Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Jet. 25 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 439 f u r t e r am hiesigen Bahnhofe ein, wo derselbe von der gesamten Repräsentanz und vielen Gemeindemitgliedern sowie dem Ausschüsse des jüdischen Frauenoereines erwartet wurde. Hier richtete Vizepräses Advokat Dr. Jg. Lange Worte herzlicher Begrüßung an den neuen Seelsorger, während die Präsidentin des Frauenvereines, Frau Breslauer, die Frau Oberrabbiner in warmen Worten bewillkommnete. In langer Wagenkolonne ging's nun durch die Stadt zur festlich beflaggten und herrlich geschmückten, mit Teppichen, Blumen und Blattpflanzen dekorierten Synagoge, wo die gesamte Schuljugend Ausstellung genommen hatte. Hier begrüßte Frl. Emmy Lederer in kroatischer Sprache unter Ueberreichung eines Riesenbuketts in blau-weißen Farben an der Eingangspforte den neuen Seelsorger, worauf dann der Einzug in die Synagoge erfolgte. Hier hatte sich indes der größte Teil der Eemeindemitglieder versammelt und auch die Bezirks- und Stadtbehörden sowie die konfessionellen Behörden waren durch ihre Spitzen vertreten. In Begleitung des Tempslvorstehers Herrn Aler. P o l l a k betrat nun der neue Seelenhirt die Synagoge, wo wo er von Herrn Dr. A. L. Lederer in formvollendeter kroatischer Sprache in sein Amt eingeführt und ihm Tempelsitz und Kanzel übergeben wurde. Herr Dr. Frankfurter erwiderte in einer kroatischen Rede, dankte für das ihm entgeaengebrachte Vertrauen und schloß mit einem Gebete für ein gedeihliches Wirken in seiner neuen Gemeinde. Nach dem Minchabgebete bestieg Ehrwürden Herr Oberrabbiner Dr. I. Diamant aus Vukovar die Kanzel, um den Amtsbruder und Nachbarkollegen zu inthronisieren und ihn zur Liebe und zum friedlichen Wirken zu ermahnen, worauf dann der neue Seelsorger in eloquenter Weise fein Programm in kurzen Zügen entwickelte, das darin gipfelte, in streng konservativem Sinne wirken zu wollen und daß bei ihm Lehre und Leben vollkommen übereinstimmen müssen, um ein gedeihliches Wirken erhoffen zu können. Die mit geistreichen Zitaten aus Talmud und Midrasch geschmückte Rede hat großen Eindruck aus sämtliche Zuhörer ausgeübt. Mit einem hebräischen Gebete schloß die erhebende Feier. Am Abend war beim Präses, Herrn A. Beck, ein großes Fischessen zu Ehren des Herrn Oberrabbiners und seiner Familtq. bei dem ein großer Teil der Gemeinde zugegen war^ — Herr Dr. Frankfurter und seine liebenswürdige Gattin erfreuen sich hier der größten Sympathien und werden hier an das Wirken des neuen Oberrabbiners große Hoffnungen geknüpft. Es sind aus Anlaß der Installation der Gemeinde zahlreiche Gratulationsdepeschen zugekommen, unter anderen von den Gemeinden, in denen Herr Dr. Frankfurter früher gewirkt hatte, Branjaluka (Bosnien), Daruvar, Rabbiner Dr. H. E. Kaufmann, Virovitica, Rabbiner Dr, I. Kramer, Karlsruhe, Rabbiner L. S ch ö n f e l d, Ragykaroly, Rabbiner P. Keller, Banjaluka, u. v. a. Eger. (Ehrung.) Samstag, den 13. d. M., fand sich in der Wohnung des gewesenen Vorstehers und Mitbegründers unserer. Ehewra-Kadischa, Herrn Wilhelm H e r r m a n n, der derzeitige Vorsteher des Vereines in Eger, Herr Hugo Fleischt, in Begleitung seines Stellvertreters Herrn Rudolf Fifchl, sowie die Herren Beiräte Jakob L ö w y und Heinrich Rosenberger ein, und überreichten Herrn Herr mann aus Anlaß seines Ausscheidens aus dem Ausschüsse des genannten Vereines ein prachtvoll ausgestattetes Ehrendiplom, ihm gleichzeitig seine Ernennung zum Ehrenmitglieds bekannt gebend. Herr Vorsteher Hugo F l e i s ch l richtete an denselben herrliche Dankesworte namens des Gesamtausschusses der Ehewra-Kadischa für sein selbstloses, aufopferndes Wirken, wobei er dem Wunsche Ausdruck verlieh, daß das neue würdige Ehrenmitglied noch viele Jahre seine schätzbaren Kräfte dem Dienste des Vereines widmen möge! Herr Herrmann dankte in sichtlich erregten Worten der Abordnung für die ihm zuteil gewordene Ehrung. W. Brünn. (Verlob u n g.) Herr Leo A st, Kantor der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, hat sich mit Fräulein Elise Grünbaum