Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 446 Dr. Bloch's Wochenschrift Ar. 26 Eroberungs-, sonder^ nur Verteidigungskriege, freist auch in seiner Poesie, insbesondere den Psalmen und Siegesliedern, nur das hoheits- und machtvolle Wirken Gottes, weniger und fast gar nicht die Vernichtung des Feindes. Bibel, Talmud und Midrasch, selbst das jüdische Gebetbuch überbieten einander in der Einschärfung der Erkenntnis, daß nur im Frieden die Fülle alles Guten sich entwickle, daß der Friedenswunsch das Köstlichste und Höchste einschließe und daß der Frieden die Krönung eines jeden Segens sei. Von diesem Gedanken des Friedens ist das gesamte jüdische Religionsgesetz erfüllt und durchdrungen; von diesem Gedanken wird auch die jüdische Gottesauffassung beherrscht. Der Name Gottes bedeutet Friede. Der ewige Friedenszustand unter den Völkern und Staaten ist die messianische Zukunftshoffnung, die die Propheten mit chrer glühenden Phantasie ausmalen. In der einigen Menschheitsgemeinde spiegelt sich ab die Einheit, Allgerechtigkeit, Alliebe und Allgüte Gottes. Aus der Idee des Weltfriedens folgt die sittliche Gemeinschaft aller Menschen ohne Ausnahme, alle Menschen sind im Ebenbilde Gottes geschaffen und sollen als solche behandelt werden und auch handeln. Dieser Gedanke kommt zum Ausdruck u. a. in dem praktischen Gesetze II. B. M. 21, 25: K e i n Eisen darf über den Altar Gottes geschwungen werden, weil dieses das Instrument des Krieges ist. Nicht David, der ehemalige Kriegsmann, sondern Schelomoh „der Friedensreiche" darf den Tempel bauen. Dem Frieden in der Welt enffpricht der Frieden im Universum, dessen scheinbare Gegensätze wie Tag und Nacht, Entstehen und Vergehen nur die verschiedenen zur Harmonie sich vereinigenden Stimmen eines Tonwerkes darstellen (Jesaja 45, 5—6, s. Schema-Benediktion für Abend und Morgen), „Die Welt ist ein Friedenzustand" (Siphri z. IV. Buch Moses 6, 26). Dazu kommen die Vorschriften für einen unabwendbaren Krieg. Die Art und Weise der Kriegführung ist eine solche, daß den Forderungen der Humanität im vollsten Maße genügt werden muß, nicht allein gegen die eigenen Streiter, sondern in sehr hohem Grade gegen die Feinde. Vergl. V. B. M. 20, 1—20. Kein Kampf, keine Belagerung darf eröffnet werden, ohne daß man vorher Friedensanerbietungen gemacht hat (V. Buch Moses 20, 10, Maimonides a. O. — Richter 11, 12 ff., Mose IV, 21, 21). Bei Belagerungen muß eine Seite der Stadt von Umwallung frei bleiben als Ausgang für die Fliehenden (Maim. a. O.). Bäume und Quellen im Feindesland dürfen nicht verdorben werden (V. 20, 19—20). , Daß einer Berta von Suttner der Antisemitismus aus tiefster Seele zuwider war, ist wohl begreiflich. In einem Aufruf: „Ein Wort an die antisemitischen Frauen" heißt es: »Nichts ist leichter, als teu hetzen, nichts leichter, als bei ungebildeten Massen Haß und Mißtrauen zu wecken. Es ist daher die große Anhängerschaft, welche der Antisemitismus in der Bevölkerung, namentlich auf dem flachen Lande gefunden hat, kein Beweis für dessen Berechtigung;. Noch eins kommt hinzu: die Leute sind gar so froh, wenn sie irgend eine Klasse als minderwertig, als Geschöpfe zweiter Kategorie betrachten können; dadurch gewinnen sie in ihren eigenen Augen an Vornehmheit. "Wenn so ein kleiner Handwerker oder Hausknecht von dem vierspännig vorbeifahrenden Baron Soundso sagen kann: „Das ist nur ein Jud“, so fühlt er sich selber so gewiß geadelt. Allen jenen ferner, die unter dem Drucke wirtschaftlicher Verhältnisse leiden, ist es eine 'Wohltat, sich eine Klasse von Leuten vorzustellen, auf die sie ihren Groll abladen und von deren Zurückdrängung sie sich Abhilfe erhoffen können. »Viele denken nicht einmal so weit. Nur etwas zum Verfolgen und zum Beschimpfen!zu haben, das genügt ihrem Triebe. Denn daß die rohen