewalt und Gewalttätigkellen sind die Devise in der Politik der echtrussischen Leute, unter deren Wirksamkeit nicht nur unsere Monarchie zu leiden hat, sondern ganz Europa. König Eduard VII. von England hat üymer den Versuch gemacht, Deutschland einzukreisen und zu isolieren. Wenn aber die Kultur und die richtige Vernunft in der großen Politik die erwünschte Geltung hätten, so müßte man den Versuch machen, Rußland einzukreisen und zu isolieren. Denn wenn man untersucht, warum die Völker an den Rüstungen beinahe verbluten, warum trotz aller Kultur der Friede immer bedroht wird, warum die Arbeit stockt, so wird man zur Begründung immer wieder, auf die Pogrommethoden Rußlands kommen. Vom Aabrinarkt des Lebens. Die kataftrojchale Lage der Juden Galiziens.*) Die zur Besserung der Lage der jüdischen. Bevölkerung zu Beginn des Jahres 1911 von dem Landesausschuß einberufene Enquete ist, wie eine ähnliche 20 Jahre vorher, ganz ohne Ergebnis für die Juden geblieben. Nur das furchtbarste, offen zutage.liegende Elend der jüdischen Massen konnte bei der politischen Konstellation in Galizien zu einer staatlichen Untersuchung chrer Lage sichrem In der Enquete selbst wurde die Not der Juden in vollem Umfange anerkannt, und es wurden auch die Mittel, zur Abhilfe von den jüdischen Teilnehmern llax .präzisiert — aber die Regierung und die Herr-, schenden Parteien machten auch nicht den leisesten An- *) Aus dem Jahresbericht des „Deutschen Hilfs-Vereines". Wochenschrift Nr. 29 fang zu einer staatlichen Intervention zugunsten der Juden, während andererseits auf dem Gebiete der Gesetzgebung wie der Verwaltungspraxis ihre berechtigten Interessen verletzt oder ignoriert werden. Auch neue, von jüdischer Seite im Landtage unternommene Versuche, eine staatliche Intervention zur Linderung der Notlage der Juden zur Tat werden zu lassen, werden leider zu einem positiven Ergebnis nicht führen. Der jetzt Zustande gekommene Ausgleich zwischen Polen und -Ruthenen, der in der Landtagswahlreform seinen Ausdruck gefunden hat, erfolgt auch auf Kosten der Juden, die man trotz ihrer Zahl und ihrer Bedeutung für das Wirtschaftsleben als politischen Faktor nach Möglichkeit auszuschalten sacht. Dies ist von um so schwerwiegenderer Bedeutung, als der Landtag einerseits die gesetzgeberische Tätigkeit in Händen hat, andererseits die von den maßgebenden Parteien im Lande aüsgeübte Herrschaft die administrativen und finanziellen Machtmittel des Staates tendenziös und in schlimmster Weise gegen die Juden kehrt. Die schwerste Unbill und der schwerste Schaden wurde den Juden durch die Anwendung des nationalpolnischem Fanatismus entsprungenen Boykottsystems nach russischpolnischem Muster , zugefügt. Der ökonomische Antisemllismus, der auch bisher schon dem wirtschaftlichen Kampf zugrunde gelegen hatte, hat damit seine schärfste und gehässigste Form gefunden. Dllfer Boykott wird dadurch charakterisiert, daß die niedrigsten und schändlichsten Mittel angewandt werden, die polnische Stadt- und Landbevölkerung gegen hie Juden aufzuhetzen, um diese gesellschaftlich zu boykottieren und wirtschaftlich M ruinieren.- DM. Schlimmste und Gefährlichste ist,, daß dieser Kampf überall hingetragen wird, in die Kirchen, hie Schulen, die Privathäuser, an die Krankenbetten, daß auch-die Frauen und "sogar die Kinder fanatisiert- -werdend Das Land wird mit tendenziösen Schriften überschwemmt — als Titel einer solchen sei angeführt »Der Pogrom gegen das polnische Volk". Der niedere KleruD predigt den Boykott von der Kanzel herab und belegt den privaten und geschäftlichen Verkehr mit Juden mit schweren Kirchenstrafen. Kein Wunder, daß es dann dätzu gekommen ist, daß jüdische Kaufleute in erhMicher'Anzahl mit seinem Schlage ruiniert wurden, daß christliche Angestellte ihren Dienst bei Juden kündigen, Hebammen sich. weigern, jüdische Wöchnerinnen zu besuchen, daß Heilmittel boykottiert werden, mit denen Juden handeln, und Kranken, die sich zunächst von einem jüdischen Arzte behandeln ließen,, später die ärztliche Hilfe eines christlich-polnischen Arztes versagt wird. In den Schulen vergiftet man die Gemüter der Jugend, und dies geschieht nicht nur in Keinen Orten, sondern in den Hauptstädten, in Lemberg und Krakau; Lehrerinnen haben 'z. B. den Kindern während der Unterrichtsstunde erzählt, daß . die Juden zur Bereitung des Osterbrotes Christenblut verwenden und sie aufgefordert, bei Juden nichts zu kaufen und auch von ihren Eltern das Gleiche zu verlangen. Diese Zustände, die der Barbarei in Rußland nahe kommen, bergen große Gefahren in sich. T,iJ Welche Rückwirkungen zunächst auf das wirtschaftliche Leben die verschiedenen oben angeführten Faktoren ausMen, zeigt u. a. die TatsachedM nach österreichischen Angaben gegen Schluß des Jahres 1913 bei den jüdischen Genossenschaften ca. 90 Millivner? Kronen zurückgezogen wurden, und daß von 800 jüdischen ^dnossenschaften ein sehr erheblicher Teil einging ünb^einö große Anzahl der verbliebenen auch. nur vegetiert. Im verflossenen Jahre ist auch infolge der trostlosen Verhältnisse die, Auswanderung, eine gesteigerte gewesen. Die Auswanderung nach den Bereinigten Staaten