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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-06-12 · 24 (12.6.1914) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 414 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 24 Schulkinder fühlen lassen wollte,-) hatte zum Urenkel einen jüdischen Kiudcrlehrer.-ft Die Stätte der Wirksamkeit des Samuel b. Schelath war Sura in Babylon. Diese Stadt, in lvelcher Abba Areka lRab) in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts seine Akademie begründete und welche durch viele Jahrhunderte ein Mittel- und' Sammelpunkt jüdischen Geisteslebens blieb, scheint als Schulstadt besondere Eignung besessen zu haben. Die zahlreichen jüdischen Bewohner, die sich, zumeist vom Ackerbau und Viehzucht kümmerlich ernährten, waren ruhige, gesittete Menschen, und das Leben, das sich geräuschlos abwickelte, bot wenig Ablenkung, weshalb der Ort aus Gelehrte, die innere Sammlung suchten, große Anziehung übte.* 3 4 5 6) Wir nehmen an, daß Samuel b. Schelath in Sura noch vor der Ankunft Rabs daselbst als Jugendbildner tätig war. Da der Ort, der mit Matha Mechassja identisch oder mit diesem Verbunden war, eine zahlreiche jüdische Bevölkerung^) hatte, ist es unwahrscheinlich, daß diese, wenn sie auch auf dem Gebiete der Traditionslehre zum großen Teile nicht ganz heimisch war, ihre Binder ohne elementare Kenntnisse des religiösen Schrifttums hätte answachsen lassen. Als nun Rab nach Sura kam, zog ihn die Gewissenhaftigkeit und die selbstlose Hingebung, mit welcher Samuel b. Schelath seinen Berus ausübte, an. Vielleicht erblickte Rab in dem Schullehrer einen Förderer seiner eigenen Bestrebungen und in dessen erfolgreichem Wirken eine Vorbedingung für das Gelingen seines eigenen Werkes an diesem Orte. Weit entfernt, die Kleinarbeit des Schullehrers gering zu achten, war er vielmehr bestrebt, sie aus allen Kräften zu fördern und die Person des zurückgezogen lebenden bescheidenen Lehrers ms helle Licht zu setzen. Der Resch Methibta, der Rektor einer von Tausenden von Schülern besuchten Hochschule, kann das Wirken und die Person des Samuel b. Schelath nicht genug rühmen. Anläßlich des Vortrages einer alten Auslegung des Verses Daniel 12, 3, nach welcher sich der erste Teil: „Die Weisen werden leuchten wie der Himmelsglanz", auf gerechte Richter und Almosenverwalter beziehe, mit dein zweiten Teile aber: „und diejenigen, welche viele zur Tugend anleiten, wie die Sterne immer und ewig", die Kinderlehrer gemeint seien, wurde die Frage gestellt: „Wie wer zum Beispiel?", worauf Rab zur Antwort gab: „Zum Beispiel R. Samuel b. Schelath". Dieses öffentlich von Rab ausgesprochene Lob des Schullehrers von Sura war ohne Zweifel durch dessen gewissenhafte und eifrige Wirksamkeit wohlbegründet, den Anlaß aber, es auszusprechen, bot folgender Vorfall. Samuel b. Schelath besaß einen Garten, zu dessen Besichtigung er sich eines Tages für kurze Zeit aus der Schule entfernte. Der Zufall wollte es, daß ihn Rab im Garten traf und ihm, wenn auch scheinbar scherzweise, einen leisen Vorwurf daraus machte, indem er zu ihm sprach: „Vernachlässigst du das dir vertraute Amt?" Etwas verlegen antwortete Samuel b. Schelath: „Seit dreizehn Jahren habe ich diesen meinen Garten nicht gesehen, aber auch jetzt weilen meine Gedanken bei meinen Schülern."'ft Samuel b. Schelath lebte in ärmlichen Verhältnissen und seine Armut war geradezu allgemein bekannt. Selbst die persischen Steuerbeamten schenkten ihm keine Beachtung. Nichtsdestoweniger verweigerte er die Annahme von Geschenken und begnügte sich in seiner Bedürfnis¬ -) Esther r. zu 4, 9 und n, 12. 3) Nach Hai Gaon (angeführt in Schitta mekubez. zu Kethub. 62 ul war Schelath der Name der Mutter Samuels und wird deshalb diese und nicht der Pater genannt, weil sie die Schwester des Rabbi Chija war und von König David abstammte. 4) B Kama 119 b; Funk, die Juden in Babylon 1,46, Horajoth 12 a, s. Rasi das. s. v. rr'vnQ Krö“i 5) Scherira, Seirdschreiben. 