Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 457 „Ein schwerer Fall, mein Fräulein!" klang es an ihr £4)r eisig kalt — es war die Stimme des Herrn Stein bach^ - - „Sehen Sie nur, das Kollier hier ist in zwei Stücke zersprungen! Aber grämen Sie sich darum nicht, ich werde es reparieren lassen und Ihnen so bald als möglich nachsenden!" „Nachsenden?" — „Verreist denn das Fräulein?" „Sie wollen reisen?" schwirrte es durcheinander. „Ja!" antwortete für das mit zitternden Fingern mit dem Aufsammeln der Schmuckstücke beschäftigte Fräulein Herr S t e i n b a ch, „ja, das Fräulein gedenkt leider mein Haus bereits morgen früh zu verlassen! Fürwahr, ein unersetzlicher Verlust für mich und meine Kinder!" — —- In aller Frühe des nächsten Tages rollte ein Fiaker über das noch Taubenetzte Trottoir der Gasse von dem Tore des Steinbachschen Hauses weg — die Lippen aufeinandergepreßt, in den zarten Händen das feine Spitzenluch zerknitternd, lehnte das Fräulein in den Samtkissen des Wagens. Anstatt mit Plänen für die Zukunft, beschäftigte sie sich jetzt mit Gedanken an die Vergangenheit. Sie sandte Flüche in das Judenhaus zurück. Von einem Eckfenster aus sah Herr S1 e i n b a ch der davonrollenden Equipage nach, bis sie in eine andere Gasse einboH und seinen Augen entschwunden war. Dann kehrte er sich dem Schlafzimmer seines Kindes zu, vorsichtig die Rosavorhänge des Bettchens auseinanderbiegend. Sanft atmend lag der Knabe da, die Mesusa auf der Brust mit beiden Händen bedeckend, daß niemand sie ihm mehr rauben könne. „Ich habe doch nicht gelogen!" bewegten sich die Lippen des Kleinen im Traume. „Gewiß, Papa, ich habe nicht gelogen! Mama hat mir ja gesagt, ich darf nicht lügen." Da bog Herr S t e i n b a ch sich über das holde Wesen und ein heißer Kuß neuerwachter Vaterliebe segnete die Stirne des Kindes, während er flüsterte: „Dank dem Allmächtigen, der dich, du gutes Kind, von den Ränken einer arischen Stiefmutter und uns alle davor bewahrt hat? mit dem' Glauben der Väter zu brechen." Noch an demselben Tage wurde die Mesusa wieder aus ihrem früheren Platz angebracht und Siegfried ließ sich wieder emporheben, sie zu küssen und weinte vor Freude, daß die Mama im Himmel jetzt seiner gedenkt und Gefallen an ihm haben müsse. Ein idignierter Blick aus den grauen Augen des Fräuleins machte die Worte des Kleinen stocken. Sie erhob sich von ihrem Sitze und sagte markanten Tones: „Ich mutz Sie denn doch aber sehr bitten, Herr Steinbäch, mich vor den Jnvektiven Ihres Kindes zu schützen!" „Siegfried! Sofort bittest du das Fräulein um Verzeihung, du ungezogenes Kind!" herrschte Herr S1 e i n b a ch den Kleinen an, der unter dem drohenden Blitz des väterlichen Auges zitterte wie das Laub im Sturm, ohne jedoch dem Befehle des Zürnenden nachzukommen. Der Knabe hatte sich in eine Ecke des Salons zurückgezogen und verharrte daselbst schweigend, den Blick auf den Boden geheftet, die Hände, aus die von Zeit zu Zeit ein heitzer Tropfen von den dichten Wimpern niederfiel, in den Schatz gefaltet. Mit einem kräftigen Ruck den Sessel von sich schleudernd, erhob sich Herr S t e i n b a ch. Ein gellender Aufschrei von den Lippen des Knaben folgte — der Vater hatte heftip den zarten Arm des Kindes gepackt und es in einen Winkel des Zimmers geschleudert. „Ach, Herr S t e i n b a ch, ich bitte Sie," legte das Fräulein die feine Hand auf die drohend erhobene Rechte des Erregten, „er ist ja nun einmal eigensinnig, das wissen wir ja. Ich bitto Sie, strafen sie ihn nicht meinetwegen!" Der Kleine hatte sich schluchzend aus dem Zimmer entfern?. „Leider offenbart sein Charakter neuerdings recht bedenkliche Seilen," sprach das Fräulein. „Ich bin überzeugt, datz er die Kapsel versteckt oder von sich geworfen hat, um" — — „Ach — das wäre in der Tat ein Grad der Verkommenheit — aber es ist richtig, ihm fehlt die strenge Erziehung! — Mir mangelt es an Zeit und Sie besitzen nicht die genügende Autorität über ihn, um ihn bändigen zu können." „Wie sollte ich auch wohl, ich stehe ihm fremd gegenüber, so lauge" — „Sie sich nicht entschließen, ihm das Recht zu geben, Sie Mutter zu nennen," unterbrach sie Herr Steinbach. — „Ich sehe die Notwendigkeit immer mebr ein, baldmöglichst" - „Die Trauermonate sind noch nicht abgelaufen, Herr Steinbach!" fiel das Fräulein ihm ins Wort. „Reden wir später davon,." Und mit einem vielversprechenden Blick zog sie sich zurück. — — - Einige Wochen später strahlten die Sa.ons in dem Hause des Herrn Steinbach in festlichem Fmmmenglanz. Eine illustre Gesellschaft bewegte sich, wie die P.aneten um die Sonne, um das Fräulein, die in erquisitester Toilette prangende Repräsentantin des Hauses. Vergleichende, musternde Blicke flogen von dem jungen, reizenden Fräulein auf den Hausherrn und von diesem wieder auf das Fräulein. „Ach, ich bitte Sie, Beste, zeigen Sie uns doch das Geschenk des Herrn S t e i n b a ch. Mein Mann hat mir's als wahres Kabinettstück der Goldarbeiterkunst geschildert. Herr Steinbach soll eine horrende Summe dafür gezahlt haben," drängte eine der Damen der Gesellschaft. „Wenn Sie denn durchaus wollen," sagte das Fräulein, „so geschehe es. — Es ist in der Tat reizend! Herr Steinbach hat mir wirklich eine große Freude damit bereitet." Und sie ging, umringt von einer Anzahl der Besucherinnen, an ihren Sekretär, öffnete eine Schublade desselben und entnahm eine silberbeschlagene Schatulle. „Aber Melanie, mein Engel, so laß mich doch!" Das Mädchen aber zupfte ungeduldig an den Spitzen des himmelblauen Atlaskleides des Fräuleins. „!Früulein, lassen Sie mich doch auch sehen! Fräulein, ich kann ja gar nichts sehen!" A^elanie zerrte noch einmal energisch an dem Ueberwurf des Fräuleins. Diese machte einen Versuch, die Kleine abzuwehren und - unter einem kreischenden Aufschrei der blühenden Lippen entglitt das Schmuckkästchen ihrer Hand- und klirrend rollten die Kleinodien auf das Parkett. „Meine Mesusa, meine Mesusa!" schrie es plötzlich. Siegfried war einige Schritte aus seinem unbeachteten Winkel hervorgestürzt und bedeckte mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit den zu seinen Füßen gefallenen schmerzlich entbehrten Schatz. - - „O meine liebe Mama, meine Mesusa!" Literatur. Dr. G. Rosenmann, Rabbiner in Mühr.-Schönberg. Hofrat Professor Dr. David Heinrich v. Müller. Ein Lebensbild. Religiöse Bilder. Predigten von Dr. Georg Wilde, Rabbiner der Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg. Berlin 1914. Verlag von M. Poppelauer. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Zudem, Berlin C. 2, An der Spandauer Brücke 15. Schriftleitung Dr. Bruno Blau, Berlin. 10. Jahrgang, Heft Nr. 6, Juni 1914. Inhalt: I- Abhandlungen: Dr. Erich Simon, Frankfurt a. M.: Das Lernbedürfnis der preußischen Zuden im Lichte der Statistik. - Wlad. W. Kaplun-Kegan, Köln: Die Juden der Stadt Kertsch. - W. R.: Das jüdische Handwerk in Wilna. — II. Statistisches Archiv: Deutsche und Polen am 1. Dezember 1910 in der Provinz Posen nach dem Religionsbekenntnis. — Das Alter der jüdischen eheschließenden Personen in den Jahren 1909, 1910 und 1911 in Amsterdam. - Bevölkerungsbewegung in Berlin in den Zähren 1907 bis 1909. — Eheschließungen in Elsaß-Lothringen in den Jahren 1911 und 1912. Bevölkerungsbewegung in Lemberg in den Jahren 1910 und 1911. Jung-Juda. Illustrierte Zeitschrift für unsere Jugend. XV. Jahrgang. Nr. 11. Prag, den 19. Juni 1914 (25. Siwan 5674). Redaktion und Administration: Prag, II., Stefansgasse 629. Inhalt: Ein weiser Richter. — Ben I e h u d a. — Nathan