Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022117--23255-3048444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
©eite 462 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 27 den Straßen Sarajevos Herumtrieben. Eine so verzweigte Verschwörung entsteht nicht im dumpfen Gehirn Zeines verwahrlosten Gymnasiasten und eines Arbeiters, die zu stupiden Werkzeugen versteckter und deswegen noch abscheulicherer Banditen wurden. Auch in Belgrad hatte keine maßgebende Persönlichkeit ein Interesse, die dauernde Feindseligkeit der mächtigen Nachbarmonarchie hervorzurufen, mit welcher man eben bessere Beziehungen anbahnen wollte. Die Herkunft der Mörder aus Belgrad war nur ein tückischer Schachzug der plumpen Spieler an der Newa. Der Erzherzog-Thronfolger ist den Mächten der Finsternis zum Opfer gefallen, welche über Rußland gewaltätig herrschen und den Meuchelmord zu ihrer politischen Waffe machten. Erst wenn diese aus Europa vertrieben sind, wird der drückende Alp vom Osten und Südosten Europas weichen. Von dem großen Opfer mitgetroffen ist leider auch unser erhabener Kaiser. Er hat einen treuen Helfer, einen ergebenen Freund verloren, welchem er sich in manchen entscheidenden Stunden anvertraute. Nun muß er selbst wieder alles mit eigener Kraft vollführen, was seine leuchtende Weisheit als richtig erkannt hat. Das verstockteste Herz muß von der Größe gerührt werden, mit welcher er die schreckliche Nachricht empfing. „Daß mir aber auch gar nichts erspart bleibt", sagte^er; in diesen schlichten Worten ist all der unmeßbare Schmerz enthalten, das den Kaiser in seinem Leben getroffen hat und alle anderen Unglücklichen durch sein Beispiel und seine Größe trösten muß. Nun ist noch einmal das Leid als ein trauriger Gast in die Kaiserburg eingezogen, in welche der Monarch von seiner so hart verdienten Erholung zurückkehrte, um, wie immer, in stiller Majestät des Herzens seine Pflicht zu erfüllen. Um wie viel ärger wäre doch der Schlag, der die Völker Oesterreichs getroffen hat, wenn wir unseren Kaiser nicht hätten, der den Frieden verbürgt und der Hort seiner Untertanen bleibt. Ihm — der wie einst der fromme Hiob inmitten gehäuften Leides in seiner Gottergebenheit nicht wankt —, wendet sich denn auch neben der Teilnahme der ganzen Welt die schrankenlose Bewunderung zu, die sich bei uns in die lauterste Liebe verwandelt. Kein Wunsch kann an Herzlichkeit und Wärme die Hoffnung aller Oesterreicher erreichen, daß ihnen der Kaiser nc^ch lange Jahre erhalten bleibe, er, der stets in allem Unglück der größte Helfer war und auch an einer Bahre die Trauernden mit dem Tröste seiner Liebe aufrichtet. (Dom 3ahrmarfef Oes Lcveiiü. Trauersitzung -er israelitischen Kultusgemeinde Wien. Am Mittwoch den 1. Juli fand eine außerordentliche Sitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde statt, um der Trauer der Judenschaft anläßlich des Luf so tragische Weise erfolgten jähen Hinscheidens des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin solennen Ausdruck zu verleihen. Zu dieser Trauerkundgebung waren der Vorstand und die Beamten der Kultusgemeinde in Trauerkleidung erschienen. Der Vorsitzende 1. Vizepräsident Landesschulrat Dr. Gustav Kohn hielt namens des infolge schwerer Erkrankung an dem Erscheinen verhinderten Präsidenten Dr. Alfred Stern die folgende Ansprache, welche von den Anwesenden stehend angehört wurde: Meine Herren! Die empörende Untat, welche sich letzten Sonntag in den Straßen Sarajevos abspielte und durch welche unser erhabenes Allerhöchstes Herrscherhaus, mit ihm die gesamte Monarchie so schwer getroffen wurde, hat jeden einzelnen Bürger dieses