Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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ittr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 387 für euch soll es gedacht werden — auf sich gegossen und sich zu Tode gebrüht — jenem zu längeren fahren. Von der Zeit an ist er, Jtzig nämlich, das heißt Awrohom Jitzchok, unser einzigdiger gewesen, und sie hat ihn verzogen, meine Frau, sie sott gesund sein, und hat ihm den Namen Alterchen gegeben. Werdet ihr fragen: Wie heißt? Ein Einzigdiger ein Einundeinzigoiger, was hat der mit Militärgestellung zu tun? — Hort nur, das ist doch eben mein ganzer Verdruß! Ihr glaubt vielleicht, er ist, Gott soll hüten, ein gesunder Jung, wie es einmal vorkonnnt be.r Kindern, die im Ueberfluß augvachsen. Seid ihr auch im Irrtum! Nicht zwei Groschen möchtet ihr für ihn geben. Ein Versehnis ist er, ein trauter Jung. Das heißt, krank, Gott soll hüten, ist er auch eigentlich nicht: aber gesund ist er gewiß nicht. Schade, er schläft jetzt, ich will ihn nicht wecken. Wenn er aufstehr, werdet ihr sehen: ein Schatten von einem Menschen, Haut und Knochen, lang und schmal, ein Gesicht, wie die ausgespiene Feige, die Rebi Zadoc verschluckt hat, und erne Gestalt — Steins geklagt! — dünn wie ein Lulew, im ganzen nach ihr geraten, nach meiner Frau, sie soll gefund sein, auch hochgeschossen und mager. Nun frage ich euch: brauche ich etwa all eilte Militärgestettung zu „Bravo, Jtzig, tüchtiger Junge!" Die ganze Stadt hat iilich beneldet. Nummer sechshundertneunundneunzig! Was für ein Glück! Masel tow, masel tow! Mit Mafel sollt ihr leben! Genau, als wenn ich mit dem großen Los von 200.0u0 Ruvel herausgeiommen wäre! Aber unsere Jüdchen! . . . Wie man ist gekommen zur Untersuchung, sind auf einmal alle wüste, finstere Krüppel geworden. Der hat den Fehler gehabt, jener hat plötzlich zu hinten ange,sangen, einem anderen war es aus die Augen gefallen, der hat das Pfeifen bekommen, bei jenem hat sich eine Wunde aufgetan, bei wieder einem hat sich, mtt Respekt zu sagen, ein Aufsatz auf dem Kops gezeigt... Kurz, was soll ich euch lang erzählen —, man ist bis zu meines Sohnes Nummer gekommen, und mein Jtzig, das heißt Alterchen, hat sich nebbich gemußt zur Aushebung stellen. Bei mir in der Stube hat sich ein Gemein erhoben, ein Gemein und Geschrei. Finsterkeit! Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt? Wo ist das erhört gewesen! Ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, und denken, so lang und dünn wie er ist? Uno tauglich Jt^rein Stückchen Privileg! Und er, das heißt mein Sohn, ov rtitrfi tt-rrtaf itrrS i'tit votitttrtciwvttit (i'rt hilfr*r f i. . _ _ v . er auch nicht, und eilt Befreiungsprivileg hat er! Es ist zur Militärgestellung gekommen. Wie heißt „Befreiungsprivileg"? Was ist mit dem Befreiungs- Privileg? Es fängt sich gar nichts an. Und was war die Ursache? Ganz einfach: mein anderes Jüngelchen, Eisik, der sich als Kind — nicht für euch soll es gedacht sein! — mit dem Samovar zu Tode gebrüht hatte, war nicht in der Matrikel gestrichen worden; man hatte es vergessen! Bin ich hingelausen zum Kronsrabbiner, dem Schaute, und Hab geschrien: „Halunke, Spitzbube, was habt Ihr getan? Warum habt Ihr meinen Eisik nicht ausgestrichen?" Fragt mich der Narr: „Wer ist der Eisik gewesen?" — „Wie heißt?" frag ich, „Ihr wißt nicht, wer Eisik ist? Mein Sohn Eisik, der den siedigen Samovar über sich gegossen hat?" — „Was für Samovar?" fragt, jener. — „Guten Morgen," sag ich; „ein guter Kops aus Euchj! So ein Kopf ist gut, Nüsse darauf zu knacken! Wer kennt nicht die Geschichte von