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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-06-19 · 25 (19.6.1914) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr, 25 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 333 k. k. Bezirksgerichtes, aber bis jetzt warten die Leute vergeblich darauf, daß endlich auch der erste christliche Dienstmann oder Postomnibuskondukteur „sitzen" muß, denn dieselben haben ebensowenig eine Konzession als Verrnittler und sind ebensowenig wie die jüdischen Vermittler berechtigt, als Vermittler von Wohnungen zu fungieren; aber — sie dürfen ungestört das Gewerbe ausüben und können den Hausbesitzern Gebühren vorschreiben, ohne daß sie dabei jemand stört. Gemäß des Karlsbader Dienstmännertarifes hat ein Dienstmann das Recht, für die Wohnungs e r mittlung, also nicht Vermittlung, Gebühren zu verlangen, und zwar für eine Viertelstunde Arbeit 40 Heller, für eine halbe Stunde 80 Heller und für eine Stunde 1 Krone. Null ist sicherlich in Karlsbad überhaupt kein Dienstmann zu finden, der unter dem dreifachen Tarif zu haben ist, und es ist eine feststehende Tatsache, daß die gewöhnliche Vermittlungsgebühr, die der Vermieter zu bezahlen hat, wenn ihm ein Dienstmann einen Kurgast bringt, „10 Kr." beträgt. Die jüdischen Kellner sind bei ihren Glaubensgenossen mit 4 bis 6 Kronen zufrieden gewesen, und es scheint, daß man sie als „Preisverderber" unschädlich machen wollte, denn seit Jahr und Tag wurde gegen sie eine wahre Hetze betrieben. Die Folge ist die, daß die jüdischen Kurhausbesitzer und Wohnungsvermieter in der Bahnhofstraße und Umgebung, welche bisher fast ausschließlich auf die polnischen Kellner angewiesen waren, ihre Wohnungen leerstehen haben, und lamentieren, da sie die Zinse nicht erschwingen können. Eine solche Frau, geborene Karlsbaderin, erzählt: „Ich habe jetzt im Juni 7 Zimmer leerstehen und noch nie besetzt gehabt. Gestern brachte ein Dienstmann, der 10 Kronen für die Zuweisung per Kurgast verlangte, einen Herrn und eine Frau zu einem christlichen Nachbarn, woselbst sie nicht blieben, und als sie aus dem Hause herauskamen, sprach ich., dieselben.,an uudbotihnen eine,Wohnung bei mir an. Sofort kam der Dienstmann dazu m\b redete die Leute ab, bei mir zu wohnen, und als ich es mir entschieden verbat, mit mir als Karlsbader Hausbesitzerin iit diesen: Tone!zu reden, hatte der Mensch, der das Gewerbe der Vermittlung unter den Augen der Behörde ohne Bewilligung ausübt, die Kühnheit, mir zuzurufen: „Wenn Sie nicht sofort aufhören, zeige ich Sie an!" Eine Anzeige von mir hätte den einzigen Erfolg, daß der Mann vielleicht 2 Kronen Strafe erhält und sämtliche Dienstmanncr über mctit Haus den Bohkott verhängen würden, denn wir haben ja an der Spitze der Stadtverwaltung als eigentlichen Leiter einen Antisemiten, der seine Gensinnungsgenossen, wo er nur kann, in Schutz nimmt." Aber diese Verhältnisse fangen an, sich bitter zn rächen. Die Gewaltpolitik, die von oben aus betrieben wird, zeigt bereits ihre Früchte. In einer alten Karlsbader Druckerei wird ein neues Blatt, der ..Karlsbader Anzeiger", gedruckt. Die Familie, die das Blatt druckt, ist eine christliche und stand sogar einstmals im Rufe, nicht zu den Freunden der Juden zu gehören. Nun scheint dieses Blatt ebenfalls das Judenschicksal zu teilen, es findet keine Gunst, erhält weder Inserate noch Drucksachen von der Stadtgemeinde, und die Redakteure werden zu keinen Veranstaltungen der Stadt geladen. Der Mann rächt sich nun und feuert aus die Stadtvertretuna los, daß es Funken sprüht. Er schreibt mitten in der Hochsaison Artikel unter der Ueberschrift „Karlsbads Niedergang", worin er nachweist, daß Karlsbad in jeder Beziehung unter dem gegenwärtigen Regime immer tiefer sinkt. Man hält sich darüber, und nicht mck Unrecht, auf; aber es zeigt, wie weit es in Karlsbad mit dem Kampfe gegen die Juden und die eigenen Bürger