Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 440 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 25 auf: schmale, von hochgiebeligen Häusern umfaßte, von vorspringenden Erkern veschattete Gäßchen, die in krummgebrochenen Linien, in schier unentwirrbaren Labyrinthgängen sich um einen Dom, um eine Festung oder ein Hanbelsemporium drängen. Spitzbogen über den Toreurgängen und Fenstern gehören evenso zu den Attributen des Judenviertels wie das sprichwörtliche Spinnengewebe und Staubgelage, das darüber schlummert. Wie anders die Kismarroner „Gasse", wie iie par excellence int Volksmunde heißt! Eine schnurgerade, ziemlich bequeme, wohlgepslegte, freundlich-heitere Doppelhäuserreiye ohne Nebengäßchen, in die von oben die kahle Klostermauer der Barmherzigen Brüder unwirsch hinunterblickt, während talseits die Zinnen und Türmchen der Schutzveste Kismarton mild herübergrüßen. Ja, Kirche und Staat waren stets die beiden Wächter und „Beschirmer", die das Ghettojudentum eng zusammenhielten. Die Häuser selbst mehr in die Höhe wie in die Breite strebend, stammen weder aus dem Mittelalter, noch aus dem sechzehnten und siebzehnten, den verfolgungsreichen, also mittelalterlichen Jahrhunderten der jüdischen Geschichte. Die Glanzzeit der Esterhazy in der Aera Leopoldiana hat die Gasse ins Leben gerufen, die Theresianische und Josefinische Periode sie gefestigt und geordnet. Wie ein berufener Schilderer der „Kunst int Eisenstädter Ghetto*) schreibt: „Sie bieten zum großen Teile, so schmucklos sie in der Regel nach außen sind, int Innern anziehende Details. Diese Bauart charakterisiert so ganz und gar das jüdische Leben dieser Zeit: nach außen verschüchtert und anspruchslos, lebt der Jude aus, weun er in seinen Familienkreis tritt, lebt nur diesem und trachtet im Innern seines Heimes dieses so schön und gemütlich als möglich auszugestalten." „Nur das Waschbecken und die Kanne, das herausgemeißelte Abzeichen der Leviten auf ihren Häusern, bringt Abwechslung in das Aussehen dieser Gebäude." In diesen und solchen Häuschen und Stübchen stand die Wiege der heute renaissierenden Biedermeierkunst, der heute selteneren Biedermänner, hier liegt noch traumverschleiert ein gut Stück Romantik. Und doch ist die Gasse andererseits kein xbeliebiger, netter Wohnwinkel deutscher oder ungarischer Spießbürger. Um die Ecke biegt die Gasse in scharfem Knie, und siehe, auch die altertümlichen, pittoresken Motive fehlen nicht: offene, schwibbogengetragene Stiegenaufgänge von der Straße, bis zur Erde reichende morsche Holzdächer, gitterverrammelte enge Luken lugen in diese alte Welt. Am Ende der „oberen" Armeleutgasse aber steht plötzlich ein dunkelgestrichenes großes Tor vor uns: hier ist die Welt wirklich mit Brettern verschlagen, mit den vier ungehobelten Fichtenbrettern, die den vielgeplagten Wanderer des Lebens in diesem „Haus des Lebens" aufnehmen. „Die Judengasse ist wie das Leben." So beschaulich dieser Ausgang der Gasse stimmt, so energisch blicken ihre beiden Eingänge: hier eine eiserne Kette, dort ein geschmiedetes Tor halten wie zwei vorzeitige Hoffchranzen an ihren Seiten Wache. Am Freitag Abend treten sie in Tätigkeit: sobald des Sabbats Majestät naht, klirrt die Kette, knarrt das Tor und der Wagen- und Gewerbeverkehr ist auf vierundzwauzig Stunden aus der Gasse verbannt. Sie kann es tun, die Judengasse, die autonome Großgemeinde Alsokismartonhegy, die nicht bloß räumlich, sondern auch politisch von den drei Nachbargemeinden desselben Städtchens getrennt, ihre Administration selber regelt. Dieser Isoliertheit verdankt das Kismartoner Ghetto nicht bloß seinen konfessionell reinen Charakter, sondern auch seine bis heute unverfälschten Sitten und Gebräuche, die es dem Folkloristen über alle anderen Judenansiedlungen wertvoller und interessanter machen. Hier ist es, wo der Tempeldiener — gleich dem Muezzin — zweimal täglich zum Gottesdienst „klopft", hier wird z. B. noch ösfentticy -zum Zählen des Omers rufend gemahnt, hier, in diesem Milieu ist es möglich, daß jedes Familienfest zur Gemeindefeier, die religiösen Feste aber zu Gassenschaustellungen werden.