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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 493 und besonders Wiens kein unnützes Beginnen wäre, einen ganz empfindlichen Rückgang.*) Der literarische Teil des Jahrbuches, dessen Zusammenstellung nun zum 20. Male die Umsicht, Vielseitigkeit und Gediegenheit des Präparandiedirektors und Privatdozenten Dr. I. Bänöczi lobt, beharrt aus dem gewohnten Niveau des „Guten in schöner Form", doch scheint mir das Jahrbuch diesesmal jenes literarischen Clous zu entbehren, der diese Edition sowohl von jüdischer als von ungarischer Seite stets mit größtem Interesse erwarten läßt. So etwa wäre eine rückblickende konfessionell-politische objektive Revue des Jahres sowie eine literarische Uebersicht, wie sie z. B. das Philippsonsche Jahrbuch alljährlich bietet, auch hier am Platze und leichter zu bewerkstelligen, als dort auf dem weitverzweigten Gebiete der deutschjüdischen Kultur. Einen bedeutenden Teil des Buches nehmen natürlich die literarischen Beiträge der Rabbiner und rabbinisch gebildeten Mitarbeiter ein, obwohl selbe nicht immer bei ihrem „Leisten" bleiben. Die Erläuterung, Durchdringung und Popularisierung der Bibel und späteren biblischen Schriften haben diesmal bloß den Kolozsvärer (Klausenburger) Privatdozenten Dr. M. Eisler zu einer lehrreichen, lesenswerten Studie über „Das Meer in der Bibel" inspiriert, bestenfalls ist noch die Abhandlung Dr. A. Kelemens über den Propheten Jeremias hieherzuziehen, in der bloß die häufigen Illusionen auf die Jetztzeit störend wirken. Der derzeitige Rektor des Budapester Rabbinerseminares, Prof. Dr. L. Blau, berichtet über die neugefundenen griechischen Papyrusse in Elefantine, die uns bekanntlich mannigfache Einblicke in das Leben der ägyptischen Juden in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung gestatten. Der gelehrte Professor beweist entgegen manchem mißgünstigen modernen Historiker, daß es im Altertum weder Ghetto, noch Jargon, noch Antisemitismus gegeben habe, und die Juden in Alexandrien auf derselben Stufe der Kultur gestanden seien, wie ihre Umgebung. Einen anderen inneren Kulturbeweis des Judentums sucht Rabbiner Dr. B. V a j d a zu erbringen, der in der up to ckate Philosophie Bergsons meist unbewußte, in der Volkspsyche liegende Berührungspunkte mit der Anschauungsweise Maimonides findet. — Dr. M. Richtmann referiert auf Grund der neuen, grundlegenden Publikationen über die Geschichte der Juden in Wien, während B. Mandl interessante Daten über die Judengemeinde in Szenicz nebst ihrer ersten Konskriptionsliste aus dem Jahre 1736 veröffentlicht. Errabbiner Prof. B. Kohlbach entwickelt uns wieder ein anheimelndes Kapitel aus der jüdischen Folklore: Das Gebäck im jüdischen Ritus, mit besonders überraschenden Hypothesen über den Ursprung des „Barches"; weniger Geschmack kann ich einer A. L. Frankl nachgedichteten Midraschlegende von Rabbiner Arnold K i ß: „Die Mutter des Propheten" abgewinnen. Aktuelles Interesse beansprucht ein noch im verflossenen Jubiläumsjahr gehaltener Vortrag des Fünfkirchener Dr. R. I ä n o s i Engel über die Verdienste des unvergleichlichen Baron Eötvös um die Judenemanzipation sowie eine stimmungsvolle Ode des Budapester Eelegenheitsdichters A. S z e g ö zu demselben Anlasse. Hieher gehört die Gedenkrede Dr. S. B o d o r s, die den ebenebenfalls jetzt gefeierten Manen des ersten jüdischen Staatssekretärs Eduard Horn (vorher Einhirn, Prediger der Reformgemeinde)» huldigt. Aktuell zu nennen sind weiterhin zwei Artikel, die mit dem demnächst zu eröffnenden jüdischen Gymnasium in Budapest in Zusammenhang stehen. Prof. Dr. 