Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2h Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 427 „Das Benguellaplateau scheint sehr gesund zu sein; es ist ebenso gefällig wie gesund. Da das Plateau frei von Insekten, Pest, gefährlichen Tieren und schädlichem Gewürm ist, so sind die Lebensbedingungen daselbst anziehend und können leicht komfortabel gestaltet werden. Das Benguellaplateau schließt in sich ausgedehnie Gebiete fruchtbaren Landes, die gegenwärtig nur spärlich bevölkert sind. Mit Rücksicht auf das Landbesitzsystem der Eingeborenen und auf die politischen Bedingungen des Landes könnten die guten Landteile für europäische Siedlung leicht zu haben sein. Die gegenwärtige unzulängliche industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung scheint hauptsächlich den: Umstande zuzuschreiben zu sein, daß die fruchtbaren Landstriche von der Küste durch großes Wüstenland getrennt sind. Die Eisenbahn überbrückt jetzt bieieu Wüstenstrich und macht die landwirtschaftliche Entwicklung des Landinnern möglich. Da die wasserreichen, gesunden und fruchtbaren Distrikte hoch gelegen sind, so tragen sie eher die charakteristischen Merkmale der mäßigwarnlen als der tropischen Zone an sich. In Anbetracht der Gesundheit, Fruchtbarkeit und Anziehungsfühigkeit des Landes, mit Rücksicht ferner darauf, daß das Land leicht erworben und entwickelt werden könnte, scheint kein Grund vorhanden zu sein, weshalb europäische Kolonien, falls die portugiesische Regierung eine brauchbare Konzession gewahren würde, auf dem Benguellaplateau nicht mit Erfolg errichtet werden sollten." Herr Dr. C. Martin, Direktor des Lister-Jnftitutes in London, erklärt in seinem Resume: „Das Hochplateau von Benguella erfreut sich für seine Breite eines guten Klimas, und um hier gesund und behaglich zu leben, braucht der Durchschnittseuropäer seine Gewohnheiten nur in geringem Maße zu ändern und einigen wenigen Details der tropischen Gesundheitspflege Aufmerksamkeit zu widmen. Jetzt ist es in bemerkenswerter Weise frei von Tropenkrankheiten. Wenngleich man einigermaßen leicht Malaria oderandere durch Insekten übertragbare Krankheiten bekommen kann, eine Gefahr, die zweifellos mit der Kolonisation steigen wird, können diese Krankheiten durch einfache Vorsichtsmaßregeln vermieden werden, und es muß bemerkt werden, daß manche Krankheiten, die unseren mäßigen Klimaten eigen sind, wie Schwindsucht oder andere Aeußerungen der Tuberkulose, Bronchitis und Lungenentzündung, die in Europa so viele Opfer fordern, durch das Leben in der freien Luft und im Sonnenschein von Angola vermieden würden." So sehen die. „trostlosen" Berichte aus! Natürlich werden diese Tatsachen von einem Teil der jüd. Presse aus parteitaktischen Gründen totgeschwiegen. Während jedes Jemenitenhäuschen, jedes ermutigende Lächeln eines bakschischfreudigen Paschas als eminenter Fortschritt auf dem Wege zur Lösung der Judenfrage in die Welt hinausposaunt wird, hat man für die dringendstell Bedürfnisse der wandernden Hunderttausende — im besten Falle — ein bissiges Spottwort oder eine großartig wegwerfellde Gebärde, nur — weil die Initiative von eineranderen Organisation ausgeht. Mag es sich u'm das Galvestonwerk oder um eine jüdische Universität in Westeuropa, um einen Emigrationskongreß oder eine Emigrationsbank handeln — überall wird diese Strangulalationspolitik angewendet und leider nur zu oft zum Schaden der jüdischen Gesamtheit*) auch von Erfolg gekrönt. '*) Man vergleiche z. B. „Dr. Bloch's Oesterr. Wochenschrift", Nr. 24, Sette 412. Wahrlich, es wäre an der