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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-06-12 · 24 (12.6.1914) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 413 Geheimrat Professor Hermann! Cohen in RuszlanÄ. Die Nachricht, daß der Philosoph Professor Dr- Hermann Cohen nach Rußland komme, wurde in der gesamten Intelligenz mit Freude vernommen. Schon an den Bahnstationen, die er durchfuhr, erwarteten ihn Vertreter der gelehrten und literarischen Kreise, Gemeindevorsteher, Studentenvereine. Mit Triumph wurde er überall empfangen. Seine erste Vorlesung hielt er in der „Geographischen Gesellschaft" zu Petersburg über das Thema: „Begründung der Ethik im Judentum" und eine zweite Vorlesung in der „Religions-Philosophischeu Gesellschaft" über das Thema: „Ethik und Religion". Die „Philosophische Gesellschaft" an der Petersburger Universität ernannte ihn zum Ehrenmitglied. In der letzteren Gesellschaft hielten Begrüßungsreden: Wasiliew, Grusenberg und Professor Tugau-Baranowski. Dieser bezeichnete Cohens Anwesenheit als ein Ereignis von gesellschaftlich-historischer Bedeutung. Gerade in der Zeit von barbarischen Orgien des Antisemitismus, in einer Zeit von raffinierten Verfolgungen und Unterdrückungen der Juden wecken die Worte Hermann Cohens, mahnen die Welt und die Juden zur Anerkennung der unerschöpflichen Schütze der vielhundertjährigen Kultur des Judentums, der Quelle der erhabenen Ideale der Menschheit. Noch jahrhundertelang würden die Gedanken des Judentums die großen Gemüter zu erhabenen Gefühlen und erhabenen Gedanken wecken. Und sei es Zufall oder nicht: Am folgenden Tage sah man schon die besten Männer Rußlands auf der Tribüne erscheinen. Der berühmte Professor Maxim Kowalewski sprach über die Rechtlosigkeit des jüdischen Volkes, Miljukow schilderte den gegenwärtigen russischen Antisemitismus als einen Fremdling, herbeigezogen aus politischen Gründen, und ermunterte die Juden zur Vereinigung mit dem russischen Volke zum Kampfe für die Freiheit. Im Polytechnischen Museum zu Moskau hielt der greise Philosoph vor 2000 Menschen eine Vorlesung über dasselbe Thenia: „Begründung der Ethik im Judentum" und in der neuen philosophischen Gesellschaft „Logos" über das Thema: „Wissenschaft und Philosophie". Die Gelehrten Moskaus besuchten den Professor und begleiteten ihn auf seiner Fahrt durch die Stadt, wo ihm die städtischen Anstalten gezeigt wurden. Der berühmte Kunstsammler, Millionär und Philanthrop S. U. Stschukiu, dessen Sohn auch Schüler Cohens ist, veranstaltete zu Ehren des berühmten Gastes ein großes Bankett. Von hier aus ging Professor Hermann Cohen nach Riga, Wilna und Warschau. In Wilna, wie vorher in Petersburg, war er am Samstag in der Synagoge, wo er zur Thora anfgerufen wurde. Um die Synagoge versammelte sich ein zehntaufendköpfiges Publikum, es wurde Spalier gebildet, und in solcher Weise begleitete ihn das Publikum bis zu seinem Hotel. Am folgenden Tage besuchte er u. a. auch die „Jeschibah". Der Rosch-Jeschibah hielt eine Begrüßungsrede, in der er den großen Gast als Träger der Idee des monotheistischen Gottes mit dem Patriarchen Abraham verglich. Hierauf antwortete der Gefeierte mit der Agada: Nach Zerstörung des Tempels ging ein „Bas- Kaul" heraus : „Wehe den Kindern, die vom Tische ihres Vaters vertrieben, und wehe dem Vater, dessen Kinder vertrieben worden!" Ihr aber, solange ihr „Thora" studiert, weilt ihr noch am Tische Gottes! . . . Auch examinierte er die Schüler, besuchte das jüdische Gymnasium und ging zum Grabe des Wilnaer Gaon. Es ist überflüssig zu sagen, daß die jüdische Gemeinde zu Warschau, die größte Europas, den berühmten Gast mit großen Ehren empfing. Im Namen der jüdischen Gemeinde sprachen