Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022118--23276-3048466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 482 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 28 die hohe Ehre, bei den verschiedensten Anlässen in seiner Umgebung erscheinen zu dürfen. Das ist wohl alles selbstverständlich für den Erben eines Thrones, dessen Macht und Gnade. sowie die Gerechtigkeit für alle Bürger gleich sein soll. Man könnte sich jedoch fürchten, daß die wilde antisemitische Agitation einen Einfluß auch an der höchsten Stelle im Staate finden könne, zumal sie von vielen politischen und persönlichen Vertrauensmännern hier propagiert wurde. Man kann wohl sagen, daß diese Gefahr glücklich vorüber ist. Wenn jemals eine dem Throne nahestehende Persönlichkeit sich hat beeinflussen lassen, so sind diese Tage jetzt vorüber. Der Edelmut des Hauses Habsburg hat sich bewährt und das Beispiel des Kaisers hat in den Räumen und im Schatten der Hofburg eine gerechte Beurteilung der Juden bei jedem herbeigeführt. An den Erzherzog Carl Franz Josef ist aber nicht einmal die Versuchung herangetreten. Er hat auch nicht vorübergehend die kleinste Aufmerksamkeit für die Bestrebungen gehabt, welche die Juden zu Staatsbürgern zweiten Ranges machen möchten. Auch seine erlauchte Gemahlin, die Erzherzogin Zita, hat durch ihr persönliches Verhalten gezeigt, daß ihr die Gehässigkeit gegen irgendeine Nation oder Konfession fremd ist. So wird denn auch rings um das erlauchte Haus der Frieden und die Einigkeit blühen und werden zum Segen der Völker werden. Die Zeien scheinen vorüber zu sein, in welchen der Antisemitismus auf weiteres Wachstum rechnen konnte. Die Devise des Erzherzog-Thronfolgers ist vielmehr der Fortschritt auf allen Gebieten. Er ist immer bereit, gute und edle Bestrebungen zu unterstützen, er ist ein Thronfolger mit eisernem Pflichtgefühl und warmem Herzen. Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist viel wieder aufzurichten, was der Antisemitismus mit seiner Flut von pöbelhafter Gehässigkeit niedergerissen und niedergetrampelt hat. Aber nun ist die Hoffnung berechtigt, daß die Wiederherstellung des geistigen und politischen Lebens gelingen wird. Denn es sind Kräfte zur Macht gekommen, welche man in Oesterreich mit Triumphpforten empfangen darf. vom Jahrmarkt des Lebens. Persönliches von Erzherzog Franz Ferdinand. Herr Franz Vondörfer, Prag-Weinberge, schreibt dem „Prager Tagblatt": Vor mehreren Jahren gründete ich mit einigen Oesterreichern den österreichisch-ungarischen Hilfsverein „Austria" in Nürnberg; es gelang mir, den nunmehr verblichenen Erzherzog Franz Ferdinand zur Uebernahme des Protektorates zu bewegen, der dem Vereine ein ganz besonderes Interesse zuwandte. Als Präsident des Vereines wurde mir wiederholt die hohe Ehre zuteil, vom Erzherzog in Prag, Konopischt und in Wien empfangen zu werden. Gelegentlich einer Audienz fragte Erzherzog Franz Ferdinand Herrn Vondörfer, ob er von Wien aus nach Nürnberg reise; als er dies bejahte, meinte der Erzherzog, daß er ihm eine große Freude bereiten würde, wenn er seinen gewesenen Reitlehrer Baron Kreß von Kressenstein (den Bruder des jetzigen bayrischen Kriegsministers), gewesenen österreichischen Oberstleutnat, besuchen, ihm .herzliche Grüße von ihm übermitteln und ihm in seinem Aufträge den Vorwurf machen würde, daß er ungerechter Weise seit seinem Abgänge von Linz nichts inehr von sich hören ließ ^nd daß es den Erzherzog freuen würde, wenn er sich bald in Wien sehen ließe. Noch bei der Verabschiedung beauftragte er Herrn Bondörfer, den Baron Kreß an die gehabten Reitstunden, besonders aber an eine Affäre mit dem Schiminel zn erinnern. Da der