'SB. Heller setzt seine vor zwei Jahren begonnene Schilderung der jüdischen Mittelschulen fort und gibt uffüs ein anschaulich-lebendiges Bild des hebräischen Gymnasiums in Jerusalem, der Jaffaer Tachkemonischule sowie der Jacobson- und Samsonschule in Deutschland, während Schreiber dieser Zeilen auf Grund eigener Anschauung die fünf konservativen jüdischen Realschulen Deutschlands in ihrer historischen Entwickelung vor uns vorüberziehen läßt, im Anhänge auch das jüdische Schulwerk des verdienstvollen Dr. M. Jung in Oesterreich kurz würdigt. Aufs Gebiet des künstlerischen Schaffens und Empfindens führt uns die geistreiche Skizze der feinfühligen Edith Patai über jüdische Kunst und Künstler, scharsgeschnittene Silhouetten von Israels Lilien, Liebermann, Antokolski und Hirszenberg; der Dramaturg und Aeskhetiker Karl Sebeftyen kann sogar -dem Problem Heine und das Judentum noch neue, interessante Seiten abgewinnen. Rein literarisch wirken zwei Genrebilder des Stiltechnikers P. N L d a i, gelungen die fatyrisch-humoriftische Novelle: „Saisonchristen", von unserem derzeit genialsten jüdischen Erzähler Peter ü j o a r i, in der bloß die Schlußpointe etwas abfällt. Poetische Intermezzi von im ungarisch-jüdischen Olymp wohMngenden Namen: Ludw. Szabolcsi, E. Szilägyi, H. Lenkei und A. Feleki vervollständigen und verbunten den »Inhalt des Jahrbuches, das als Sammelöpus natürlich nicht einheitlich an Wert und Wesen sein kann, aber jedem etwas bietet und ein allgemeines Bild des ernsten Wollens und Könnens in der ungarischen Judenheit darstellt. II. Was das Jahrbuch diesmal vermissen läßt, den Clou, die große lleberraschung und Bescherung, das bringt in vollem Maße die Beilage. Ms ein Werk von inhärentem Werte und größter Bedeutung kann die zweite Publikation gelten, mit dem uns die Ungarische Israelitische Literatur- *) Jahresbeitrag 8 Kr. Etwaige Anmeldungen an das Sekretariat der Gesellschaft: Budapest, Bank-utcza 7. gesellschaft dieses Jahr bereichert. In einem 488 Seiten starken stattlichen Bande wird uns das sozusagen offizielle Gebetbuch der Sabbatäer vorgejuhrt, jener interessanten Sekte, die inmitten der Reformationsbestrebungen des XVI. Jahrhunderts in den Gebirgsgegenden Siebenbürgens entstanden, wegen ihrer dem jüdischen Original nachgebildeten Glaubensdogmen und Riten unsägliche Verfolgungen erlitt, bis ihre letzten lleberbleibsel sich nach 1867 vollständig zum Judentum bekehrten. Das Material zu diesem Gebetbuche, resp. eiiyelne Teile davon, lag in verschiedenen älteren und neueren Codices und Manuskripten vor, doch stammt die erste Fassung — wie die Herausgeber es aus dem „Königsgebete" Nachweisen — jedenfalls noch aus der Regierungszeit ©ob?. Bethlens, also vor 1629. Wir haben es daher hier nicht bloß mit der ältesten ungarischen, sondern mit der vielleicht überhaupt ersten Uebersetzung des jüdischen Gebetbuches zu tun. Als Meister dieser Leistung ist mit ziemlich absoluter Sicherheit jener Simon P 6 ch i anzunehmen, der einer der reichsten Magnaten Siebenbürgens und Kanzler mehrerer Fürsten, auch in geistiger Beziehung ein seltenes Phänomen darstellt; aus anderen Quellen wissen wir, daß er 12 Sprachen beherrschte, u. a. das Hebräische in dem Maße, daß er nebst den biblischen Schriften auch die spätere Midrasch- und Dezisorenliteratur in reichem Umfange kannte und benützte. Die wissenschaftliche Würdigung dieses Gebetbuches, das nicht bloß den gewöhnlichen Siddur, und zwar nach sephardischem Ritus, sondern auch einen großen Teil des Machsors und der Selichoth umfaßt, ist hier nicht am Platze; die beiden Herausgeber, Seminarprofessor