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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-06-05 · 23 (5.6.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
23 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 394 Dr. Bloch's Wochenschrift r. 23 gramms — und die Strafanstalt Stein hat ohne jeden Protest von freisinniger Seite einen Sträfling namens Hilsner in ihren schweren Mauern. Was man in Rußland nicht duldet, dulden unsere Fortschrittlichen mit egoistischer Teilnahmslosigkeit und lassen auf das Kommando einiger schmutziger Christlichsozialen das Ergebnis eines Prozesses bestehen, den wir vor einem Jahre noch als eine russische Justiz bezeichnet hätten. Wahrlich, man muß den Gang des Hilsner-Prozesses studiert haben, um in eine unvergängliche, lodernde Entrüstung zu geraten. Dieser Wahnsinn von Zeugenaussagen, diese Korruption der Behörden, dieser Terrorismus echtrussischer Oesterrcicher? Man sollte wirklich das Bucb des Dr. Nußbaum mit deu Verhören aus dem Prozeß in vielen Tausenden von Exemplaren Herstellen und an Freund und Feind zur Verteilung bringen. Es ist kein Zweifel darüber möglich, daß sich alsbald eine gewaltige Liga von gerechten Menschen bilden würde, um Hilsner aus dem Kerker zu befreien, in welchem er unschuldig bis an das Ende seines Lebens schmachtet. Das Buch und sein Inhalt ist jedoch jetzt schon vielen bekannt oder sollte es sein, welche sich vermöge ihrer politischen Stellung oder ihres Berufes mit Dingen von öffentlichem Interesse zu befassen haben. Wir haben ein Justizministerium, dessen Chef und dessen höhere Beamten sich dagegen verwahren würden, nicht fortschrittlich zu sein. Wir haben eine ganze Reihe politischer Parteien und Männer, welche auf ein freisinniges Programm kandidiert haben. Nicht nur daß alle diese niemals aus eigenem Antriebe etwas gegen einen der schwersten reaktionären Erfolge, gegen die Verurteilung Hilsners, unternahmen, folgen sie auch keiner Mahnung von außen. Es ist ja ein öffentliches Geheimnis, daß man sich vor den Christlichsozialen fürchtet, deren Gnade oder Ungnade heute im Staate so viel zu sagen hat. In Rußland aber fürchtet man sich nicht vor den Reaktionären, obwohl diese als angebliche Stützen des Staates auch sehr viel von der Regierungsgewalt in Händen haben. Die nach der Ehre und nicht nach Ehren begierigen Fortschrittlichen Rußlands haben eben die Wahrheit und ihr politisches Glaubensbekenntnis vor Augen und sonst nichts. Sie weichen vor den echtrussischen Leuten auch deswegen nicht zurück, weil diese aus den übelsten Elementen bestehen und weil solchen Menschen kein wirklicher Patriot die Ueberhand lassen kann. Auch unsere Christlichsozialen sind Demagogen der schlimmsten Sorte und tragen arge Spuren von dem Sumpfe an sich, aus dem sie hervorgegangen sind. Trotzdem weicht man vor ihnen zurück und gestattet ihnen, zum Verderben des Staates und der Gesellschaft, nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Justiz beherrschen zu dürfen. Nun sehe man, was in Rußland geschehen ist und vergleiche damit die Ereignisse und Zustände in einem freien und angeblich kultivierten Staate. Vielleicht wird dieser Vergleich doch einmal den Antrieb geben zu Aktionen und Versuchen, daß der österreichische Fortschritt wenigstens den russischen einholt. vom Zabrmarkt des Lebens. Konstituierende Landeskonferenz der „Jto" in Ungarn. Vorige Woche fand in Budapest die konstituierende Landesversammlung der „Jto"-Organisation in Ungarn statt. Bekanntlich hat die ungarische Regierung ursprünglich sich aus den Standpunkt gestellt, daß die „Jto"- Organisation dem Wesen nach nichts anderes als eine Variante der zionistischen Organisation sei, und hat deshalb auch, der „Jto", so wie