Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite L96 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 23 Die JugendLehrer der talmudischerr Zeit. Von L. Wiesner. (Fortsetzung.) .121 ---'1 -21 Rabbi Chija Rabbah. In Rabbi Chija mit dem Beinamen Rabbah, der Große, zum Unterschiede von demspäteren R. Chija bar Abba, haben wir die merkwürdige Erscheinung, daß ein Heros des Geistes von seiner Höhe herniedersteigt zu oen Kleinen und sich mit seltener Hingebung der mühevollen Aufgabe, sie zu unterweisen, widmet. „Wie groß sind die Verdienste Chijas!" so rief in ehrfurchtsvoller Bewunderung kein Geringerer aus als Rabbi Jehuda Hanassi, der hervorragendste geistige Führer seiner Zeit, angesichts des verdienstvollen Wirkens seines Freundes und Schülers aus dem Gebiete des Jugendunterrichtes. Und als der Sohn des R. Jehuda Hanassi, Simon, an seinen Vater die Frage richtete, ob er diese Verdienste noch höher einschätze als seine eigenen, zögerte er keinen Augenblick, diese Frage uneingeschränkt zu bejahen. H In der Tat, von all den erleuchtetet: Geistern jener Zeit, welche die Ausläufer der Tannaimcpoche! bilden und welche durch die Sammlung, Sichtung, Ordnung und Sicherung des Halachastosfes Großes und Bleibendes geschasteu haben, war R. Chija der einzige, der sich über die Zukunft Sorgen machte. Der Umstand, daß es zahlreiche Orte gab, an welchen es ebenso an einem Lehrer, der die Jugend unterweisen sollte, wie an Thoraabschriften, aus welchen sie unterwiesen werden sollteil, mangelte, erfüllte ihn mit Schmerz. Wenn Chanina b. Chama, eine gleichfalls hervorragende Persönlichkeit dieser Zeit, in: Hinblicke aus so viel Gelehrsamkeit in der Gegenwart die Bedenken R. Chijas zu zerstreuet: suchte und, so oft er mit diesem in Disput geriet, zu sagen pflegte: „Wenn der Fall einträte, daß die Thora in Israel in Vergessenheit geriete, so lväre ich imstande, sie durch meinen Scharfsinn (•b'tbBt)* 2 * 4 5) wieder zu restituieren",^) so konnte sich der nstchtern denkende R. Chija dabei nicht beruhigen und über dei: trüben Ausblick ::icht hinwegtäuschen. Es wäre, so dachte er, verdienstlicher, zu verhüten, daß die Thora in Vergessenheit gerate, als sie vergessen zu lassen und ihre Restituierung zu bewirken. Und so stellte er sich in den Dienst des Jugendunterrichtes. Die Art und Weise, wie R. Chija zu Werke ging und der Schwierigkeiten Herr zu werden suchte, gibt Zeugnis nicht nur von seinem Eifer, sondern auch von seinem Ideenreichtum und seinen: praktischen Sinn. Zunächst bestrebte er sich, dem Mangel an Lehrmitteln äbzuhelfen, ohne dabei fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, und fand in seinem Erwerbe eine geeignete Handhabe dazu. Er war Flachshändler, Aus selbstproduziertem Flachse fertigte er Netze an, mit welchen er Hirsche sing, deren Fleisch er an Waisenkinder verteilte und deren Häute er zu Pergament verarbeitete. Darauf schrieb er in fünf Rollen die fünf Bücher Moses nieder. Nun unterzog er sich allen Beschwerden eines Wanderlebens und bereiste als Wanderlehrer die Orte, an welcher: es an einem Kinderlehrer fehlte, versammelte dort fünf der fähigsten Knaben um sich, /unterrichtete je einen von ihnen in einem Buche der Thora und erteilte ihnen bei seinem Abschiede den Auftrag, bis zu seiner Wiederkehr das Gelernte sich gegenseitig zu lehren. In ährckicher Weise verfuhr er auch mit den sechs Ordnungen der Misch na.-Z Wer erkennt in diesem Verfahren nicht das bekannte, nach seinen Erfindern benannte Bell-Lancastri- *) Kethuboth 103b. 2) Bergs. Temura 15 a 'h'eks'z &p p p-irtn, Bacher, Termin. 157. *) Kethuboth 103 b, B. Mezia 85 b. Bergt. Jer. Mcgillah IV, 1. 