Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022117--23264-3048453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift zeite 471 Internationales Pro-Falascha-Komitee. Das Pro-Falascha-Komitee versendet sol genden Ausruf: F r a n k f u r t a. M. Die Pro-Falascha-Bewegung ist der jüdischen Welt nicht unbekannt. Drei Reisen hat Herr Dr. F a i 11 o w i t s c h in das Innere Abessiniens gemacht, um die dortigen einheimischen Juden, die Falasches, kennen zu lernen und die seit Jahrtausenden unterbrochene Verbindung dieses versprengten Teiles unseres Volkes mit seinen übrigen Volks- und Glaubensgenossen wieder herzustellen. Dies ist ihm zum Teil schon gelungen. Er hat in den Jahren 1904/05, 1908/09 und 1913 Abessinien jeweils mehrere Monate bereist, die Falascha-Ansiedelungen besucht und hat durch Schriften und Vorträge die Resultate seiner Reisen der Gesamtjudenheit unterbreitet. Nach diesen Berichten, deren Feststellungen sich auch mit denen nicht jüdischer Reisender und Kenner Abessiniens: wie z. B. des deutschen Gesandten Herrn Dr. Rosen, des abessini-chen Staatsrats a. D. 11 g, des Universitutsprofessors Dr. 8 c li wall y u. a. decken, sind, die Falaschas ein jüdischer Volksstamm, welcher seit Jahrtausenden sich urivermischt und treu dem Glauben seiner Väter erhalten hat. Nach ihrer Ueberiieferung sind sie seit der Zerstörung des ersten Tempels in Abessinien ansässig, haben aber im Laufe der Zfeit die Verbindung mit ‘den übrigen Teilen des jüdischen Volkes verloren, sodaß sie hiedurch keinerlei Kunde von den Vorgängen innerhalb der Judenheit erlangen konnten. Sie mußten sich daher für den alleinigen Rest Israels halten. Infolge dieser Trennung von der Kulturwelt ging die Kenntnis der hebräischen Sprache bei ihnen vollständig unter, viele Traditionen gerieten in Vergessenheit. Das jedoch, was sie von der Religion der Ahnen auf bewahrten, hielten sie mit besonderer Zähigkeit fest. So feiern sie den Sabbat durch vollständige Ruhe und Arbeitseinstellung, die hohen jüdischen Feste begehen sie zur selben Zeit wie die andern Juden, die Beschneidung .wird nach Vorschrift vorgenommen, auch halten sie an den biblischen Speisegesetzen fest und beobachten bis zum heutigen Tage die mosaischen Reinheitsgesetze. So lange Abessinien im allgemeinen von der äußeren Welt abgeschlossen war, konnten die Falaschas trotz der Unterdrückungen und Verfolgungen durch ihre Nachbarstämme, wenn sie auch keinen Rückhalt an ihren' 'jüdischen Brüdern hatten, doch dem Glauben ihrer Väter treu bleiben. Seit dem vorigen Jahrhundert wurde Abessinien aber der Kulturwelt allmählich erschlossen. Mit den europäischen Gelehrten und Forschungsreisenden kamen dann aber auch die Missionare ins Land, welche versuchten, die Falaschas dem Christentume 'zuzuführen. Es läßt sich unter den oben geschilderten Umständen, insbesondere beim Mangel eines eigenen jüdischen Schrifttums unter den Falaschas verstehen, daß die Missionare, aus deren Händen sie auch die Bibel erhielten, leicht Erfolge erzielen konnten. Um so mehr ist die Treue anzuerkennen, mit welcher immer noch einige 50.000 bis 60.000 Falaschas in ihrem Judentume beharren. Diesen unseren Brüdern die Hilfe zu bringen, die sie von uns erwarten, muß uns als eine heilige Aufgabe gelten. Es handelt sich dabei wohlgemerkt nicht um einen materiellen Beistand. Was sie wünschen und was wir ihnen bieten wollen, ist moralische und ideelle Hilfe. Seit sie Kenntnis von der Existenz anderer Juden auf dem Erdenrunde erhalten haben, haben sie nur den Wunsch, Lehre und Unterweisung im Judentume zu erhalten. Herr Dr. Faitlowitsch hat auf seinen Reisen mehrere an die Gesamtjudenheit gerichtete Briefe von Häuptlingen und Notabein ihrer Gemeinden erhalten, in welchen die Falaschas uns um diese moralische Hilfe anflehen. Diese Hilfe 'zu gewähren, ist in der Tat die Aufgabe der Gesamtjudenheit. Es ist eine Ehrenpflicht aller Juden, einen so beträchtlichen Teil unserer Gemeinschaft unserem Glauben zu erhalten. Auf Anregung von Herrn Dr. Faitlo - witsch hat sich schon vor einigen Jahren ein internationales Komitee in Florenz unter Vorsitz des Herrn Oberrab: biners Dr. Margulies gebildet. In einer Zusammenkunft dieses Komitees vom 8. März 1914 wurde dessen Sitz nach Frankfurt a. M. verlegt. Das Komitee hofft nunmehr auf Grund einer ausgedehnten Organisation