sie es mit dem Zionismus bisher getan hat, die Genehmigung der Organisationsstatuten verweigert. Den Aufklärungen der führenden jüdischen Persönlichkeiten Ungarns war es gelungen, die Regierung^davon zu überzeugen, daß gegen die Bewilligung der Statuten von keinem Gesichtspunkte aus irgend etwas angeführt werden könne, so daß die Regierung die Statuten der „Jto"-Organisation in Ungarn mit der Genehmigungstlausel versah und die Konstituierung der Landesorganisation stattfinden konnte. An derselben haben 34 Ortsgruppen durch rund 150 Delegierte, welche den allerersten Gesellschaftskreisen angehören, teilgenommen. ' Schon die aut Abend vor der Versammlung in den Sälen des Hotels „Bristol" veranstaltete Reunion zeigte, daß die „Jto" in sämtlichen Kreisen der ungarischen Judenschaft ohne Unterschied der religiösen Parteistellung Anklang gefunden hat. Die Konferenz selbst wurde, in Abwesenheit des Präsidenten Hofrat Winterberg, vom Redakteur Szäbolcsi durch ein stimmungsvolles Gebet eröffnet, während die Versammlung selbst von dem Präsidenten der Landeskanzlei Dr. Moritz Mezei geleitet wurde. Nachdem eine Huldigungsdepesche an den Kaiser und eine Depesche an den Präsidenten der Organisation Israel Zangwill verlesen und angenommen wurde, erstattete der Schriftführer der Landesorganisation Dr. Ludwig Szäbolcsi den Bericht, dem wir entnehmen, daß die ungarische „Jto"-Organisation heute 6800 Mitglieder zählt und ein Vermögen von rund 50.000 Kronen besitzt. Dank der Propaganda des gewesenen Ministerialsekretärs Dr. Alexander Lederer und des Schriftstellers Dr. Stefan Haas gelang es, gerade in den letzten Tagen in Budapest allein eine Studentenorganisation von 700 Mitgliedern zu schaffen und eine itoistische Frauenorganisation ins Leben zu rufen, der sich schon am ersten Tage in Budapest allein 200 Damen der besten jüdischen Gesellschaft anschlossen. .Nach Kenntnisnahme des Berichtes verdolmetschte der Delegierte der österreichischen „Jto"-Organisation, Redakteur Jakob Krausz, die Wünsche der österreichischen Jtoisten. Begrüßungstelegramme kamen aus zahlreichen Städten Rußlands, aus Paris, mehreren Städten der Schweiz, Hollands, aus Amerika und den englischen „^"-Vereinen. Bei der Wahl in das Kuratorium und der Repräsentanz der ungarischen Jtoisten wurden unter anderen auch Staatssekretär des Justizministeriums Leopold Vadasz gewählt, welcher diese Wahl bereitwilligst annahm. In gehobener Stimmung wurde die erste Landeskonferenz der „Jto" in vorgerückter Stunde geschlossen. Zangwill und die „Jto". Aus London wird uns geschrieben: Gegner des Zionismus haben, besonders um den großen Eindruck, den das Anwachsen der „Jto" in der letzten Zeit ganz besonders in Ungarn gemacht hat, abzuschwächen, das Gerücht verbreitet, daß Zangwill amtsmüde sei und die Führerschaft der „Jto" niederzulegen gedenke; demgegenüber hat Zangwill dem Vertreter eines jüdischen Blattes erklärt, daß diese Gerüchte eine pure Erfindung derjenigen seien, denen die itoistische Bewegung unbequem ist. Er sei nach wie vor von der Notwendigkeit des Territorialismus durchdrungen und werde, im Gegensätze zu anderen Parteien, in der im September stattfindenden Delegiertenkonferenz der Organisation den heutigen Stand der „Jto" unverhüllt und ungeschminkt darlegen. Auf dieser Konferenz werden sämtliche in Betracht kommenden Fragen frei diskutiert werden. Es ist auch unwahr, daß das Angola-Projekt bereits fallen gelassen sei, es seien noch immer gute Chancen für seine Verwirklichung gegeben. Wie immer sich die Bestrebungen der „Jto"-Organisation gestalten sollten, sie wird immer Wege finden, das Los unserer verfolgten Glaubensbrüder wenigstens zu erleichtern.

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