gekommen ist; eine solche Unzufriedenheit war noch nicht da, und einer der ältesten und bochanaesebensten Aer?.te, der jahrzehntelang in Karlsbad praktiziert, rief kürzlich aus: „Ich habe schon manche gute und manche schlechte Verwaltung in Karlsbad mitgemacht, aber eine so unduldsame war noch niemals da." Und dabei ist es ganz merkwürdig, zu. hören, wie die Mehrzahl der Karlsbader Juden sich freimütig äußert: „Mit unserer christlichen Mitbevölkerung kämen wir ganz gut durch und verspüren auch keinen Antisemitismus — aber von der Mühlbrunnstraße weht der judenfeindliche Wind allein, vom ersten Stock des Eckhauses. Im jüdischen Hospital in Franzensbad. Unter mehreren Einladungen, die ein Kurgast nach seinem Eintreffen in jedem Kurorte zugeschickt bekommt, fand ich auch eine Einladung zur Besichtigung des von der jüdischen Kultusgemeinde in Franzensbad errichteten Hospitals für unbemittelte Kranke. Neben Karlsbad ist Franzensbad der zweite Kurort, welcher nicht nur von vielen reichen, sondern auch von armen Juden ausgesucht wird, die eben nicht in der Lage sind, diese horrenden Summen, welche zum Besuche eines Weltkurortes erforderlich sind, aufzubringen. Es berührte mich daher ungemein angenehm, zu wissen, daß auch in Franzensbad für arme kranke Juden Vorsorge getroffen wird, und so machte ich mich auf den Weg zur Besichtigung dieses für die Armen segenbringenden Institutes. Im jüdischen Gemeindehause, in welchem sich ein prachtvolles Gotteshaus, die Wohnungen des Rabbiners und Kantors befinden, ist der erste Stock mit neun Zimmern und einem großen Speisesaal für das Hospital bestimmt. In jedem Zimmer werden je zwei Kranke einquartiert. Von der peinlichen Sauberkeit und Bequemlichkeit mich überzeugend. überraschte es mich nicht, zu bemerken, daß fast alle Kranken trotz ihrer Leiden frohen Mutes sind und gut aufgelegt. Die Kranken, lauter würdige Personen, unter welchen ich auch mehrere Wiener Patienten wahrgenommen, bekommen außer Logis freie Bäder, Kost, ärztliche Behandlung und Medikamente gratis und in gewissen Füllen auch die Reisespesen nach Hause. Dreimal in der Saison trifft in diesem Hospital ein Trupp von solchen armen Kranken ein, für dessen Erhaltung die Franzensbader Kultusgemeinde unter der Präsidentschaft des wahrhaft ungemein aufopferungsvollen Herrn Theodor Spiegel zu sorgen sich bestrebt. Herr Rabbiner Dr. Spitzer und Herr Kantor Josef Glück sind eitrig bestrebt — zumal sie int selben Hause wohnen —, den Kranken durch ihre Gesellschaftleistung den Aufenthalt im Hospital zu verschönern. Besonders Herrn Kantor W l ü ck, dessen gottesdienstliche Funktionen nicht nur für die reichen Besucher des Gotteshauses, sondern auch für die armen, die allsabbatlich korporativ im Tempel erscheinen. ein Genuß sind, ist es zu danken, daß die armen Kranken sich täglich wohler und besser fühlen. Ist er doch der Küchenverwalter des Hospitals und gemeinsam mit seiner Gattin auf das Gewissenhafteste bestrebt, das Beste auf den Sveisetisch der armen Patienten zu setzen. Herr Kantor Glück ist auch als stiller Wohltäter in Franzensbad bekannt und nicht selten ist es dieser gute Mensch, dessen freigebige Hand so manchem in Verzweiflung geratenen armen Kurortbefucher aus feiner mißlichen Lage hinaushilft. Die ärztliche Behandlung der Patienten hat in hochherziger Weise der Stadial und Kultusvorsteher Herr Dr. Julius Hirsch nnentaeltlich überiwmmen. und es ist wirklich für jeden Menschen eine wahrhafte Freude, wahrzunehmen, daß es solche opferfreudige Männer gibt wie dieser gute Arzt. Dr. Hirsch ist einer der meifthefchästigten Kurnrzte in Franzensbad. Bei einem Besuche in seiner Vrivatordination „Villa Dr. Hirsch" fand ich im Warteiaal Patienten aus allen Weltteilen: Amerikaner, Rußen. Engländer, Eappter. Türken — natürlich Juden auch —, unter welchen sich nicht wenige arme

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