4) Jer. Baba Mezia V, 6 und 7. 5) S. An merk. 3. sche Schuleinrichtungs- und Unterrichtssystcm, welches im 18. Jahrhundert so großes Aufsehen erregte und im Grundprinzipe auf den gegenseitigen Unterricht basiert, wodurch es ermöglicht wird, mit verhältnismäßig geringen Mitteln große Massen von Kindern durch einige fähige Schüler unter der Leitung eines Lehrers zu unterrichten? Mag auch in der Darstellung dieses Berichtes manches als Zutat und Ausschmückung erscheinen — was aber nicht notwendig der Fall sein muß —, so besagt er doch im Wesentlichen, daß sich R. Chija um den Jugendunterricht bedeutende Verdienste erworben hat. Diese müssen um so bedeutender gewesen sein, als sie die Nachwelt in dankbarer Erinnerung bewahrte. Der un: ein Jahrhundert später lebende R. Simon b. Lalisch sagte: „Zu drei verschiedenen Zeiten drohte der Thora das Schicksal, in Israel vergessen zu werden, das erstemal wurde sie durch Esra, das zweitemal durch Hillel und das drittemal durch R. Chia und seinen Söhnen davor bewahrt."o)' Derselbe R. Simon b. Lattsch, einst damit beschäftigt, die Grabstätten der alte:: Lehrer zu bezeichnen, damit die Priester nicht über sie hinschreiten, konnte die Grabstätte R. Chijas, die ihn: früher wohlbekannt war, nicht finden und glaubte dies den: Unlstande zuschreiben zu müssen, daß er für unwürdig befunden wurde, in die Nähe der Ruhestätte dieses großen Mannes zu treten. „Herr der Welt," rief er aus, „habe ich mich vielleicht nicht so wie er um ein gründliches Besprechen und Erfassen der Thora bemüht?" Als Antwort ertönte eine Himmelsstimme: „Du hast dich wohl in demselben Maße um ein gründliches Besprechen und Erfassen der Thora bemüht, sie aber nicht in demselben Maße verbreitet wie er."?) Ein anderesmal fastete er, um würdig zu sein, daß ihm R. Chija in: Traume erscheine. Als seine Erwartung nicht eintras und er, mißmutig darüber, ausrief: „Hat er sich denn um die Thora mehr bemüht als ich?" antwortete man ihm: „Du hast dich jbemüht und bist als Lernender herumgezogen, er aber als Lehrender."^) An den Namen R. Chijas knüpft sich auch eine besondere, von didaktischem Gesichtspunkte aus interessante Gruppierung der Buchstaben des Alphabetes, das sogenannte des N. Chija,J). Da ähnliche Gruppierungen der Buchstaben, wiedasv-vc ns. cr-Ss, wzvk 10) oder die Umkehrung der gewöhnlichen Reihenfolge p-w.-ii) stets in Verbindung mit dem Unterrichte von Anfängern erwähnt werden, so wird wohtt?) anzunehmen sein, daß sie dem Elementarunterrichte entsprungen sind und dem Zwecke der besseren Einübung der Buchstaben gedient haben. Da sicherlich auch R. Chija in die Lage kan:, Anfängen: die Kenntnis der Buchstaben zu vermitteln, so wird es mit seinen: rr-tsse dieselbe Bewandtnis gehabt haben. Nur in einer Beziehung unterscheidet sich das n»:rü"rr des R. Chija von den anderen Buchstabengruppierungen. Es stellt nämlich zugleich ein arithmetisches System von Zahlen dar, bei welchem wir in der ersten Reihe Buchstabenpaare mit der Summe 10, in der zweiten Reihe solche mit der Summe 100 und in der dritten Reihe mit 1000 unterscheiden. Dies macht die Annahme wahrscheinlich, daß R. Chija auch das Rechensach in den Kreis des Unterrichtes mit einbezog. Das rr::is"K des R. Chija stellt folgende") Reihen dar: °) Sukka 20 a, s. Jawitz, Toldoth Israel VI, S. 251, Anm. 11. 7) B. Mezia 85b. 8) Jer. Kilajnn IX, 3. s) Sukka 52 b. 10) Sabbath 104 a, Aboth d'R. N. Vl. ") Sabbath 31 a, s. RaZi. ,2) Löw, Graph. Requisiten F. S. 42. 13) Zuuz, G. V. 326 (339), Dukesz, Nab. Blumeulese S. 254—255, Anm. 1 und Strack, Einleitung in den Talmud S. 130, sprechen von Geheimalphabeten. ly Nach Ra8i Sukka 52 b.