Dr. Mich. Guttmann nach der liturgisch-hebräischen, Dr. A. H a r m o s nach der philologischen Seite, haben allenfalls ihr Bestes an kritischer Genauigkeit, Vollständigkeit und Akribie geleistet. Der Laienleser aber kann sich eines eigenen, erhebenden Gefühles nicht erwehren, wenn er sich den robusten, pslugführenden Szökler kernmagyarischen Typus vorstellt, wie er andachtsvoll über den gewichtigen Codex gebeugt mit nach Osten gerichtetem Antlitz seine „Hamida" verrichtet. Die auf den öffentlichen Gottesdienst bezüglichen Partien des Siddurs: Thoravorlesung, Kaddisch, Keduscha — sind zwar etwas kurz, stiefmütterlich davongekommen — scheinbar gab es wenige geordnete Gemeinden mit Vorbetern — hingegen sind z. B. die sogen. Maamodaus (Privatgebete) für die einzelnen Tage der Woche reichlich aufgenommen. Das Gebetbuch war eben in erster Reihe ein Andachts- und Gesangbuch; enthält sozusagen das ganze Psalterium in Pöchis Uebersetzung, wie es bekanntlich im Vorjahre durch die ungarische Akademie der Wissenschaften herausgegeben wurde. Bemerkenswert sind jene Aenderungen größerer und kleinerer Natur, die der geist- und einsichtsvolle Verfasser! an dem Texte des Ritus vorzunehmen für nötig fand. So fehlen gleich im Morgengebeteanfang die drei Segenssprüche negativen Inhalts: *:ri? vhv vollständig eliminiert sind das Musiafgebet und jene Mischnateile, die sich aus den Tempelopferdienst beziehen, hingegen hat Pöchi auffallenderweise die „Teruma" (Opferhebe) beibehalten, wohl um feinen „Priestern" den Unterhalt zu sichern. Der Festeskalender der Juden, bis in die Details des Fasttages der Erstgeborenen, wird den Gläubigen mit erklärenden Notizen nahegelegt, beim Chanukkafest erinnert der belesene Verfasser sogar an die Vollendung der Stiftshütteeinrichtung durch Bezalel am 25. Kißlew. Von den Pijjutim, refp. Selichoth nimmt Pöchi bloß die schönsten, gefühlvollsten auf — am reichsten ist die Liturgie des Nellagebietes, während manche wertvolle Partien des Mussafgebetes ins Morgengebet übernommen wurden. Die Festgebete um Tau und Regen nehmen sogar in der Uebersetzung poetische Form an, als ob auch damit ihre größere Bedeutung für das ackerbautreibende Volk betont werden sollte. Interessant . ist es in dieser Beziehung, daß in der auf die Segnungen des Jahres bezüglichen 9. Benedmion des Achtzehnergebetes — nebst der üblichen Einschaltung — eine separate, ausführliche Fassung für den Winter vorgesehen ist. Was die Sprache dieses ja nicht als Uebersetzung, sondern als Originalandachtsbuch benutzten Werkes anbelangt, trägt sie selbstredend Spuren der breiten, Mit Synonymen verschwenderisch umgehenden, manchmal schwülstigen Ausdrucksweise der Reformationsz,eit. Von einzelnen wenigen Mißverständnissen abgesehen, hat aber Pöchi nicht bloß Sinn und Wert des Originals in möglichster Treue wiedergegeben, sondern sich auch Stil und Rhythmus des Hebräischen in dem Maße angewöhnt, daß zwei kleinere Originalgebete von ihm (anläßlich der Sabbatäerverfolgungen) vollständig wie Uebecsetzungen altjüdischer Gebete anmuten. Das ganze Siddur aber durchweht eine wohltuende Wärme und schwärmerische Begeisterung, wie sie übrigens der gesamten Poesie dieser Sekte eigen war. Jedenfalls bietet das Gebetbuch eine neue, interessante Bereicherung der ungarisch-jüdischen Literatur in vielfacher Beziehung, zugleich ein ergreifendes Denkmal jener an Geisteshelden und Märtyrern reichen Renaissancezeit der hebräischen Sprache, eines jener Weltwunder, die das Judentum bewirkte. Szskesfehervär (Stuhlweißenburg). Dr. A. Fürst.

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