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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr.tz27 Dr. Blochs Wochenschrrft. Seite 475 Schuld glatt bezahlte. Er nannte .aber mach immer nicht seinen Namen, sondern gestand nur ein, er sei ein höherer Staatsbeamter, habe durch Familienverhältnisse sich verleiten lassen, fünfhundert Gulden der ihm anvertrauten Kasse zu entnehmen, in der zuversichtlichen Hoffnung, diesen Betrag allmählich wieder zurückzahlen zu können, ohne daß der Abgang bemerkt würde. Da wurde plötzlich gemeldet, der Kaiser Franz werde in Prag eintreffen und deshalb eine gründliche Revision aller Staatskassen vorgenommen werden. Dadurch wurde der Fremde der Möglichkeit beraubt, die veruntreute Summe wieder zu ersetzen/ »und in seiner Verzweiflung wollte er sich, um eurer schmählichen Entdeckung seines Fehltrittes Zn entgehen, das Leben nehmen. Nun war ja alles wieder in Ordnung. Viele Jahre hörte mein Großvater nichts mehr von dem namenlosen Mann. Da, als im Jahre 1848 die Pöbelhorden die Prager Judenstadt bedrohten und die Bewohner dieses Viertels sich nur ihr Eigentum, ja um ihr Leben ängstigten, fuhr ein Fiaker bei dem Hause Großvaters vor. Ein hoy..-. Beamter der Statthalterei in glänzender Uniform, der oben bezeichnete Fremde, entstieg dein Wagen, begab sich in das Haus und trat bei meinem Großvater ein. Er bot ihm an, Großvater und dessen Familie sollen sich im Wagen in die Wohnung des Beamten begeben und dort unter seinem Schutz so lange bleiben, bis die bedrohliche Zeit vorüber sei. Großvater war tief gerührt voll diesem Zeichen lebhafter Dankbarkeit des noch immer dem Namen nach Unbekannten, lehnte aber das Anerbieten ab: „er müsse auch in der Stunde der Gefahr dort bleiben, wo seine Glaubensgenossen seien". Und nun nach dieser Probe aus der Familien.- geschichte Professor Kisch' noch einige überaus interessallte Porträts aus seiner jahrzehntelangen Marienbader .ärztlichen Tätigkeit. Es gibt da genug Seltsames und Interessantes zu lesen, besonders von der russischen Gesellschaft in Marienbad. In die letzten zwei Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts reichen vielfach diese Erinnerungell zurück. So erzählt Professor Kisch von dem einstmaligen Finanzminister Rußlands Fürsten Abaza, daß er eine hoheitsvolle staatmännische Figur, der Typus eines Kavalier des ancieu regime gewesen sei. Ein schöner, ausdrucksvoller Kopf mit dem glattgescheitelten Haar, mit schwärmerischen Augen, einer feingcschwnngenen Nase und eiilem anl Kinn sorgfältig ausrasierten Backenbart. Der Liebling der hohen Darnell am Petersburger Hofe. Ein vollendeter Lebemann, welcher auch während der Marienbader Kur nicht auf die gelvohnten gastronomischen Genüsse verzichten wollte. Er hatte den ganzen Knchenstaat mit dem französischen Cheskoch mitgebracht, und dieser letztere legte mir jeden Morgen das Menü Zur ärztlichen Begutachtnilg vor. Ich erinnere mich nur noch eines meiner Klienten, welcher sich gleichen kulinarischen Luxus hier gestattete. Das war auch eilt Russe, der Fürst B. Narischkin, welcher mit seiner Gemahlin und einem kleineil Säugling hier weilte und es in meisterhafter Weise verstand, viel, sehr viel Geld in Umlauf zu bringen. Auch dieser Fürst etablierte hier seine eigene Küche, und der ans Rußland mitgebrachte Küchenchef telegraphierte täglich direkt nach Paris um frische Gemüse, saftiges Bratensleisch und seltene Delikatessen. Doch noch ein Patient setzte mich durch die mitgebrachte Küche in Erstaunen, der russische Wunderrabbi aus S., welcher von zehn männlichen Personen, der rituell vorgeschriebenen Anzahl zur Verrichtung der häuslichen Andacht des Gottesdienstes, einem Schlächter und zahlreichem Küchenpersonale begleitet war. Die anwesenden orthodoxen