Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 426 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 25 trotz allem offiziellen Gegendruck vom Mittelstand der Hauptstadt in die Kammer gewählt wurde. Interessant ist dabei die Tatsache, daß der „Adeverul" sich der Rechte der Juden unerschrocken annimmt. Wenn man daraus ans seine Anhänger schließen darf, so kann man sagen, daß der Bürgerstand durchaus nicht begeistert für den Antisemitismus ist, wie gewisse Geschäftspolitiker und die von ihnen verhetzten Universitätshörer. Sollte es nicht für manche Diplomaten ein Fingerzeig sein, sich mit der gesunden Partei des Mittelstandes zu befreunden und ihre Bestrebungen zu unterstützen? Das wäre wohl besser als Verhandlungen mit den rumänischen Politikern, welche schon Uebnng in der Treulosigkeit haben. Bei einem solchen Stande der Dinge würde vielleicht auch für uns Juden wieder eine Hoffnung aufleimen. Welche Gefahren uns jetzt noch bedrohen, geht aus einer Episode aus Budurjeni hervor. Dort hatten jüdische Kinder eine große Puppe aus Hadern herumgetragen. Das benützten zwei städtische Beamte zu einer Erpressung, sie ließen die Kinder samt deren Väter in den Kerker werfen und machten die Anzeige, daß die Kinder ein Kreuz herumgetragen und verhöhnt hätten. Das Kreuz hatten die Beamten natürlich selbst herbeigeschafst. Die Aufregung im ganzen Lande war ungeheuer, der Metropolit verlangte vom Kultusminister eine Bestrafung der frechen Juden, in Budurjeni kam es fast zu einem Pogrom und es bedurfte der größten Anstrengung, um eine gerechte Untersuchung und Schutz der Bedrohten durchzusetzen. Vergeblich versucht der „Verband eingeborener Juden" gegen diese unerhörten Zustände anzukämpsen. Vergeblich sind die Proteste gegen die Beschränkung und hohe Bezahlung des Bolksschulunterrichts für jüdische Kinder, des flammenden Antisemitismus an den Mittelschulen und Universitäten. An den jüdischen Privatschulen muß man rumänische Antisemiten als Lehrer anstellen, sonst riskiert man die Schließung oder vernichtende Resultate bei den öffentlichen Prüfungen. Diese Lehrer an den jüdischen Schulen aber machen aus ihrer Feindseligkeit gegen ihre Schüler durchaus kein Geheimnis und man muß sich alle Beschimpfungen gefallen lassen und die Lehrer bezahlen. Soll ich Ihnen noch mehr erzählen? Vielleicht genügt dieser kleine Ausschnitt aus dem riesigen jüdischen Elend Rumäniens, um irgendwo den Versuch zu.einer Hilfe hervorzurufen." Vom Jahrmarkt des Lebens. Die wirtschaftliche Krise und die Juden. Der moderne Antisemitismus, hauptsächlich der unserer Wiener Christlichsozialen, sucht seine Begründung auf wirtschaftlichem Gebiete. Das Schlagwort von dem Gelde und dem Reichtum der Juden erklang und erklingt noch immer in den antisemitischen Versammlungen; heute noch so wie zur Zeit Luegers, als er in seinen Reden aus die Firmen des Wiener Franz Josefs-Kai die begehrlichen und neidischen Blicke seiner naiven Zuhörer lenkte. Allein die jüdischen Firmen des Wiener Franz Josefs-Kai durchleben jetzt böse Tage. Zu Beginn der wirtschaftlichen Krise, vor ungefähr zwei Jahren, haben wir in diesen Blättern die materielle Lage unserer Glaubensgenossen im Osten des Reiches geschildert und bei dieser Gelegenheit die undankbare Rolle des Propheten gespielt, indem wir schon damals ahnend voraus ankündigten, daß das, was jetzt dort vor sich geht, auch in Wien eine Wiederholung finden werde. Leider haben die Ereignisse uns recht gegeben. Genau so wie in Galizien und in der Bukowina täglich von neuem eine jüdische Existenz nach der