aus Holleschau verlobt. Feuilleton. Da« Kismartoner Ghetto. ") Von Dr. A Fürst. Von den großen Tageszeitungen fast unbemerkt, unter dem banalen Sammeltitel „Provinzfeuer" hat sich diese Woche eine traurig-interessante Kismartoner Notiz verzogen, die noch außerdem den Schaden hatte, in der nächsten Nähe von dem unheimlichen Gewehrgeknatter eines verliebt-wahnsinnigen Bauernburschen übertönt zu *) Aus dem Pester Lloyd". rverden. Wohl wenige Leser mögen es gewußt haben, daß der Brand in Alsokismartonhegy das letzte, in seiner Reine einzige Ghetto in Schutt gelegt, das Ungarn heute noch besitzt. Knapp nach einem Jahre ist es seinem mächtigeren Bruder und Nachbarn gefolgt, aber von dem kontinentbewegenden Schall und Rauch, mit dem die Pozsonyer Katastrophe erfolgte, ist ihm bloß der Rauch geblieben. Bescheidener in seinen Aufbaugrenzen, bescheidener in den Abbranddimensionen, weiß dieses genau zweihundertjährige Ghetto, das sich bis heute von jeder Invasion Fremder frei halten konnte, ebenso von Judenleid und Judennot zu erzählen, wie der jedenfalls ältere, aber weder ethnisch, noch ethisch jüdisch gebliebene Schloßgrund Pozsonys. Statt der reichen Krönungsstadt, die ihren unentbehrlichen Hausjuden um sich, aber nicht in sich haben wollte, war es hier eine einzige Magnatenfamilie, die der Esterhazy, die — freilich nicht ganz uneigennützig — ihren Schutzjuden im Schatten ihres Residenzschlosses Grund und Boden angwiesen hat. Dort von Anfang an in tust- und lichtleere Quartiere eingepfercht, durften sie sich da auf freien Bergesabhängen niederlaffen, nur durch Wald und Tal von den übrigen Bewohnern des Ortes abgesondert. In stetem Kontakt mit den Weltereignissen, mit lebhaftem kommerziellen Nähr- und traditionell talmudischem Lehrbetrieb mußte sich dort da) Kapital und die Not anhüufen, kamen die großen KauZ leute und Gelehrten aus Pozsony, während in der weltabgeschiedenen Verlassenheit dieses königlichen Freistüdtchens die kleinen Existenzen sich mehrten, aus denen die Schwärmer und Spötter hervorgehen. Beider Inwohner über ihresgleichen zu herrschen gewohnt, geschah es bei den Preßburgern, den geborenen Führern der ungarischen Judenheit, mit selbstverständlicher Würde, beim Eisenstädter, der bloß seinen sechs Trabantengemeinden zu inrponieren suchte, die sich um ihn in den Revieren der Esterhazy lagerten, mit einem Anflug von bewußtem Stolz. Als Kleinstadt konnte Kismarton nicht einmal die Überwältigende Größe eines Dr. Israel Hildesheimer, die sie während des ungarländischen jüdischen Kongresses besaß, für Ungarn behalten — bloß der Drang nach modernem Judentum, nach weltlicher Bildung und Kultur ist Kismarton seither verblieben: ein Zug, der dem Kismartoner Ghetto den scheinbar paradoxen Namen eines modernen Ghettos verschaffen könnte. Wie es sozial und geistig anders als Pozsony geartet ist, so unterscheidet es sich auch baulich, in seiner inneren und äußeren Struktur von dem gewohnten Typus des Ghettos. Vielfach wurden sie ja voriges Jahr geschildert, die massiven Mammutbauten der Pozsonyer Judengasse, die Riesenhöfe mit den offenen Gängen, mit den neben- und übereinander gelagerten Massenquartieren für Allerweltjuden. - Hier dagegen ursprüngliche Einfamilienhäuser, die sich freilich zur Zeit einer malthusianischen Judengesetzgebung zu einem Zellengewebe familiärer Einzelbesitze zersplitterten, als von jedem freienden Jüngling der Nachweis eines „eigenen" Heims verlangt wurde. Da wurde denn innen gebaut und geklebt, da entstand in den Höfen das wunderliche Winkel- und Wackelwerk: jedes Haus von einer Masse Hausbesitzern besessen, während dort das Proletariat eu vm886 haust; dort lauter Zinskasernen, hier für Mieter kaum Platz, "diese müssen in den Armen- oder Stiftungshäusern Unterkunft finden, soforn sie nicht außerhalb der Gasse Wohnung nehmen wollen. Und entspricht etwa der äußere Anblick Kismartons der Vorstellung, die wir uns von dem vielgeschmähten Namen des einstigen Venezianer Kupierschmiedeviertels machen? Hören wir den italienischen Ghettonamen nennen, so taucht ein deutsches Bild vor unseren Augen