Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 28 (10.7.1914)
- Date
- 1914-07-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 28 Seite 491 Dr. Bloch's Wochenschrift Feuilleton. Jüdische Reformatoren des Tandstnmmen- Unterrichtes. Einem interessanten Schriftchen: „Joel Deutsch, der Reformator der österreichischen Taubstummenbitdung, voit Wilhelm Rosenstra u ch. Kommissionsverlag Hugo Dulde, Leipzig—R. 102", entnehmen wir über die großen jüdischen Taubstummenlehrer nachstehende Mitteilungen: Der Verfasser erinnert zunächst an das Wirken des Abbo Michel de l'Eppe, die Taubstummen durch geistige Ausbildung und Beibringung der Sprache an die Gesellschaft zurückzugeben, und an das berühmte Kotzebuesche Drama „Der Taubstumme" und fahrt dann fort: Zu jener Zeit tauchte ein edler Geist auf; es war dies ein portugiesischer Jude, namens Jacques Rodriqnez Pereira, dessen Familie religiöser Unduldsamkeit halber Portugal verlassen und nach Frankreich übersiedeln mußte. Derselbe wurde von einem ganz unvermittelten Jitteresse für feine taubstummen Glaubensgenossen angezogen. Auf welche Art und Weise er die Kinder im sprechen unterrichtete, hüllte er in ein strenges Geheimnis. Seine Lehrkunst konnte nicht zum Wohle und Segen der Taubstummen verbreitet werden; denn er wollte nur sich allein des Erfolges seiner Methode rühmen können und niemand in seine Kunst, die Taubstummen durch die Wiedererlangung der Sprache der Gesellschaft wiederzugeben, einweihen. Wenn man bedenkt, wie epochemachend und segenbringend die Lautsprache für die Schicksalsgenossen ist, so kann und darf es nicht bestritten .und verleugnet werden, daß Jacques Rodriquez Pereira ein großer und unsterblicher Taubstummenfreund für alle Zeiten ist. Bor E p p e e wurden schon lange wiederholt Versuche an den Taubstummen in der Artikulation mit Erfolg gemacht, aber es war nicht au die Verbreitung dieser Methoden zu denken und dieselbe verbreitete sich nicht wie die von Gutenberg erfundene Buchdruckerkunst, die mit aller Gewalt und unglaublicher Schnelle allgemeine Nachahmung fand und viel Gutes und Schlechtes stiftete. Wohl ist aus den pädagogischen Annalen zu entnehmen, daß zwischen Abbe de l'Epvee und P e r e i r a große Disputationen über die Vor- und Nachteile der Gebärden- und Lautsprache sich.entspannen, deren Ergebnisse leider unbekannt geblieben sind. Nach ihm ist Samuel He in icke als erster Lautsprachlehrer zu betrachten, dieser gewann viele Jünger für seine Methode, wodurch allmählich Schulen in Deutschland entstanden. Lange Zeit bestand ein heftiger Streit zwischen Gebärden- und Lautsprache und die Gebärdensprache gewann die Oberhand. Doch diese Herrschaft währte nicht lange, weil die Taubstummenlehrer sich nicht die Mühe und Geduld nehmen wollten, um sich mit der an Mimik und Ausdrucksform originellen Gebärdensprache vertraut zu machen, so da'' die Gebärdensprache mit der Vermehrung der Schulen wohl gelitten, aber nicht gepflegt und dann immer mehr verdrängt wurde. Eine neue Epoche für den Taubstummenunterricht beginnt mit der Wirksamkeit des Taubstummendirektors Joel Deutsch. Ein edler Priester, Dr. Czech, Professor an der k. k. Theresianischen Akademie, nannte Direktor. Deutsch „einen von Gott zum Taubstummenlehrerberufe berufenen Mann". Joel Deutsch, der erst" Direktor und Leiter des Wiener israelitischen Tauostummen-Jnstitutes, arbeitete mit tatkräftiger Energie und eiserner Ausdauer an ' der Vervollkomnmung des Taubstummenunterrichtes, wobei er eine praktische und ver stündliche Sprachmethode mit