Zeit, daß das jüdische Publikum diese lähmende Vormundschaft endlich abschüttte und lerne, die Erscheinungen im jüdischen Leben nicht durch die Parteibrille einiger Zeitungen, sondern mit eigenen Augen und ohne Voreingenommenheit zu betrachten. Das ist um so notwendiger, als die gegenwärtige Lage eines großen Teiles unseres Volkes so schlimm ist, lvie schon lange nicht. Aber nur roenn die jüdische Oeffentlichkeit sich dazu aufrafsen wird, die augenblickliche Situation nicht mehr von dem ihr aufoktroyierten engbegrenzten Standpunkte aus zu betrachten — nur darln wird sie iulstande sein, an die Lösung der sich in bedrohlicher Menge vor uns anftürmenden ernsten Probleme mit Aussicht auf Erfolg heranzutreten. S. G i n s b u r g, Zürich. Ein jüdischer Artreiterstreik in Galizien. Die jüdisch-sozialistische Zeitschrift „Neuer Weg" publiziert folgenden Bericht: „In Sasfow in Galizien wird gestreikt. 144 Bortenweber und -Weberinnen, so berichtet unser Bruderblatt „Der jüdische Arbeiter", alte halbchassidische Juden, junge Arbeiter und jugendliche Knaben und M ü d ch e n haben alle bis auf den letzten Mann die Arbeit niedergelegt und find in einen Streik getreten; ohne jede Vorbereitung, ohne irgendwelche Aussicht auf Unterstützung — ein H n n g e r st r e i k. Tie Arbeitsbedingungen sind haarsträubend, für eitlen europäischen Arbeiter unfaßbar. Gegen einen Hungerlohn von achtzig Kreuzern «eine Krone uub sechzig Heller) wöchentlich weben jugendliche Arbeiterkinder ihr Blut und ihr Mark in die reichen Silber- und Goldornamente hinein. Alte, qualifizierte Arbeiter, Familienväter, bei der Arbeit ergraute Männer und Frauen sitzen gegen einen Wochenlohn von sechs bis acht Kronen von Sonntag 4 Uhr früh bis Freitag abends am Webstuhl und roboten für einen Ausbeuterklüngel, für dessen nähere Bezeichnung lvir keine Worte finden. Die Arbeitszeit kennt keine Grenzen. Wer kümmert sich in Sassow um österreichische Gesetze? Die galizischen Behörden etwa? Mürmer, Frauen und Kinder arbeiten von vier Uhr früh bis spät in die Nacht, Sommer und Winter;, im Halbschlaf gehen sie zur Arbeit, beim Webftuhl fallen ihnen die Augen zu, kein Anfang, kein Ende; so weben und weben die Bortenarbeiter in Sassow in der engen, niedrigen, schnintzigen „Werkstatt", ohne Licht und Luft, zusammengedrängt wie das liebe Vieh m einem schmutzigen Saustall. Die Teuerung nimmt mit jedem Tage zu, Brot und Kartoffeln werden immer unerschwinglicher für die Bortenweber in Sassow; da raten sie sich nun zusammen und stellten „Forderungen" — 12 Kr. Wochenlohn (Maximum)! Angesichts dieser unerhörten Anmaßung schlossen sich die Arbeitgeber zu einem Kartell Zusammen, mir dessen Hilfe sie die Arbeiter noch mehr als bisher auszubeuten hofften, und lehnten die Arbeiterforderungen rundwegs ab. Die Weber legten die Arbeit nieder. Ohne den kleinsten Ansatz zu einem Streikfonds, ohne Organisation und Leitung, ganz einfach: sie legten die Arbeit nieder. Lieber Hungertod als das langsame Hinfiechen am Webstuhl. So wird in Sassow „gestreikt". Man sträubt sich dagegen, alle diese schönen, stolzen Worte hier zu gebrauchen: „Forderungen", „Streik", „Kampf", das ist eine Karikatur, ein Zerrbild, eine Fratze. Dieser Hungerstreik ist aber keine Angelegenheit für Sassow. Sassow liegt in Galizien, in einem Lande, das eine starke Arbeiterpartei besitzt, die seit Jahrzehnten am Wirken ist. Das Land Galizien hat einen eigenen sozialdemokratischen Klub im österreichischen Reichsrat und die Herren Daszynski und Diamand gehören zu den Führern der österreichischen Internationale. Und dort