Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 24 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Bloch’s Iichrgrmg xxxi Zcntcaloroan kür die gesamten Interessen des Zudentums. O Gr O — ■ ■ -OO A. H. Poflsp«rKaffrns«rk ** o G= DO Sleartng-VerKebr «r. 810.976. Redaktion und Admtntstratton: k W11« H/i, Praterstraße 9 Telefon 14847 QP - .i - -- - -HO Wien, 12. Juni 1914 : Erscheint jeden Freitag, i Brief-Adresse: Wie«, U/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. 9tpx00px*i» 151* Vrstrrrrirh: O Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die malgespaltene Petitzetle 48 Heller. OQ - — -Do Inhalt: Leitartikel: Der Raubmord in Pikalice. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Protest des Abgeordneten Kuranda gegen eine bösartige Unterstellung. Znr Emigrationskonferenz in Hamburg. Das Sohlenleder-Kartell. Weitere sensationelle Feststellungen zum Beilis-ProzeA Eine Rede des jüdischen Duma-Deputierten Friedmann. Der Historiker Dubnow gegen eine jüdische Universität in Palästina. Brief eines Juden aus Uganda. Der Aeroplan „Israel". Mitglieder des Obersten Agrikulturrates. Präsident Wilson und der jüdische Soldat. Ein jüdischer Abgeordneter in Buenos-Aires. — Die Jugendlehrer der talmudischen Zeit. (Fortsetzung.) — Korrespondenzen: Emigrantenfürsorge der israelitischen Allianz zu Wien. Kurse für religiöse Fortbildung israelitischer Frauen und Mädchen. Turnvereine mit jüdischem Kommando. Auszeichnung eines jüdischen Dichters. Zwangsweise Sabbatheiligung. Im jüdischen Hospital zu Franzensbad. Geheimrat Professor Hermann Cohen in Rußland. Enthüllung des Grabdenkmals für Doktor Ludwig Bendiener. Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Das Stimmrecht der griechischen Juden. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein deutscher Professor in der Schweiz. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Der Raubmord irr PikirUre. Das Dorf Pikulice bei Przemysl war der Schauplatz einer Schreckenstat, bei deren Schilderung sich jedem Leser die Haare sträuben. Ein Jude hatte den Verdacht auf sich gelenkt, Geld zu besitzen, und daraus entstand eine Orgie des Blutrausches, welche durch die Finsternis der Nacht noch grauenhafter wurde. Der unglückliche Markus Fuß lieferte Fleisch für die Garnison und brachte dadurch sich, seine Gattin und seine zahlreichen Kinder mühselig fort. Aber in der durch die antisemitische Agitation verhetzten Meinung der Christen ist jeder Jude wohlhabend, und wenn er gar Lieferungen für das Militär hat, wächst er bei den Ariern zu einem Krösus. So faßten denn zwei verkommene Gesellen in Uniform den Plan, sich des Reichtums um jeden Preis zu bemächtigen. Sie befanden sich durchaus in keiner verzweifelten Lage. Denn sie waren Soldaten, und man muß bedenken, daß in galizischen Regimentern viele Infanteristen freiwillig weiterdienen, weil ihnen die gute Verpflegung und der Sold gegenüber ihrem bürgerlichen Leben verlockender erscheint. Es war also nicht vielleicht jene Stimmung am Werke, welcher schließlich nach vergeblicher Suche nach Erwerb alles gleichgiltig wird, das fremde wie das eigene Leben. Dagegen war ein Motiv vorhanden, welches andere anonyme Leute mitschuldig erscheinen läßt. Man hat sich in Galizien und anderswo sehr bemüht, den Juden als ein minderwertiges Objekt hinzustellen, das der übrigen Bevölkerung feindselig ist und mit welchem man nach Belieben umspringen kann. Bei dem einen löst diese Agitation nur Roheiten aus, bei anderen bringt sie bereits die Bereitwilligkeit zu Pogroms hervor und bei den beiden Soldaten hat sie zu einem wahnwitzigen Massenmord geführt. Mit Eisenstangen drangen sie in das Haus der armen Opfer ein und schlugen den Hausherrn einfach im Schlafe nieder, ohne auch nur den Versuch zu machen, ohne Blutvergießen zu ihrer Beute zu gelangen. Für die Familie Fuß begannen dann Schrecken, welche vielleicht noch ärger waren als das schreckliche, aber erlösende Ende. Die Mutter, welche sich den rasenden Mördern zu Füßen warf, wurde vor den Augen ihrer Söhne erschlagen, die entsetzt aus den Betten gesprungen waren und zwischen Taumel des Schlafs und lähmendem Schrecken den Streichen der Wüteriche zum Opfer fielen. Weder ein achtjähriger Knabe noch ein junges Mädchen fanden durch ihre Bitten und Schreckensrufe Erbarmen bei den Mördern, denen nur zwei kleine Kinder entrannen, welche sich versteckt hatten und auf 'deren ganzem Leben die schrecklichen Bilder dieser Nacht lasten werden. In einem See von Blut, das überall über die Dielen rann, wateten die Mörder beim Suchen ihrer Beute, rissen fluchend Läden und Kästen auf, um die verborgenen Schätze zu finden, aber es war richtig, was ihnen die Frau in ihrer Todesangst gesagt hatte: Der jüdische Ausbeuter, der reiche Lieferant, der wohlhabende Jude war genau so bettelarm wie seine meisten Glaubensgenossen in Galizien, deren größte Lebenskunst die Genügsamkeit ist. Er besaß in seinem ganzen Vermögen nicht mehr als zwei Kronen, auf jedes von den hingeschlachteten Menschenleben entfielen nur wenige Heller. Die Habsucht hatte nicht so viel erbeutet, als daß sich die Täter davon auch nur eine reiche Mahlzeit hätten kaufen können. Eine schreckliche Tragödie hat sich da oben in Galizien abgespielt und sie hängt zusammen mit den allgemeinen Zuständen des Landes und der Lage der Juden. , Es wird aber viele Leute geben, welche den ganzen Fall nicht einmal bemerkt haben. Denn er ist von den Blättern bloß in zwei merkwürdig kurzen Telegrammen über den Tatbestand und die Verhaftung der Mörder abgetan worden, so grell auch die Tragödie von dem sonstigen Ereignissen des Tages absticht. Man behandelt sie als ein alltägliches Ereignis, das niemanden aufregt und das niemanden kümmert, obwohl sie ein gewaltiges Zeichen der Zeit ist und zu einer Betrachtung der Lage bei den Juden Galiziens herausfordert. Ein Mitgefühl, das nicht von selbst auftritt und eine erzwungene Hilfe soll man nicht verlangen. Aber unwillkürlich drängt sich jedermann die Frage auf, wie groß und bedeutungsvoll das Ereignis gewesen wäre, wenn das religiöse Bekenntnis von Opfern und Mördern umgekehrt gewesen wäre. Wenn die Tat von Juden begangen worden wäre, hätten ohne