Erzherzog in Erfahrung brachte, daß Herr Vondörfer einiges Kunstverständnis für antiguc Kunstobjekte besitze, wurde ihm die Ehre zuteil, die d'Esteschen Kunstsammlungen in der Beatrixgassc in Wien besichtigen zu dürfen. Auf speziellen Wunsch Sr. Hoheit besichtigte er auch die Kunstschätze seiner italienischen Schlösser. Bei seinem Aufenthalte in Tivoli Villa d'Este wurde er vom dortigen Direktor Segree empfangen und zu Tische geladen; zn seiner Verwunderung lag am Tische ein Weißbrot, ein sogenanntes Barches; auf seine Frage, wieso dieses Gebäck besonders in Italien serviert wird, meinte die Dame des Hauses, daß heute Freitag und sie Juden seien; ebenso der erzherzogliche Direktor der Steinbrüche in Beneschau, der Jude sei und seit vielen Jahren in erzherzoglichen Diensten stehe. Als der Erzherzog den Manövern in Würzburg beiwohnte, reiste er mit der Herzogin nach Frankfurt a. M., um die bedeutendste Antiquitätensirma am Kontinent I. & S. Goldschmidt zu besuchen. Der Erzherzog liebte es, seine Antiquitätenkäufe unter strengstem Inkognito zu besorgen und beauftragte den Direktor des Hotels „Englischer Hof", den Herrn Goldschmidt telephonisch zu verständigen, daß fremde Herrschaften morgen seine Sammlungen besichtigen wollen; nachdem aber an diesem Tage ein hoher israelitischer Feiertag war und seine Sammlungen nicht zu besichtigen waren, antwortete Herr Goldschmidt, daß um keinen Preis die Sammlungen besichtigt werden können. Ganz konsterniert überbrachte der Direktor diese Antwort den Hoheiten. „Ja, das wäre schrecklich, wir kommen nun nach Frankfurt, um die Sammlungen zu besichtigen und sollen unverrichteter Dinge abreisen", meinte die Herzogin und beauftragte den Direktor, nochmals an Herrn Goldschmidt zu telephonieren und zu bemerken, daß die Herrschaften, die seine Sammlungen besichtigen wollen, die Hoheiten selbst sind. Herr Goldschmidt, der noch cm den alten Satzungen festhält, lehnte auch diesmal die Besichtigung ab und ging den anderen Tag, um persönlich seine Entschuldigung vorzubringen, ins Hotel. Dort erfuhr er, daß die hohen Gäste abgereift seien; er richtete dann an bcu Erzherzog ein schriftliches Entschuldigungsschreiben, in dem er es bedauerte, infolge des hohen Feiertages nicht das Glück gehabt zu haben, seine Sammlungen den hohen Herrschaften zeigen zn können. Prompt darauf erhielt er von der erzherzoglichen Kammer einen Brief, worin ihm im Aufträge Ihrer Hoheiten mitgeteilt wird, daß sie es lebhaft bedauern, die Sammlungen nicht gesehen zu haben. Hätten sie eine Ahnung gehabt, daß gerade ein hoher israelitischer Feiertag war, so hätten sie gewiß es unterlassen, ihm ihren Besuch anmelden zu lassen, weiter, daß es sie beide ungemein und herzlich st freue, daß es noch solch fromme Juden gibt, die die Satzungen derart Hochhalten. In dem Briefe hieß es schließlich, daß die Herrschaften bald wieder nach Frankfurt kommen und sich freuen, seine Sammlungen sehen zu können. Kurze Zeit darauf erhielt Herr Goldschmidt eine hohe Auszeichnung. Wie sehr sich der Erzherzog für das Kommerzielle interessierte, beweist folgendes: Gelegentlich einer Audienz fragte er Herrn Vondörfer, ob denn in Nürnberg--wo doch so viel Oesterreicher und Ungarn leben, ein Konsulat oder sonst eine österreichische Vertretung existiere. Von Vondörfer verneinte dies und bemerkte noch, daß ein österreichisches Konsulat unbedingt am Platze wäre; kurze Zeit darauf erhielt er vom damaligen österreichischen Gesandten Fürsten Wrede eine Einladung, der sich über die kommerziellen Verhältnisse genau infornnerte. In kürzester Zeit wurde in Nürnberg ein österreichisches Konsulat kreiert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.