diejenigen Arbeiten zu leisten, welche nötig sind, um die Wünsche der Falaschas zu erfüllen. Seit Beginn der Tätigkeit des Herrn Dr. Faitlowitsch in Abessinien haben wir schon große moralische Erfolge zu verzeichnen. Die Missionare klagen in ihren Berichten über die neuerdings hervortretende Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen. Auch die Vorstellungen, welche Herr Dr. Faitlowitsch dem Kaiser Menelik im Jahre 1908 in einer besonderen Audienz über die soziale (Stellung der Falaschas (machte, waren zur Zeit von Erfolg gekrönt. Um die Falaschas in ihrem Glauben zu fertigen und zum Ausharren zu ermutigen, hat Herr Dr. Faitlowitsch einige Broschüren in der abessinisehen Landessprache verfaßt und in mehreren tausend Exemplaren unter ihnen verbreitet. Drei junge Falaschas brachte He r Dr. Faitlowitsch mit, welche teils in Europa, teils in Jerusalem als Lehrer;(Ungebildet wurden. Einer von diesen ist bereits Leiter einer kleinen Schule in seinem Heimatlande, die Herr Dr. Faitlowitsch auf seiner letzten Reise eingerichtet hat. Das Internationale Pro-Fal 'scha-Komitee betrachtet es nunmehr als seine nächste.und wichtigste Aufgabe, für eine jüdische Erziehung der Falaseha-Jugend zu sorgen. Demgemäß soll ein Seminar mit Internat in Erythräa, der Abessinien benachbarten italienischen Kolonie zur Ausbildung junger Falaschas als Lehrer eingerichtet werden. Diese werden dann in der Lage sein. Schulen in ihren Gemeinden zu leiten. Sodann müssen für die Faläschas die Bibel in ihrer Sprache übersetzt und Schriften jüdisch religiösen Inhalts verfaßt werden, damit sie das Judentum aus den Quellen kennen lernen. Das Unterzeichnete Komitee wendet sich an die Gesamtjudenheit mit der Bitte um Unterstützung dieses Werkes. Zu seiner Ausführung sind größere Mittel nötig. Es soll ein Baufonds zur Errichtung des Seminars aufgebracht werden, ferner erfordern die Unterhaltung des Seminars und der Schulen sowie die Herstellung der erwähnten Schriften jährliche Beiträge. Das Unterzeichnete Komitee bittet auch Sie herzlich, ihm für beide Zwecke reichliche Spenden zukommen zu lassen. Zu weiterer Auskunft ist bereit das General-Sekretariat des Internationalen Pro ^Falasclia - Komitees. Frankfurt a. M.. Palmstraße 11 pt. Dorthin sind auch alle Zuschriften zu richten. Adresse für Geldsendungen: Herrn Salomon Epstein. Frankfurt a. M., Uhlandstraße 39 (Deutsches Postscheckkonto: Frankfurt a. M., 8438), oder Pfälzische Bank Depositenkasse, Zeilpalast, Frankfurt a. M., auf Konto „Pro- Falascha“. Das ILamondo-Mnseum in Paris. Der vor längerer Zeit verstorbene Gras Jsaar de EämoNdo hat, wie erinnerlich, seine reichhaltige Kunst sammlung im Werte von mehreren Millionen dem Pariser Louvre vermacht. Im Testamente widmete Gras Camondo auch die für die Unterbringung und Erhaltung dieser riesigen Kunstsammlung nötige Lumme. Vorige Woche wurde nun diese Sammlung, welche in sieben Sälen untergebracht und als Camondo-Museum separat verwaltet wird, in feierlicher Weise eröffnet und dem Publikum zugänglich gemacht. Jahresversammlung der jüdisch-literarischen Gesellschaften von England. Vorige Woche fand in Neweastle-on-Tyne.die Jahres Versammlung des Verbandes der jüdisch-literarischen Gesellschaften von England unter Vorsitz der Frau M. A. Spielmann statt, welche im vorigen Jahre zur Präsidentin des Verbandes gewählt worden war. Der Verband hat, wie dem Berichte zu entnehmen ist, kulturelle Aufgaben durch Veranstaltung von Vorträgen, Errichtung von Bibelschulen und Religionsklasfen, erfüllt. Tie Organisation hat unter der Präsidentschaft der Mrs. Spielmann sehr rapiden Aufschwung genommen. Welches Ansehen dieser Verband in England genießt, geht schon daraus hervor, daß der Lordmayor von Neweastle-on- Tyne namens der Stadtverwaltung zu Ehren der De legierten am Verbandstage ein Bankett gab und in seiner Begrüßungsrede darauf hinwies, daß die Stadt sich verpflichtet sehe, diese angesehene jüdische Gesellschaft zu ehren und offiziell zu begrüßen. Er tue dies auch deshalb, weil er während seiner langen Amtstätigkeit sich davon überzeugt habe, daß die Juden loyale, das Gesetz achtende und Wissenschaft und Kultur verbreitende Bürger der Stadt und des Landes seien, welche auch durch die Tätigkeit dieses Verbandes den Beweis erbrachten, daß sie der Ehren würdig sind, welche ihnen zuteil wurden.