Reiches in die tiefste Trauer versetzt. Schon rein menschlich greift der Gedanke mächtig ans Herz, daß Leine kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Franz Ferdinand, der dem glorreichen Throne unseres geliebten Monarchen am nächsten stand, in der Vollkraft seines Mannesalters, in Ausübung seines hohen Dienstes für Kaiser und Vaterland zusammen mit seiner hohen Gemahlin, an der er mit so viel Liebe hing, durch die ruchlose Tat eines Verirrten aus einem so hoffnungsreichen Leben gerissen wurde. Die Judenschaft der Haupt- und Residenzstadt Wien, mit ihr die gesamte jüdische Bevölkerung Oesterreichs, welche während der verflossenen 66 jährigen segensvollen Regierung unseres innigstgeliebten Kaisers an all seinen Freuden und an all seinem, ach so vielem Leid stets mit treuer Hingabe teilgenommen hat, blickt auch jetzt, da das Allerhöchste Herrscherhaus von so schwerem Schicksalsschlage ereilt wurde, vereint mit allen Völkern dieser Monarchie in tiefster Ehrfurcht und mit innigster Teilnahme zu der geheiligten Person Seiner Majestät empor. Und wie wir vor kaum einem Monate um das teuere Leben des großen Friedenskaisers zitternd inbrünstige Gebete für die baldige Genesung zu dem Allmächtigen emporsandten, wie wir jubelnd ein Dankgebet anstimmten, als die Kunde von der völligen Herstellung ider Gesundheit Seiner Majestät zu uns drang, so wollen wir auch jetzt treu zu unserem gramgebeugten Kaiser stehen, zu dem Allmächtigen flehen, er möge in seiner unendlichen Gnade dem gerechtesten, gütigsten Herrscher die Kraft leihen, auch diese Heimsuchung zu ertragen und ihn noch viele Jahre in voller ungetrübter Gesundheit, verschont von jedem ferneren Kummer, den Völkern dieser Monarchie, die ihm in Liebe ergeben sind, erhalten, als einen Hort der Gerechtigkeit, einen Schimmer der Gleichheit aller Bürger und den sichersten Schutz des Friedens. Ich beantrage die Einverleibung dieser Trauerkundgebung sowie des nachfolgenden Telegrammes, deren Absendung an die Kabinettskanzlei Seiner Majestät beschlossen werden möge, in das Protokoll: „An die Kabinettskanzlei Sr. Majestät! Der anläßlich des tieferschütternden Schicksalsschlages, den das Allerhöchste Kaiserhaus erlitt, zu einer Trauersitzung versammelte Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde gibt im eigenen Namen und namens der Judenschaft der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien sowie der gesäurten Judenschaft des Reiches der innersten Empörung über die ruchlose Tat, welcher das dem Allerhöchsten Throne anr nächsten stehende Mitglied des erhabenen Kaiserhauses, Se. kaiserliche und königliche Hoheit der 'durchlauchtigste Herr Erzherzog Franz Ferdinand und höchstdessen Gemahlin zum Opfer fielen, tiefempfundenen Ausdruck. Die Judenschaft dieses Reiches nimmt schmerzerfüllt Anteil an diesem Unglück, unterbreitet die alleruntertänigste Bitte, Seine Majestät geruhen diese Aeußerung der innigsten, herzlichsten Anteilnahme allergnädigst entgegen zu nehmen. In treuer Ergebenheit zu Thron und Vaterland vereinigt sich die österreichische Judenschaft zu dem tiefinnigeu Gebete: Gott leihe Seiner Majestät die Kraft, auch diesen herben Schlag . zu verwinden, Gott bewahre Seine- Majestät vor jedem ferneren Leid, Gott erhalte und beschütze unseren geliebten Kaiser und unser geliebtes Vaterland. Der Unterzeichnete Vorstand bittet ergebenst, diese Trauerkundgebung an die Stufen des Allerhöchsten Thrones gelangen zu lassen. Dr. Alfred Stern, Präsident, Dr. Gustav Kohn, erster Vizepräsident, Hofrat Dr. B. R a p p a p o r t, zweiter Vizepräsident, kaiserlicher Rat Dr. Theodor Lieben, erster Sekretär."