*) Das Ghetto ist hier nicht mehr religiöse, soziale Einheit allein, es ist familiäre Gemeinschaft! In diese traute Welt der kleinen Lebensmöglichkeiten und Ambitionen, in das selbstzufriedene Tun des Philisters, der sich eben anschickte, in festlicher Kleidung seine treueste Freundin, die Sabbatbraut, zu empfangen, in die ahnungslose Stille dröhnt es plötzlich wie Donnerschlag und Sturmesgeheul: es brennt! Ein im Ghetto seit Pozsony doppelt schauerliches Ausrufungswort. Genau in der Mitte der Gasse, an historisch und kulturell merkwürdiger Stätte flammte es zuerst auf und auf die historischen, kulturellen Stätten hatte es das Element am meisten abgesehen. Wo vor 150 Jahren der vielleicht größte Talmudgelehrte, den Ungarn hervorgebracht, das Licht der Welt erblickt, im Geburtshause R. Akiba Egers, wo dessen Vetter, R. Samuel Güns, ein Lokalmäcenas, Stiftungshäuser für Schule und Wohltun errichtet, dort begann der Ruin, und die jüdische Volksschule, der erste Stolz jeder Gemeinde, war fein erstes Opfer: Schutt und Asche zeigen die Spuren einstiger Herrlichkeit. Am Nachbarhause kündet eine Marmortafel, daß der vielbeschäftigte Hoffaktor, Landesrabbiner und Judenbeschützer R. Samson Wertheimer es gegründet; in den übermeterdicken Wänden befand sich sein rituelles Hausbad, im Hofe steht seine Privatsynagoge, deren einstmaliges Frauenemporium scheinbar der jetzige Brand zum Vorschein gebracht. Wie rasend rennt die Flamme über diese adelige Kurie hinweg, um sich an dem neugedeckten Museumbau der Familie Wolf zu brechen, dessen Schätze an Ausgrabungen und Altertümern, an bibliothekarischen und Kunstwerten schwer zu ersetzen wären. Nun geht es in raschem Flug zurück, Privathäuser und Gemeindeamt sind im Nu dahin, bis die hohe Feilerwand, das traditionell alle Häuser des Ghettos überragende Dach des Tempels dem Verderben Einhalt gebietet. Gott beschützt und hilft sich selbst — sagt naiv-treuherzig das Volk! Aber auch das Volk des Kismartoner Ghettos hilft sich selbst. Kaum hat die rote Gefahr ihren glimmenden Siegeszug über die schwarzen Kohlenfurchen beendet, kaum haben Mann und Weib und Kind ihre Sabbatsiesta auf den luftigen, leider leergebrannten Höfen ihrer Wohnsitze überträumt, greift die Gasse wie ein Mann schon zur Arbeit. Bald sind die Trümmer einer traurigen Stunde hinweggeräumt, schon blinkt es wieder in Straßen und Höfen und auf den Brandstätten hackt und hobelt und hämmert es. . . Die Gemeinde aber, die kleine, die schwerbetroffene, jammert nicht und sammelt nicht, sie sitzt bloß ernsten Rates darüber, wo und wie die neue Schule bald ausgebaut werde. Siehe, die Lehre der modernen Ghettobrände! Die Schule, die alma inater der Kleinen und Großen, bleibt des Judentums stärkste Stütze. Ob es gilt, in Pozsony, im Sammelghetto des Landes, der Hoschule jüdischer Gelehrsamkeit beizustehen, ob in der splendid isolierten Kismartoner Judengasse den Abeschützen ein neues, gesundes, modernes Heim zu errichten ist — hell klingt das von Szechenyi adoptierte Losungswort des Propheten Hosea auch aus den rauchenden Ruinen des Ghettos: ,Mein Volk ift, dahin, ist es des Wissens bar!" *) Näheres' darüber siehe Dr.' A. Fürst: Sitten und Gebräuche einer Judengasse, Szekesfehervär, 1908, Ed. Singers Bucht). 1 k. *) S. „Pestes Lloyd", Beilage vom 25. Dezember 1912.