anderen zugrunde geht, geschieht es jetzt in Wien. Die Jnsolvenzrubrik der Tagesblätter bringt uns täglich eine Liste von zugrundegegangenen jüdischen Existenzen in Wien. Auch wir verweisen jetzt aus den Kai und laden einen jeden, der dafür Interesse hat, zu sehen, wieviele Geschästsläden hier leer stehen und zu vermieten sind, weil die bisherigen Besitzer derselben nicht mehr existieren konnten, und man möge es nicht auf die Probe ankommen lassen, ob auch nicht jene Läden, die anscheinend noch im vollen Geschäftsbetriebe sind, nicht freihändig zu vergeben wären. Die Textilindustrie, angeblich eine jüdische Domäne, ist in Oesterreich im deroutesten Zustande. Der Zwischenhandel derselben, der früher zahlreiche jüdische Familien ernährte, ist gänzlich ausgemerzt. Wie den Kausleuten, so ergeht es natürlich auch dem jüdischen Agenten, der auch sonst kein freiherrliches Leben geführt hat, jetzt erst recht elend und schlecht. Und ebenso wie in dieser Industrie geht es auch in den anderen. Gewiß ist die wirtschaftliche Krise nicht eine konfessionelle Angelegenheit. Sie ist allgemein und muß auch demgemäß beurteilt werden. Allein während bei uns in Oesterreich mehr als die Hälfte der arischen Bevölkerung vom Ackerbau lebt, somit selbst in den bösesten Zeiten die feste Scholle, gleichgiltig ob sie ertragsreicher oder ärmer ist, ihr eigen nennt und dadurch die Erschütterungen, denen der mobile Besitz ausgesetzt ist, weniger verspürt, ist der Handelsstand gleich das erste Opfer einer jeden wirtschaftlichen und politischen Laune. Ein weiterer sehr ansehnlicher, Teil der arischen Bevölkerung in Oesterreich steht irr festen, lebenssicheren Bezügen, in Staats-, Landes- und Kommunaldiensten; auch dieser: kann die wirtschaftliche Krise nicht gar soviel Schaden bringen. Diesem Teile gegenüber steht das große Heer der jüdischen Privat- und Handelsangestellten, sie teilen in solchen Fällen naturgemäß das Schicksal ihrer Chefs. Zu Tausenden findet man sie jetzt beschäftigungslos, subsistenzlos. Staats-, Landes- oder Kommunalbehörden nehmen sich ihrer ebensowenig an, wie sie sich ihrer jüdischen zngrundegegangenen Chefs annehmen. Für Notstandsaktionen zugunsten der Bauern, bei Elementarkatastrophen muß sehr oft die jüdische Steuerkrone herhalten. Die Steuerheller des arischen Großgrundbesitzers werden zur Linderung der Not des Kaufmannsstandes nicht verwendet. Trotz dieser tristen Verhältnisse unter der Kaufmannschaft wird noch immer in christlichsozialen Versammlungen und in der christlichsozialen Presse von dem mächtigen jüdischen „Reichtum" gefaselt. Vielleicht ließe sich dadurch der Fürst Schwarzenberg bewegen, seinen Besitz als einzelner mit dem der gesamten jüdischen Kai-Kaufmannschaft zu Lauschen. Wir hätten dann wirklich keine Ursache, mit der Lage dieser Inden unzufrieden zu sein. I. Grobtuch. Das Angola-Projekt. In letzter Zeit gibt sich ein gewisser Teil der jüdischen Presse aus parteipolitischen Gründen alle erdenkliche Mühe, das von der portugiesischen Regierung als Kolonisationsgebiet für Juden empfohlene Hochplateau von Benguella nach Möglichkeit zu diskreditieren Um nun die jüdische Oeffentlichkeit in die Lage zu versetzen, sich mit dem wahren Sachverhalt in dieser wichtigen Angelegenheit bekannt zu machen, seien hier die authentischen Urteile der beiden Expeditionsteilnehmer in wortgetreuer Uebersetzung wiedergegeben.*) Herr Professor I. W. Gregory faßt seine Wahrnehmungen folgendermaßen zusammen: *V Nach der soeben erschienenen deutschen Ausgabe des Berichtes, bei R. Löwitt, Wien, I., Seite 45 und 52.