Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 476 Dr. Bloch's Wochenschrift Nc. 27 geschützt, in schwerfälligem Schritte die Füße nachschleppend, bewegte er sich, auf den Arm seines Sekretärs, zumeist aber aus den Arm seiner schönen Frau gestützt, langsam auf der Promenade, ein Schulbeispiel für den allen Lehrsatz, daß Geld allein nicht glücklich macht. Mit seiner Gemahlin hatte ich eine kleine heitere Episode erlebt. Sie hatte eine leichte Entzündung am Finger und erklärte nur bei ureiuem Besuche, sie werde deshalb Professor Bergmann ans Berlin kommen lassen. Ich nahm, ohne daß sie es merkte, ein Bistouri aus der Tasche, machte ruhig einen kleinen Einschnitt an der entzündeten Stelle und sagte: „Jetzt haben wir Bergmann nicht nötig." Ich glaube, die recht empfindliche Frau hat mir dies übclgenommen. ..Saatkörner” von Malviue mul Flora Grün wähl. Illustration, von Jenny Griiinvald. W ien 1 Olt. I in S e 1 b s 1 v e r 1 a g e. Z u b e z i e h e n d u r c li alle g r ö ß e r cn Bu c h li a n dlu ngen in Wien. K 4.Ö0 (mit Goldschnitt), in einfacherem Einband K 3.20 und kartonniert K 2.10. „Als Konfirmationsgabe für Knaben und Mädchen ist dieses Büchlein gedacht“, heißt es in einem Geleitwort, welches Herr Rabbiner Dr. David Pcuc li t w ang diesen „Saatkörnern” gewidmet hat. „Mögen sie reich aufgehen; die Augen der Knaben und Mädchen öffnen, auf daß sie die Schönheit und Größe unserer Religion und Geschichte sehen können.“ Da das Büchlein somit als J u g e n d s e h r i f 1 gedacht und von autoritärer Seite, einem Inspektor für den israelitischen Religionsunteri iclit an den Wiener Mittelschulen. in wärmsten Worten empfohlen wird, hat die Redaktion der „Oesterr. Wochenschrift“ einen bekannten Dichter und Schriftsteller in Wien um eine Besprechung und Würdigung dieser Geistesarbeit gebeten. Wir erhielten, hierauf nachstehende Epistel: Lieber, hochverehrter Herr Doktor! Sie haben mir da ein Buch ins Haus geschickt und mich mit gewohnter Liebenswürdigkeit eingeladen, es zu rezensieren. Es ist ein Buch mit Gedichten, mit Poesien religiösen Inhaltes, weibliche lyrische — Handarbeit. Sie wissen. daß ich für derlei immer zu Hause bin, stets was übrig habe, kennen zur Genüge mein Faible für Mirjam und Deborah, für Sappho und Georges Sand, für Madame de Srael und Clara Viebig. Aber was mir da „zusteht“ und zusrößt, liegt doch nicht so ganz in der Richtlinie meiner Bewunderung-, schwenkt sogar bedenklich von ihr ab. Habe nie etwas ungereimteres Gereimtes gelesen. Kein, nein, liebster, bester einziger Doktor, erlassen Sie mir diese — Justifizierung. Ich bin immer galant und nett gegen Damen gewesen, selbst gegen dichtende, und wünsche es auch zu bleiben. Ich habe noch nie eine Leiche getötet. End nun soll ich ein Blutbad unter Mißgeburten anriehton, sie auf meine friedliebende Feder spießen. Bitte schön, erlassen Sie mir diese meiner sanften Gemütsart gründlich widersprechende Tätigkeit. Und ich müßte unerbittlich sein. In solchen Dingen hört nämlich der Spaß auf. Die Nachsicht auch. Das soll unserer Jugend als „Schönheinsprobe“ geboren werden? Nein, nein, o nein, ich schreib’ in keinem Falle darüber! So viel steht bei mir fest, bombenfest. Und wenn ich mir mal was ordentlich vornehme, dann bleib' ich auch dat»ei. Ich kenne mich . . . Auer motivieren muß ich wenigstens meine dankende Ablehnung, das erfordert der schuldige Respekt vor Ihrer von mir seit Jahren hochverehrten Person und Ihr in mich gesetztes großes Vertrauen. Denken Sie sich „Schir Zion“ als Heurigen-Quartett gesetzt. Fein, nicht wahr? Ein Psalm Davids auf der Ziehharmonika und ein Kunstpfeifer mit dabei. Oder das Hohelied als „Schönheitsprobe“ in Wilhelm Busch-Verse übertragen. Das ist aber „nur“ die Form. Und gar der geistige Gehalt? Ich litt die berühmten Dilettantalus-Qualen. Wollen Sie Beispiele, Belege? Ich muß ja meine schroffe bestimmte Ablehnung ordentlich rechtfertigen. Ich greife aufs Geratewohl mitten hinein in die Dornenhecke. „Doch du, Israel, zogst auch durch der Völker Finten, Gingst heil und unversehrt hervor mit Siegessang, Sie aber schwanden all nach heißen Lebensgluten, Die F1 u i d e r V ö 1 k e r u n d G e s e h i c h t e s i e v e rs c h 1 a n g.“ Die Kirche hat bekanntlich einen guten Magen. Die Flut der Völker und Geschichte, wie Figura zeigt, offenbar auch1. Deutsch ist es nicht, Verse sind’« auch nicht. Grammatik -- ganz ungenügend. Und ein Häuser! weiter: „Fs hat. den harten Zeitengriffel Die Klio g a n z i n R o t g e 1 a u c h t, Sie schrieb mir i'euerfarbnen Lettern, Viel Seiten sie dazu gebraucht.“ „Die“ Klio mit dem Rotstift. I) i e Klio — ganz familiär — wie man sagt: die Sali — die. Mali — ja, wir verkehren' eben in besseren Kreisen . . . „Auch hüte sehr wohl deine Lippen, » Daß nicht zum Falschen genannt, Entweihet werde mein Name, I) e r j a i m W eltall b e k a n n t.“ Die lapidare Großartigkeit biblischer Diktion verbanalismri. Monumentale Felsblöcke in lockere Eierspeise vermiet seht, das Erhabenste grausam lächerlich gemacht. „Nicht gib dich hin dem fremden Gotte, So klagt es tief ins Herz hinein, Bedenke, daß nur Wurm und Motte (!) Des Körpers Ende in dem Schrein.“ Pardon! Das geht nicht. Das ist gegen die Naturgeschichte. Würmer ja — aber Motten! — ausgeschlossen. Motten kommen in Särgen und Grüften grundsätzlich nicht vor. Das fehlte gerade noch. „Von dem Siechen-Krankenbette Stand sein Weib genesend auf, Doch an ihm, wie eine Klette, Hing der Gram im Lebenslauf.“ Sehr peinlich. Siechen-Krankenbett ist gut. Vermutlich ist die Rekonvaleszentin dann auf dem Sofa-Diwan gelegen oder auf der Ottomane-Chaiselongue. Die Motte im Sarge erhält ihr interessantes botanisches Gegenstück. Wir erfahren, daß die Myrtlie ungenießbar ist, als Gemüse total ohne Nährwert: „Wohlduft hat die grüne Myrihe, Doch ■ zur Speise dient sie n i e h t, Viele zieren Liebeswerke, G r ü n d 1 i c h W i s s e n m a n g e 1 t s e h r.“ O wie wahr! „Arme Bachweid’, die entbehret Den Geruch als auch Geschmack, Ebenso gibt’s viele Kreise, Wo nicht heimisch Kenntnis, Gab’!“ Ich kann der Dichterin keinen Lorbeer reichen — aber Baclnveid’ soll sie haben, so viel sie nur selbst will. Symbolisch. Weil „Kenntnis, Gab’“ mangelt. „Im reichen Kaufmannshause Geht’s immer zu recht flott, Man denkt beim fetten Schmause Nicht an den Geber Gott. Er denkt mit stolzem Mute An eig’ne Menschenmacht, D oc h nicht an Schic k s a Isru t e, O f t k o m m end über N a c h t.“ Stimmt auffallend — da dichtet man im Halbschlaf vor sich' hin und denkt nicht an „Schicksalsrute, oft kommend über Nacht“.