Triebe aus der Menschheit noch nicht ausgerottet sind, das ist—dem Genius des Fortschritts sei’s geklagt 1 =■ eine nicht wegzuleugnende Tatsache. »Nun ist aber eine Bewegung, welche auf Trug und Ungerechtigkeit sich stützt, dabei den niederen Instinkten Nahrung gibt, eine Gefahr für die Gesellschaft. Eine desto größere Gefahr, als solche, die selber nicht lügen und selber nicht roh sind, davon ergriffen werden, weil sie bei den anderen begründetes Urteil voraussetzen — und es ist natürlich, daß die Vorurteilslosen endlich beginnen, sich energisch dagegen aufzulehnen. Nicht nur die Betroffenen, sondern alle jene, denen das schreiende Unrecht weh tut, das da ihren gleichberechtigten Mitbürgern, ihren gleichgearteten Mitmenschen geschieht, mußten schließlich zu einem lauten Proteste sich aufraffen.« Ihr Gatte, der unvergeßliche Gundaccar Arthur Baron Suttner, war der Gründer des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus". In seinem Testament redet er die edle Gattin an: „Du hast mir geholfen, dem Leben die schönsten Seiten abzugewinnen, mich desselben, zu freuen. Keine Sekunde der Unzufriedenheit hat es zwischen uns gegeben, und das danke ich deinem großen Verstände, deinem großen Herzen, deiner großen Liebe! Du weißt, daß wir in uns die Pflicht fühlten, unser Scherflein zum Besserwerden der Welt beizutragen, für das Gute, für das Licht der Wahrheit zu arbeiten, zu ringen. Mit meinem Heimgange ist für dich diese Pflicht nicht erloschen.- Das gute Andenken an deinen Gefährten muß dich aufrechterhalten. Du mußt in unseren Intentionen Weiterarbeiten, um der guten Sache willen die Arbeit forschen, bis auch du am Ende der Lebensstation anlangst." Den Reaktionären, Nationalisten und Antisemiteu aller Sekten galt sie darum allerdings als „verjudet". Allein am Grabe dieser Frau, die in allen Ländern der alten und neuen Welt mit ihrem flammenden Worte die Herzen entzündete, und der selbst ihre erbittertsten Gegner'nicht mehr vorwerfen konnten, als den hohen Flug ihrer Begeisterung für den Gedanken, dem sie ihr Leben geweiht hat, werden sich die Fahnen aller Nationen und Länder in ehrfurchtsvoller Trauer neigen. Auch das jüdische Volk neigt sich in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor dieser edlen Gestalt; sie war in der Tat unseres Geistes. Plrwa und Mädchenhort. Bekanntlich wurde der christliche Sozialismus hauptsächlich zu dem Zwecke ins Leben gerufen und propagiert, um der jüdischen Korruption ein Ende zu machen. Machen wir nun die Bilanz von den zwanzig Jahren antisemitischer Herrschaft und betrachten wir die Sollseite. Man mag welche politische Stellung immer haben, so wird man wohl zugeben müssen, daß die Korruption ins Maßlose gestiegen ist, seitdem die Christlichsozialen in Oesterreich die Führung übernommen haben. Ihr Beispiel und ihr Einfluß haben auf allen Gebieten vernichtend gewirkt. Ihre Verwaltung ist jene Freunderlwirtschaft und jenes Bestechungssystem, das ihr eigener Anhänger Hatzl genügend beleuchtet hat. In der Wissenschaft und Kunst lassen sie nicht die Befähigung gelten, sondern die Gesinnung. Auf die Justiz haben sie durch ihre politische Macht verhängnisvollen Einfluß genommen. In der Politik haben sie die Verhetzung zum Prinzip gemacht und Oesterreich dadurch an den Rand des Abgrunds gebracht. In der auswärtigen Politik vertreten sie nicht die vaterländischen, sondern die römischen Interessen und haben dadurch eine dauernde Kriegsgefahr heraufbeschworen. In der Wirtschaftspolitik verraten sie die ganze Bevölkerung an ihre Protektoren, an die Grundbesitzer. So ließe sich noch lange über das Verbrechen reden, das frühere Regierungen durch die offenkundige Förderung der Antisemiten an der Monarchie begangen haben, und über den Unsinn, den die Wähler dieser Leute für sich selbst begehen.