durchschlagendem Erfolge einführte. Diese Erziehungsart wurde von allen pada gogischen Kreisen anerkannt und zur Nachahmung empfohlen. Aus allen Teilen Europas und Amerikas strömten die Lehrer, die die Taubstummen bloß in Gebärde und Schrift unterrichteten, nach Wien, um das vor: Diretror Deutsch angewandte Unterrichtssystem zu studieren, welches nun bereits in allen Taubstummenanstalten eingeführt ist. Ebenso wurden viele Lehrer, die unter Leitung des Direktors Deutsch wirkten, nach Budapest, Paris, London und Rewyork berufen, um die Grundsätze der Taubstummenerziehung in den betreffenden Orten zu betätigen. Während seiner 44 jährigen Tätigkeit konnte Direktor Deutsch in seinem unermüdlichen Schaffen mit Genugtuung das vollkommene Gelingen seiner Mühen finden, die der Erlösung der Schickfalsgenosfen aus geistiger Nacht galten. Die Unterrichtsresultate waren immer volt einem und demselben Erfolge gekrönt, der nie vermöge des bewundernswerten Feuereifers des Direktors und seiner unabänderlichen Festhaltung an den von ihm verfolgten Grundsätzen versiegen konnte. Für die schwachsinnigen Schulkinder wandte er auch mit ausschlaggebenden: Erfolge Systeme an, wodurch der Schwachsinn in den meisten Fällen durch einen praktischen, zu eiuenr Sprachverständnisse erziehenden Anschauungsunterricht behoben wurde. Obwohl von ihm die reinorale Methode als eine unumgängliche Notwendigkeit für den obligat» scheu Unterrichtsgegenstand eingesührt und auch mit aller Wärme gefördert wurde, so konnte er sich auf Grund seiner zahlreichen Erfahrungen der Erkenntnis nicht verschließen, daß die Gebärdensprache den Anfang für den Unterricht machen müsse und eine Gewähr dafür biete, daß das Sprachverständnis und der Sprachgebrauch sich von selbst schneller entwickle, wodurch eine Unklarheit in der Vorstellung von abstrakten Begriffen, die unmöglich durch den Anschauungsunterricht vermittelt werden können, verschwinde. Durch die so innige Ueberzeugung befreundete sich Direktor Deutsch mit der moralischen und ethischen Nützlichkeit der Gebärdensprache und konnte den vollen Erfolg des Unterrichtes an den kleinen Schulkindern in den unteren Klaffen dadurch mit sich bringen, daß die Lautsprache mit der Gebärdensprache kombiniert wurde. Er machte es sich zum obersten und letzten Leitmotiv in der Taubstummenerziehung, daß die Lautsprache immer an und für sich die Oberhand vor der Gebärdensprache behalte und daß in den oberen Klassen die Gebärdünsprachc streng aus dem Unterricht ausgeschaltet würde. Als scharfsinniger Denker und Beobachter ging er von dem Standpunkte aus, daß die Kinder sich gewöhnen müssen, von Anfang bis zu Ende in der Wortsprache zu denken und zu sprechen und daß die Gebärdensprache ihnen für die Zukunft kein Mittel zur Verständigung im Erwerbsleben sein könne, weil sie ja nur für die Taubstummen unter sich ein Mittel zur Verständigung bilde. Auch legte er auf die Tonsprache einen entschiedenen Wert und gelangte zur Ansicht, daß das Bokalgehör bei jenen Schulkindern durch stete Uebung im Hören ohne Mühe und mit gutem Erfolge nutzbar gemacht werden könne. Von der Erkenntnis über den hohen Wert des Vokalgehöres ausgehend, machte er Versuche, welche bedeutende Resultate erzielten. Aber er war kein prinzipieller Anhänger und Förderer der Hörübungen, nachdem er selbst die Wahrnehmung bei jenen Kindern, die mit Vokalgehör ausgestattet waren, gemacht hatte, daß dieses Gehör ihnen keine erfreulichen Dienste im geistigen Fortschreiten leisten konnte, weil an ihnen eine schwache Auffassungsgabe bemerkbar war.