Professor Dikstein, Rabbiner Dr. Posnanski, im Namen der Kaufleute Emil Perez, im Namen der Lodzer Gemeinde Dr. Braude usw. Mitglieder des Obersten Agrikulturrates. Aus Paris wird uns geschrieben: Das Amtsblatt veröffentlicht die Liste der neuernannten Mitglieder des Obersten Agriknlturrates, zu denen auch drei Juden gehören, und zwar Ferdinand Dreyfus, der gewesene Dekan der juridischen Fakultät, Mitglied des Institutes Lyon- Caen, und Senator Paul Strauß. Präsident Wilson und der jüdische Soldat. Unter den 17 Toten, welche die Einnahme von Veracruz! gekostet hat, befinden sich, wie in Europa kaum bekannt sein dürste, drei Blaujacken jüdischer Konfession, die als erste Opfer bei dem Kampfe gefallen sind. Einer von ihnen war ein Bürger Chicagos, Sammy M e i s e n b e r g. Auf die Nachricht von dessen Tode bot der Bruder des Gefallenen, Meyer Meisenberg, seine Dienste als Kriegsfreiwilliger an. Daraus hat er vom Präsidenten Wilson das folgende Schreiben erhallen: „Weißes Haus, Washington, 4. Mai 1914. Lieber Freund! Ihr Brief vom 29. April hat mich lies bewegt. Ich beglückwünsche unsere Nation, daß genug Leute im Lande sind, die wie Sie und Ihr Bruder Samuel über den Dienst für die Nation denken, wenn der Ruf an sie ergeht, selbst ihr Leben hinzugeben. Ich danke Ihnen aufs aufrichtigste und sende Ihnen nicht nur mein herzlichstes Beileid zum Tode Ihres Bruders, sondern auch die wärmsten Ausdrücke meiner Freundschaft. Ihr aufrichtig ergebener Woodrow Wilson." Wie berichtet wird, hat der Präsident auch in seiner Rede bei der Newyorker Totenfeier der siebzehn Gefallenen der jüdischen Freiwilligen gedacht, die als gute A nt e r i k a n e r ihr Leben geopfert hatten. Ein jüdischer Abgeordneter für Buenos-Aires. Wie „Jewish Chronicle" aus Buenos-Aires berichtet, wurde daselbst anläßlich der letzten Parlamentswahl der jüdische Arzt Dr. Enrique Dickmann mit erdrückender Majorität zum Zlbgeordneten gewählt. Dr. Dickmann kam im Alter von 17 Jahren aus Rußland nach Buenos-Aires, nachdem er zu Hause das Gymnasium absolviert hatte. In seiner neuen Heimat lvidmete er sich dem Studium der Medizin und wurde im Jahre 1002 zum Doktor promoviert. Ein zweiter, gleichfalls aus Rußland stammender Jude, Samuel Cantor, der sich ln Carlo Casares angesiedelt hatte, wurde jetzt zum Friedensrichter ernannt. Die Jugendlehrer der lalmudische« Zeit. Bon L. Wiesner. (Fortsetzung.) rbv 12 Sxw 2i*) R. Samuel b. Schelath. Für die Würdigung dieses im Talmud als Ideal eines gewissenhaften Schullehrers gezeichneten Mannes ist nichts bezeichnender als der Umstand, daß sein Name mit Schemaja, Abtaljon und R. Akiba zusammen genannt wird. Sie alle werden als von Proselyten abstammend und bemerkenswerterweise als Nachkommen solcher Ahnen bezeichnet, welche an die trübsten und verhängnisvollsten Zeiten der jüdischen Geschichte erinnern. Die Abkunft der beiden Lchnhedrialhüupter wird von Sanherib, die des R. Akiba von Sissra hergeleitet, während der Stammvater des Kinderlehrers R. Samuel b. Schelath kein anderer als Haman gewesen sein soll?) Unverkennbar soll durch diese Angaben der Gedanke an das Walten der göttlichen Vorsehung zum Ausdrucke gebracht werden, welche in den Nachkommen der leidenschaftlichsten Hasser Israels und seiner Gotteslehre die eifrigsten Förderer und Verfechter derselben entstehen ließ. Haman, der seinen Zorn in erster Reihe die jüdischen *> Dieser Aussatz ist bereits im XVII. Jahresberichte des Talnrud- Thora-Vereines für die westlichen Bezirke Wiens 1912/13 erschienen. i) Gittin 57 b, Sanhedrin 96 b, nach der Richtigstellung der Lesart durch A. Hymann in seinem Toldoth Tannaim Ve’ amoraim "Art. R. Akiba S. 988.

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