6) B. Bathra 8 b. losigkeit mit dem kärglichen Einkommen, welches ihm sein mühevoller Beruf brachte. Dabei war Samuel b. Schelath stets so fröhlich und heiter, daß er, als es sich ein anderesmal im Lehrhause bei der Erläuterung eines Begriffes in der Mischnah .um die Anführung eines Beispieles von Sorglosigkeit u.nd Zufriedenheit handelte, von Rab abermals als die Verkörperung dieser Eigenschaft hingeftellt wurd,e.ft Von eigenen pädagogischen Grundsätzen oder irgend welchen aus sich erzeugten methodischen Ideen beim Unterrichtsverfahren ist uns von Samuel b. Schelath nichts bekannt geworden. Er scheint eine mehr rezeptive als produktive Natur gewesen zu sein. Den Ratschlägen, Winken und Weisungen Rabs brachte er volles Verständnis entgegen und war bestrebt, diese mit aller Exaktheit auszuführen. Beachten wir die pädagogischen Weisungen und' Ansichten Rabs, so werden wir zugeben, daß in der Schule Samuels ein geradezu moderner Geist geherrscht haben müsse. Als genauer Kenner der Geschichte des jüdischen Schulwesens, von welchem er auch eine kurze Skizze entwirft, richtet er an Samuel b. Schelath die nachdrückliche Weisung, bei der Schülerausnahme daraus zu achten, daß, gemäß einer bereits im ersten Jahrhundert d. g. Z. in Palästina durch den Hohenpriester Josua b. Gamla eingeführteR Verordnung, kein Kind, vor zurückgelegtem sechsten Lebensjahre ausgenommen werde.8) Freundliche und liebevolle Behandlung des Kind<es erscheint ihm als ein Hauptgebot der Schule und d'.e Außerachtlassung dieses Gebotes als eine Geringschätzung des im Kinde zu verehrenden Abglanzes der göttlichen Majestät „Rühret meine Gesalbten nicht an" (Chronik I. 16, 22), darunter sind die Schulkinder gemeint, lautet ein Ausspruch Rabs, aus dem seine große Kindcrfreundlichkeit hervorleuchtet und der uns wie die neueste Offenbarung des fortgeschrittenen Zeitgeistes des Jahrhunderts des Kindes amnutet,") In der Praxis dürfte sich Samuel b. Schelath an dieser Theorie nicht immer genau gehalten und das sichtbare Zeichen des Respektes denn doch nicht ganz entbehrt haben können. Auf eine diesbezügliche Vorstellung Samuels ist es wohl zurückzilführen, wenn Rab, seine Mahnung modifizierend, zu ihm sagte: „Wenn du schon ein Kind züchtigen mußt, so tue es mit einem Schuhriemen (um ihm keine Verletzung beizubringen), liest es, so liest es, liest es nicht, so bleibe es immerhin in Gesellschaft seines fleißigeren Mitschülers."^) Ein weiterer didaktischer Ausspruch Rabs, den Lehrstoff dem Schüler in kurzer, scharf umrissener Form darzubieten, ist gewiß beherzigenswert.u) Samuel b. Schelath zeichnete sich auch durch hinreißende. Beredsamkeit aus. Durch diese Gabe, welche ihm die Herzen der Kleinen 7) Kethuboth 62 a. Siehe Rasi zur Stelle. Einige Erklärer sind der Meinung, daß S. b. Sch. wohlhabend gewesen ist, da er sonst bei seinem aufreibenden Berufe nicht so vergnügt hätte leben können. Die Kinder hätte er nur aus Idealismus unterrichtet. (Bezalel Asch^ kenasi in Schitta Mekubezeth zur Stelle. Bergt, auch Jawitz, Geschichte Israels VII. S. 40 und Kraus, Talmud. Archäologie III, S. 313 und Anm. 1043 s) B. bathra 21 a. 9) Sabbath 119 b. 10) B. bathra 21 a. Wie richtig der angeiührte Nachsatz ist und wie unrecht es wäre, ein Kind wegen geringerer Veranlagung oder zeitweiligen geringeren Fleißes aus dem Kreise seiner bisherigen Freunde und Schulgenossen zu entfernen, haben vor nicht langer Zeit Aeußernnzen aus Lehrerkreisen und der Bevölkerung Wiens dargetan, als cs sich um die Errichtung der sogenannten Förderklassen handelte, durch welche ein Teil der Kinder als minderwertig stigmatisiert werden sollte. Die Erfahrung, die jeder Lehrer bestätigen wird, lehrt, daß gewisse Kinder, die sich in der Schule anfangs teilnahnislvs verhalten, nach einiger Zeit allmählich am Unterrichte Interesse gewinnen und schließlich doch mitkommen. Das Leben wird die Kinder noch srühzeitig genug nach ihren geistigen Qualitäten differenzieren, dies schon in der Schule tun zu wollen, wäre grausam. Der Ausspruch Rabs bekundet einen tiefen Blick in die Eigenart der Kinder. ") Pesachim 3 b.

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