meinem Eisik, der 'sich mit dem Samovar zu Tode gebrüht hat! Ich verstehe nicht, was Ihr für ein Rabbiner in unserem Städtchen seid. Mit Schales*) kommt man nicht zu Euch, dafür ist ein Row da, lang soll er leben — solltet Ihr wenigstens Achtung geben auf die die Gestorbenen! Zu was hat man Euch und Eure Taxen?" Endlich stellt sich heraus, ich habe den schönen Row ganz umsonst heruntergemacht: denn die Geschichte mit dem Samovar war nicht in Meseretsch passiert, sondern zu der Zeit, wo wir — nicht gedacht soll es heute werden — in Worotiliwka gewohnt haben. Das war mir ganz wie aus dem Kopf herausgeflogen. Kurz, was soll ich euch erzählen! — Ich habe mich gerührt und umgetan, Papiere her, Papiere hin — mein Awrohom Jitzchok, das heißt Jtzig, den man Alterchen ruft, war um sein Privileg gekommen. Das ganze Privileg war fort. Ach und Weh und Gewalt! Denkt euch: ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ganz echt, wahrhaft, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg — und keine Spur von einem Privileg! Nun geh und schrei um Hilfe und Erbarmen — aus! verfallen! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Geht mein Alterchen, das heißt Jtzig, und zieht die höchste Losnummer 699! Die Militärkommission hat sich gewiegt vor Freude. Der Vorsitzende selbst hat ihm einen Stoß in die Rippen gegeben und hat gerufen: *) Ritualsragen. ist ganz gleichgültig, als ginge die Sache ihm gar nichts an. „Was wird fein mit Kol Jisroel, wird sein mit Reb Jisroel!" sagt er. Nur der Magen zittert ihm dabei. Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Der Dokter betrachtet meinen Jtzig, das heißt Alterchen, mißt ihn aus in der Länge und in der Breite, beklopft ihn, bekuckt ihn, dreht ihn her und hin und sagt: „Er taugt nicht, der Hund," das heißt, er taugt schon, nur zunt Soldaten taugt er nicht. Er mißt keine dritrhalb Werschok in der Breite. . . . Wieder einmal eine Freude, ein Jubel: Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt ihr leben! Die Familie ist zusammengekommen, mat hat einander „lechajim"*) zugerufen, man hat Gott gedankt, man war die Gestellung los! Aber unsere Jüdchen! . . . Meint ihr, es hat sich nicht ein Scheikez**) gefunden, der bei der Regierung angezeigt hat, ich hätte „geschmiert"? Was soll ich euch sagen — noch nicht zwei Monate vorüber, kommt ein Papier, worin mein Jtzig, das heißt mein Alterchen, gebeten wird, er soll noch einmal zur Gestellung in die Gou.vernementsstadt kommen, zur „Revision" heißt man das. Wie gefällt euch die Mahsee? Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt! Wie heißt! Zweimal zur Gestellung ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg! Kurz, was soll ich euch erzählen! — Wenn man zur Regierung gerufen wird, darf man nicht ausbleiben, muß man fahren. Sind wir zur Regierung gefahren. Bin ich herumgelaufen hin und her. Vielleicht hilft das Verdienst der Väter, ein gutes Wort, das, jenes Geschrei! Ich erzähle einem die Geschichte — ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, und nicht einmal gesund. — Der erhebt ein Gelächter. — Und mein Sohn? — Man hat schon schönere begraben, sagt er, eine Revision ist eine Lotterie, die reine Lotterie! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Man hat meinen Jtzig, das heißt Alterchen, hineingeführt zu der Regierungsrevision und hat wieder von vorn angefangen, ihn zu betrachten in der Länge und in der Breite, hat ihn wieder beklopft und bekuckt, gedreht hin und her. Was? Steins geklagt! „Taugt nicht, der Hund!" Das heißt, taugen taugt er schon, nur *) Zum Wohlsein. **) Scheusal.