Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch’s I«hrgtmg xxxi O Zentraloroan für die gesamten linteressen des Judentums. ^<F ■ -uo A. K. Poftlparkurstensrnt Slearlng-Verk ebr Hr. 810.976. Redattton und Administration: Wien ir/1. Praterstraße 9 lelel«» 14:847 oQ -■ ■ _ ■"■■t-’Jo Wien. 5. J,mi 1914 : Lrscvelnr jeden Lrettsg. i Brief-Adresse: Wien. 11/1. Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. O Cr - "=DC p VrptgSprri« für ©»ftrrrrtrfi: Halbjährig 8 Kronen: Etnzelexemvlare 50 Heller. Für'» Au»l«nd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die nalgespal» tene Pelttzeile 4^ Heller. C np ... -) Inhalt: Leitartikel: Oesterreichischer und russischer Fortschritt. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Konstituierende Landeskonferenz der „Jto" in Ungarn. Zangwill und die „Jto". Rothschild über die religiöse Erziehung. Die Rede eines Juden im amerikanischen Kongreß. Das „rituelle Laboratorium" im Beilisprozeß. Jüdische Farmer bevorzugt. Die Erfindung eines jüdischen A.ztes. — Die Jngendlehrer der talmudischen Zeit. (Fortsitzunp.)— Korrespondenzen: Chewra-Kadischa Wien. Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und A beiterinnenheim Generalversammlung der Adas Jisroel. Ehrung und Abschiedsfeier in Jglav. Was ist's mit dem roten Zettel. Schaffung freundschaftlich'r Beziehungen zwischen Juden und Arabern. Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten. Naturalisation russischer Inden in England. Generalversammlung des Vereines der Jüdischen territorialistischen Organisation in Krivoj Rog. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Assentierung. (Schluß). — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Oesterreichischer und russischer Fortschritt. Man wird noch dazu kommen, Rußland um seine geistigen und moralischen Zustände, um die. Unerschrockenheit und Wahrheitsliebe seiner Bürger beneiden zu müssen. Zum zweitenmal ist von den Geschwornen ein Urteil im Beilis-Prozesse gefällt worden, und zum zweitenmal war es ein Freispruch im Lin ne des Fortschritts. Vor dem Schwurgericht in Kiew hatte sich der Publizist Alexander Jablonowsky zu verantworten, weil er die Wera Tscheberjäk in der „Kiewer Stimme" beleidigt hatte. Man kennt die herostratische Berühmtheit der Tscheberjäk, der berüchtigten Kronzeugin in der Anklage gegen Beilis. Eine abstoßende Figur, wie sie in Gorkis russischen Vagabundennovellen geschildert wird, gehört sie dem Abschaum der Kiewer Bevölkerung, der Leitung einer Diebsbande an. Sie hat jedoch von der Polizei, wenigstens für die nächste Zeit, nichts zu befürchten. Denn sie war den echtrussischen Leuten, 4>er reaktionären Regierung, dem gefügigen Staatsanwalt gut genug für die Rotte einer Märtyrerin, der die Juden den kleinen Stiefsohn Justschinsky zu rituellen Zwecken ermordet hatten. Allerdings fiel sie trotz aller Anstrengungen der mächtigen Arrangeure in dieser Rolle gründlich durch. Nun ließ man sie ein zweitesmal auftreten, versuchte den Beilis- Prozeß in der Form eines Ehrenbeleidignngsprozesses zu wiederholen. Der mutige. Publizist Jablonowsky hatte in einem Feuilleton zu schreiben gewagt, was das ganze fortschrittliche Rußland sagte: daß die Tscheberjäk den Knaben selbst umgebracht habe, weil er unwillkürlich zum Mitwisser ihrer Diebereien geworden war, und daß sie die Schuld auf die Juden schob, um jede Verfolgung von sich abzulenken. Es ist ganz klar, daß das Weib weder die Mittel noch den Willen hatte, Privatprozesse zur Verschönerung ihrer recht fragwürdigen Ehre anzustrengen. Ganz gewiß sind mächtige und einflußreiche Faktoren hinter ihr gestanden. Um so bedeutender ist die Niederlage, welche sich diese Anwälte der Finsternis durch den Wahrsprnch der Geschwornen holten. Das sind gute Zeichen für das Wachsen des Fortschritts in Rußland, welcher auch in der Duma einen großen Erfolg gehabt hat. Hier kam es zu offenen und scharfen Angriffen auf das Justizministerium, und die Kadetten und Sozialdemokraten beherrschten die <szene durch zwei Tage. Das Ende der Debatte war ein eindrucksvoller moralischer Sieg über die stets zu Lärm und Roheit bereite Rechte, welche zum Schweigen gebracht wurde, und über die Behörden, für welche der Gehilfe des Justizministeriums recht klägliche Erklärungen abgab. In seinen Ausführungen blieb es unrvidersprochen, daß sein Ministerium den ganzen Ritualmordschwindel arrangiert und dessen Helfer belohnt und ausgezeichnet hat. Der Vertreter des Ministers beantwortete auch die stürmisch erhobene Frage nicht, warum man denn die Wera Tscheberjäk nicht als Beschuldigte unter Anklage stelle, obwohl doch sehr schwerwiegende Verdachtsgründe gegen sie sprechen. Die reaktionäre Regierung schützt also die vermutliche Täterin, obwohl sie nur eine bekannte Diebin ist, nur damit die Juden nicht etwa eine volle Genugtuung für die infame Verleumdung des Ritualmordes bekommen. Die öffentliche Meinung ist jedoch in diesem Falle so empört und ruhelos, daß man sich der Erhebung der Anklage gegen den Willen des Justizministeriums sicher fühlt. Käme es dazu, so wäre die Anklage für niemanden eine größere Ueberraschung und Beschämung als für die sogenannten Fortschrittlichen in Oesterreich. Denn es ist Rußland, in welchem man einen Prozeß wegen Ritualmordes so wenig duldet, daß man seine Umkehrung gegen die wahren Täter stürmisch fordert. Das Rußland des Zaren und der Kosaken, der Pogroms und der Verschickungen nach Sibirien, der politischen Märtyrer und des Absolutismus treibt trotz allen diesen Schrecknissen Mut genug auf, um die Wiederkehr des ärgsten Stückes Mittelalter nicht zu dulden. Bei uns haben es die Fortschrittlichen doch wirklich maßlos leichter. Man mag über Oesterreich so abfällig wie nur immer urteilen, ein Polizeistaat ist es nicht. Die Freiheit des Wortes und der Presse geht so weit, daß man sogar Mißbrauch damit treibt. Wir haben ein Parlament mit großen Rechten und gesetzlich verantwortliche Minister. Wir haben überaus viele Vertreter eines fortschrittlichen politischen Pro-