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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 469 anläßlich eurer Debatte über Krankenkassenärzte schreien läßt: „Lauter Juden, kein einziger Mensch! 98 Prozent Juden, lauter Betrüger", ohne sofort Ordnung zu machen, läßt sich nicht erhoffen, daß die obersten Spitzen wesentlich anders geartet sind. Dieser Mangel an elementarstem Gerechtigkeit- und Billigkeitssinn, der in unserer Geschichte durch mindestens eineinhalb Jahrtausende wahrnehmbar ist, bildet ja wohl auch^ nebenher bemerkt, den Erklärungsgrund dafür, daß hochbezahlte Männer aus denl Richterstande, somit von weit höherem Niveau als dem Vorgenannten, es über sich bringen, das Opfer eines beispiellos schmachvollen Justizverfahrens durch 15 Jahre im schweren Kerker schmachten zu lassen, obgleich nicht das mindeste Indizium auch nur für einen der beiden ihm angedichteten Morde aufzubringen ist! Diese Erkenntnis wirkt wohl niederschlagend. —^ Nichtsdestoweniger läßt sich die Vereinsleitung durch keinen Mißerfolg abschrecken, ihre Ziele unentwegt weiter zu verfolgen, sie richtet im Gegenteil an alle Ausflügler die Bitte, ihr von ^>em Vorhandensein solcher Bilder wie der genannten und anderer von ähnlich verletzenden Art Mitteilung zukommen zu lassen. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Wien, XX., Brigittenaueclände 46. MUDr Wilhelm Wittenberg. Voll einem unersetzlichen Verluste ist die israelitische Kirltusgemeiude Aussig betroffen worden durch das unerwartete Ableben ihres langjährigen und verdienstvollen Vorstehers, des Zahnarztes med. univ. Dr. Wilhelm W i t t o n b e r g. Im blühendsten Mannesalter wurde er am 24. Juni nach kurzem Krankenlager mitten aus seiner weitverzweigterr, von den schönsten Erfolgen und von allgemeiner Anerkennnng begleiteten Schaffensfreudigkeit abberufeu. Unaussprechlich ist die Trauer, die nicht nur über seine Familie, sondern über die ganze Gemeinde und über den großen Kreis seiner Freunde und Mitarbeiter gekommen ist. Dr. Wilhelm Witten b e r g wurde am 8. Januar 1869 in Leitmeritz als Sohn des Rabbiners Joachinr Wittenberg geboren. Er besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt mib ließ sich nach Beendigung seiner Universitätsstndien als Zahnarzt in Aussig nieder, wo er sich durch fein freundliches und gewinnendes Wesen viele Freunde erwarb und sich allgemeiner Achtung und Wertschätzung erfreute. Er war ein Mann voll seltenen Geistesgabeii, nild diese in den Dienst der Gesamtheit zu stellen, war ihm Herzellsbedürfnis. Darum wurde er auch voll seinen Berufsgenossen wiederholt in ehrenvollster Weise zum Vertreter ihrer Standesinteressen berufen und hat sich dieser Aufgabe mit der aufopfernden Hillgabe unterzogen, die den Wesenszug seines Charakters bildete. Der ihm allgeborellell Pietät gegenüber den Traditionen seilles Elternhauses folgend, stellte er sein reiches Wissen und Können in den Dienst seiner Glaubensgellossen, mehr als 6 Jahre als Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde Aussig in unvergleichlicher Hingabe und Aufopferung. _ _! _________ Er war ein Mann des jüdischen Herzens und seine Wohltätigkeit kannte keine Grenzen, es gab kein Werk der Nächstenliebe, bcm er nicht als Förderer beitrat. Unaussprechlich ist die Trauer, die durch sein unerwartetes Hinscheiden nicht nur über seine Familie, sondern' auch über die ganze Gemeinde und über den großen Kreis seiner Freunde und Mitarbeiter gekommen ist, nild die hohe Achtung und Wertschätzung, die er sich erworben hatte, fand ihren beredten Ausdruck in der T r a u e r f e i e r, die die Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde Aussig ihrenr dahingegangenen Vorsteher am Donnerstag, den 25 .Juni, veranstaltete. Darüber berichtet das „Aussiger Tagblatt" vom 26. v. M.: Bon nah und fern waren Vertreter von Kultusgemeinden und sozialen Vereinigungen herbeigeeilt, um der irdischen Hülle des Toten die letzte Ehren zu erweisen. Im israelitischen Tempel war der mit Blumengewinden bedeckte Sarg aufgebahrt. Unter den überaus zahlreichen Trauergästen sah man u. a. die Herren Dechant Konsistorialrat P. Zimmler, Superintendent Gummi (für die evangelische Gemeinde), Statthaltereirat Dr. Stepan, Oberkommissär Jellinek, Zollamtsverwalter Hübner, die Stadträte Ostermann und Niederndorfer mit mehreren Stadtverordneten, Bezirksobmann Köhler, Bezirksschulinspektor Schier, vom Gymnasium Direktor Dr. Hergel, Prof. Bruder und Hanik, Bürgerschuldirektor Nittner, der Direktor der Blindenschule Rauter, Doktor Hackel, Notar Dr. v. Kopetz, Oberinspektor Jonasch, die Vertreter der Kultusgemeinden von Teplitz, Bodenbach, Leitmeritz, Lobositz und Soborten, der B'nai Brith „Bohemia" (Prag), der „B'nai Brith" Teplitz, des Vereines „Societät" (mit dem Sitze in Prag), deutsche Aerztekammer Prag (Dr. Güttler), Sektion Tetschen- Bodenbach des Vereines deutscher Aerzte in Böhmen (Dr. Kugel), der Sektion Aussig deutscher Aerzte, des Bezirksvereines der Aerzte Tetschen-Bodenbachs (Dr. Menzel), der Krankenkasse der A.-T. E., des Vereines „Chewra Kadischa" (Aussig), des israelitischen Frauenvereines Aussig, des israelitischen Lehrervereines für Böhmen (Prag), des Pensionsvereines der israelitischen Lehrer (Prag), des Ferienheimes Teplitz usw. — Der Mannergesangverein „Orpheus", dem der Verstorbene als Mitglied angehörte, war korporativ erschienen. Die Trauerfeier wurde von einem Trauergesange des Tempelchores eingeleitet, worauf der Rabbiner Herr Dr. Rosenzweig in ergreifenden Worten an das plötzliche Hinscheiden des Freundes erinnerte, das Trauer in die Häuser aller Glaubensgenossen brachte und die Anteilnahme jedes Menschen wachrief, der dem Verstorbenen jemals näher getreten. Er schilderte den Dahingegangenen als wahrhaft frommen, edlen und guten Menschen, der nicht nur der beste und fürsorglichste Familienvater, der eifrigste Verfechter der Interessen seines Standes lvar, sondern auch seine ganze Kraft der seiner Obhut anvertrauten Gemeinde widmete, der er stets ein leuchtendes Vorbild war. Durch seine nimmer rastende Energie brachte er die Glaubensgemeinde und deren Einrichtungen auf eine Stufe, daß sie sich den größten Gemeinden des Vaterlandes würdig an die Seite fteüeu könne. Er setzte alle persönlichen Interessen zu Gunsten der Gemeinschaft hintan und seine Türe und feine Hand stand für alle offen, die Rat und Tat brauchten. Mit innigen Dank- und Abfchiedsworten und der Versicherung, daß die Gemeinde in Treue zu dem verwaisten Hause stehen werde, schloß der Redner seine zu Herzen gehenden Worte, worauf der Sarg hinausgetragen und dem Leichenwagen zur letzten Fahrt übergeben wurde. _ Den .Zug eröffneten die Mittelschüler der Söhne des Verstorbenen (aus per Tertia und Ouarta des Gymnasiums), denen sich der Tempelchor und der MGV. ,L)rpheus" anschloß. Dem Leichenwagen folgten der Rabbiner mit den Kantoren, die Familienangehörigen, die Repräsentanz der Kultusgemeinde und dann in langem Zuge Hunderte von Trauergästen. In den Straßen bildeten abermals Hunderte Spalier. Viele waren auf den Friedhof hinausgeeilt. Am Grabe verrichtete zunächst Herr Kantor G r z y b die rituellen Gesänge. Dann nahm in Vertretung der

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