Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-06-12 · 24 (12.6.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
24 (12.6.1914)
Date
1914-06-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022114--23200-3048386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 410 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 24 Zweifel in allen Blättern die meisten anderen Geschehnisse vollständig in den Hintergrund treten müssen und vom Leitartikel bis zu den Berichten der Spezialkorrespondenten wären unzählige Spalten mit den Einzelheiten und Betrachtungen von dem schrecklichen Ereignis gefüllt worden. Man kann mit Sicherheit sagen, daß die Erregung weit über Oesterreich hinausgegangen wäre und daß nicht nur die kontinentale, sondern auch die überseeische Presse sich sehr ausführlich und fortwährend mit den Schreckenstaten von Pikulice beschäftigt hätte. Von den Heldenstücken der antisemitischen Preßorgane nicht zu reden. Es ist nicht auszudenken, was sich diese Blätter geleistet hätten, welche von ständigen Verbrechen gegen die Staatsgrundgesetze leben. Sie hätten die Gelegenheit mit Macht ergriffen, ihre Auflagen und die Macht ihrer Partei zu vergrößern, und man hätte wohl schwerlich ihre offene und versteckte Aufforderung zu Pogroms bekämpfen können, mit denen sich die Christen an den Juden rächen sollen. So wird man mit tragischer Satyre gezwungen, zu sagen, daß es für die Gesamtheit der Juden besser ist, daß die unglücklichen Opfer des Massenmordes in Galizien der jüdischen und die entmenschten Täter der christlichen Religion angehört haben. Man hört nicht auf, uns Juden als moralisch tiefstehend zu bezeichnen und unserer alttestamentarischen, angeblich finsteren und leidenschaftlichen Religion das christliche und hohe Evang.elium der Nächstenliebe entgegenzuhalten. Was die theologische Seite dieser Frage betrifft, haben unsere Gelehrten hinreichende und häufige Gegenbeweise geliefert. Nun liegt ein Fall aus dem Leben vor, bei welchem das religiöse Bekenntnis eine wichtige Rolle spielt. Wir. haben gezeigt, welches Aufsehen auf dem ganzen Erdball entstanden wäre, wenn die Täter von Pikulice semitische Bekenner des Alten Testaments gewesen wären. Nun sie aber arische Anhänger des Neuen Testaments sind, gibt es kein wesentliches Erstaunen, keine Verwunderung. Bei den letzteren sieht die vergleichsweise Beurteilung aus, als wäre eine blutige Tat ihr Privilegium, sozusagen ein altes, ersessenes und ererbtes Recht. _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Protest -es Abgeordneten Kuranda gegen eine bösartige Unterstellung. In der Nummer 22 vom 29. Mai d. I. der „Jüdischen Zeitung" ist in einem Artikel „Dr. Stern und seine politischen Freunde" die Nachricht enthalten, daß Abgeordneter Kuranda in einem Privatbriefe erklärt hätte, daß „das Tun und Treiben des Kultuspräsidenten Dr. Stern eine Verhöhnung von Rechtlichkeit und Anstand bedeutet und die Mitarbeit geradedenkender Menschen ausschließ t". Abgeordneter Kuranda ist am heutigen Tage bei mir erschienen und hat erklärt, daß er, vor zwei Tagen von einer Auslandsreise zurückgekehrt, erst jetzt von dem Inhalte der betreffenden Zeitungsnotiz Kenntnis erlangt habe und die seit seiner Rückkunft verstrichenen zwei Tage habe benützen müssen, um sich das Original des betreffenden Privatbriefes zu verschaffen. Dieses vom 5. Mai, also vor mehr als einem Monate datierte Original hat Abgeordneter Kuranda mir vorgewiesen und "habe ich mich überzeugt, daß in demselben nicht mit einem Worte die Person oder die Tätigkeit des Kultuspräsidenten oder des Kultusvorstandes überhaupt erwähnt, geschweige denn ein Wort darin enthalten ist, welches einen derartigen Bezug rechtfertigen würde. Abgeordneter Kuranda hat mich auf das dringendste ersucht, diese Tatsache in meinem Blatte festzustellen, da er zwar nicht anstehen würde, eine dem Kultuspräsidenten entgegengesetzte Meinung offen zum Ausdruck zu bringen, es aber als Beleidigung seiner eigenen Person ansehen müßte, wenn man ihm zumuten würde, einen Mann von 84 Jahren mit solcher Vergangenheit hinter seinem Rücken mit blutigen Jnvektiven zu belegen. Selbstverständlich erfülle ich das Begehren des geehrten Abgeordneten hiemit mit größtem Vergnügen. Wien, am 8. Juni 1914. Dr. Josef S. B l o ch. Zur Emigrationskonferenz in Hamburg. z. Zt. Hamburg, 6. Juni 1914. (Hotel „Atlantic".) Sehr geehrte Redaktion! Im Namen der Delegierten der Emigrationslonferenz, welche am 5. und 6. Juni im Verwaltungsgebäude der Hamburg—Amerika-Linie zwischen der letzteren und dem Norddeutschen Lloyd einerseits und Vertretern jüdischer Emigrationsgesellschaften aus Rußland andererseits getagt hat, erlauben wir uns, um Veröffentlichung folgender Erklärung in der nächsten Ausgabe Ihrer geschätzten Zeitung zu bitten: In der letzten Nummer des „Israelitischen Familienblattes" in Hamburg erschien eine Notiz, in der mit Bezug auf die oben erwähnte Konferenz behauptet wird, daß an derselben keine humanitären Gesellschaften, sondern lediglich Agenturen, die gegen Provision arbeiten, teilnehmen würden. Demgegenüber stellen wir fest, daß an der Konferenz folgende Gesellschaften teilgenommen haben: der Verein für die Regelung der jüdischen Emigration in St. Petersburg, der Minsker Hilfsverein für jüdische Auswanderer, das Warschauer Jnformationsbureau für jüdische Auswanderer, die Kiewer und Lodzer Abteilung des Vereines für die Regelung der jüdischen Emigration. Ferner hat die jüdische Emigrationsgesellschaft in Kiew (Jto) und das russische Zentralkomitee der Jto sich mit uns solidarisch erklärt. Die Konferenz erhielt ferner Begrüßungstelegramme von den drei jüdischen Duma-Abgeordneten Dr. Bomasch, Rechtsanwalt Friedmann und Gurewitfch und von einer größeren Anzahl namhafter jüdischer Persönlichkeiten in Rußland. Die gesamte jüdische öffentliche Meinung in Rußland hat unsere Konferenz zum Wohle der jüdischen Auswanderer auf das Wärmste begrüßt. Im Namen unserer Gesellschaften und im Namen der Delegierten zu der Hamburger Konferenz, von deren Verlauf im Interesse unserer emigrierenden Brüder wir befriedigt sind, weisen wir die in der erwähnten Notiz des „Israelitischen Familienblattes" enthaltene Verdächtigung mit aller Entschiedenheit und mit denr Ausdruck der Entrüstung gegen die Urheber derselben zurück. Ueber die Resultate der Konferenz wird demnächst ein ausführlicher Bericht erscheinen, Mit vorzüglicher Hochachtung (gez.:) Rechtsanwalt B. M a n d e l, ' Vorsitzender des Vereins für die Regelung der jüdischen Emigration in St. Petersburg; (gez.:) St. Weißblatt, Wirklicher kaiserlich russischer Staatsrat, Exzellenz, Vize- Präsident; (gez.:) G. Gurewitfch, Königlich dänischer Konsul und Ehrensekretär der jüdischen Gemeinde in Kiew.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.