Juden aus Rußland roanderten fanatisch gläubig in seine Wohnung, brachten ihm reichliche Geschenke und erflehten seinen Segen. Eine alte Jüdin sagte zu mir im inbrünstigen Glauben: „Wie glücklich sind Sie, diesen Heiligen zu behandeln. Sie können sich ja alles, was Sie nur wünschen, erbitten lassen!" C. Pobednowtzow, der allmächtige Präses des Heiligen Synods in Rußland, welchen wie seine junge Gemahlin ich durch mehrere Jahre ärztlich betreute und dem ich im Laufe der Zeit auch menschlich nähertreten durste, war eine hochinteressante Persönlichkeit, emporragende, hagere, aszetische Figur mit einer Denkerstirn, blitzenden Augen hinter der schweren Hornbrille, mit glattrasiertem Gesicht, scharf geschnittener Nase, breitem Mund, mit ausfallend häßlichen Zähnen und spitzem Kinn, in seiner Haltung und Kleidung einem deutschen Schulmeister gleichend, vielleicht auch an den spanischen Torquemada erinnernd. Ein großer Philosoph, aber festhaltend an seinen streng orthodoxen wie absolutistischen Anschauungen, befangen auch in gewissen politischen Ansichten. Von alter Voreingenommenheit gegen die österreichischen Staatsmänner, von hartnäckigem Vorurteile gegen die Juden. Er haßte die letzteren nicht persönlich und bekundete dies häufig, indem er ostentativ mit an gesehenen russischen Juden, besonders Finanziers, auf der P-omenade spazieren ging, ja auch zuweilen in der jüdischen Koscherrestauration speiste — aber er hegte die entschiedene Meinung von der Schädlichkeit der jüdi scheu Rasse für Rußland. „Die Juden", so äußerte sich Pobednowtzow, „sind klug, müßig und fruchtbar. Vor einem solchen Volke muß man die Russen schützen." Als er einmal in Marienbad weilte, baten die jüdischen Kurgäste aus> Rußland den gleichfalls hier zur Kuranwesenden bekannten Bankier Gerson v. Bleichröder, den finanziellen Vertrauensmann Bismarcks, und mich als Arzt Pobednowtzows, wir mögen diesem die Bitte vortragen, die bedrängte Lage der Juden in Rußland durch seinen mächtigen Einfluß zu mildern. Wir taten dies auch, aber weder Bleichröders Intervention, noch meine Fürsprache hatte einen Erfolg. „Ich wollte", so sagte der Präses des Heiligen Synods zu mir in seinervorgefaßten Meinung, „meine Glaubensgenossen hätten in Oesterreich so viel Freiheit wie die Ihren in Rußland." Und nun folgte eine eingehende Erörterung der angeblich bedrängten Lage der Ruthenen in Galizien sowie der vermeintlichen Bedrückung der Tschechen in Böhmen. Ich suchte ihn über seine falsche Orientierung aufzuklären, entnahm jedoch aus seinen Aueßerungen, daß er mit den Führern der allslawischen Bewegung in Oesterreich in innigem Kontakt stand und von ihnen einseitig instruiert war. Pobednowtzow hatte Ruhe notwendig, aber auch selbst während des Erholungsaufenthalts in Marienbad wurde er mit Bitten, Anträgen und Vorschlägen überlaufen. In Petersburg aber hatte er oft buchstäblich keine freie Minute. „Wenn ich", so sagte er mir einmal, „von meiner beruflichen Tätigkeit ganz erschöpft bin, so verschaffe ich mir die einzige mögliche Ruhe, indem ich das mir allein zur Verfügung stehende Eifenbahncoupü benutze, von Petersburg nach Moskau und dann sogleich wieder zurückfahre. Auf dieser Fahrt kann ich ganz ungestört denken und schlafen." Hervorheben möchte ich noch, daß er ein Mann von unbeugsamer katouischer Strenge war, der seinen Einfluß nie auch im geringsten zu seinem oder der Seinige^ Vorteil benutzte oder je materiellem Vorteil zugänglich war. Bankier G. v. Bleichröder war ein alter Stammgast Marienbads, wo er seit Dezennien die Kur gebrauchte. Jetzt war er aber, trotz seines Reichtums und seines Ansehens, ein bemitleidenswerter alter Mann. Völlig erblindet, die Augen durch dunkelblaue Brillen

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