Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift Snte 377 auf Jahre hinaus erhalten bleiben zum Wohle des Staates und zum Segen für uns alle. (Lebhafte allgemeine Zustimmung.) Der Präsident erteilt nunmehr dem Sekretär Herrn Siegfried Fleischer das Wort zu nachstehendem Rechenschaftsbericht: Geehrte Generalversammlung! Das charakteristische Merkmal des abgelaufenen Jahres war die tiefe Verdrossenheit, welche sich der gesamten Bevölkerung gegenüber alten und jeglichen politischen Vorkommnissen bemächtigt hat. Verursacht wurde diese Verdrossenheit einerseits durch die schwere wirtschaftliche Krise, welche infolge des BaUankrieges auf Handel und Wandel in Oesterreich lastete, anderseits durch das einem völligen Bankerott gleichkommende absolute Versagen des parlamentarischen Apparates und der daraus resultierenden Ohnmacht aller politischen Parteien. Dieser Abstumpfung und Verstauung ist in erheblichem Maße auch die jüdische Wählerschaft verfallen, und die Entmutigung greift um so tiefer, je größer die Enttäuschung ist, welche auf die freiheitlichen Wahlsiege des Jahres 1911 folgte. Statt den vernichtenden Schlag, der vor drei Jahren die christlichsozialen Vertreter fast aus allen Wiener Reichsratswahllreisen hinwegsegte, energisch auszunützen und sich zu einer einheitlichen, intellektuell und agitatorisch kraftvollen Gruppe zusammenzuschließen, haben die einzelnen freiheitlichen Wählergruppen Wiens ihre Aufgabe darin erblickt, einander gegenseitig zu befehden und so den Christliche sozialen Zeit und Gelegenheit geboten, sich von neuem zu ralliieren. Man darf ruhig behaupten, daß die wiedergewonnene Macht der Christlichsozialen weniger auf der eigenen Stärke als auf der Schwäche ihrer Gegner und auf dem Mangel einer Partei beruht, die fähig wäre, an ihre Stelle zu treten. Und mit aufrichtiger Betrübnis müssen wir es aussprechen, daß eine Besserung dieses marastischen Zustandes in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist, trotz der in letzter Zeit neuerdings unternommenen Versuche, die bisher auseinanderstrebenden Elemente des Wiener Freisinnes zu einigen. Und wenn die Machthaber des Wiener Rathauses in der ersten Verblüffung nach erlittener Niederlage die Judenhetze mit geringerem Eifer betrieben, so erinnerten sie sich doch sehr bald wieder daran, daß diese Hetze das Fundament ihres Aufstieges war, und der antisemitische Weizen steht nun wieder in voller Blüte. Mit demselben bewährten Mittel suchen die Deutschradikalen in den Sudeten- und Alpenländern ihre durch die Unfruchtbarkeit der parlamentarischen Taktik erschütterte Stellung zu festigen. Das Scheitern des böhmischen Ausgleiches, die weitere Zurückdrängung des deutschen Einflusses, die tatsächliche Sistierung der Verfassung hat wieder einmal nicht etwa die Unfähigkeit der Führer, sondern nur „der Jud'" verschuldet. Solcherart werden, während im tschechischen Sprachgebiete unsere Glaubensgenossen als willkommene nationale Mitkämpfer mit offenen Armen ausgenommen werden, im deutschen Sprachgebiete die Juden weiterhin politisch abgestoßen, gesellschaftlich brutalisiert und wirtschaftlich geschädigt. Die Herren vom Deutschen Nationalverband wollen noch immer nicht begreifen, daß der Verfassungsbruch, dessen sie heute die Regierung beschuldigen, zuerst von ihnen selbst gegen die Juden begangen wurde. Noch weitaus düsterer hat sich die Lage unserer Glaubensbrüder in Galizien gestaltet. Die Kriegsfurcht, deren Beute das Land im Vorjahre war, hat eine tiefe wirtschaftliche Depression erzeugt, welcher zahlreiche jüdische Geschäftsleute unverschuldet zum Opfer gefallen find. Zudem hat die Boykottbewegung, welche im Königreiche Polen große Dimensionen angenommen hat, auf Galizien übergegriffen und die Hetze gegen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden imrd auch hier unter stillschweigender Duldung der staatlichen Organe in Wort und Schrift schwungvoll betrieben. Die Verarmung der jüdischen Bevölkerung und die Beschränkung ihrer staatsbürgerlichen Rechte sind bereits bis zur Unerträglichkeit gediehen. Daß unter solchen Voraussetzungen unser Rechtsschutzbureau auch im abgelaufenen Jahre in außerordentlichem Maße in Anspruch genommen war, ist mit zu begreiflich. Von allen antisemitischen Roheiten und Bosheiten wohl die empörendste ist die Vergiftung der unschuldigen Kinderseele durch den Rassen- und Klaffen- Haß. Mehrfach ist in Galizien an össentlichen Schulen seitens geistlicher und weltlicher Lehrer der Versuch unternommen worden, die Stätte der Bildung zur Brutstätte ' des rohesten Antisemitismus zu machen. Am Neu-Sanderer zweiten Gymnasium hat der Re- ^ligionsprofessor P. Klamut anläßlich des Jahresschlusses und der Verteilung det Schulzeugnisse im Schulgebäude eine Flugschrift verteilt, welche nicht mit zum Boykott gegen die Juden aufreizte, sondern auch eine Reihe der heftigsten Beschimpfungen und Verleumdungen gegen unsere Glaubensbrüder enthielt. An der Oswiecimer Mädchenvoltsschule hat die Lehrerin Frau Antonia I a k u b i e c während des Unterrichtes erzählt, daß die Juden für ihre Mazzes Blut brauchen und die anwesenden jüdisch.n Schulkinder „räudige Jüdinnen" und „Bastarde" genannt. An der Jaroslauer Realschule hat der Professor für polnische Literatur- Thaddäus Kaniowski den Talmud ein Schandbuch und eine Sammlung unsinniger Ritualvorschriften genannt und die jüdischen Schüler beschimpft. Als die Eltern dieser jüdischen Schüler sich bei der Schuldireition beschwerten, wurde eine Untersuchung eingeleitet, welche damit endete, daß zwei jüdische Schüler, die unmittelbar vor der Maturitätsprüfung standen, ausgeschlossen wurden. _ Aber auch außerhalb Galiziens ist die Schulstube mehrfach zum Schauplatze der Verhetzung gegen die Juden gemacht worden. So hat der katholische Religionslehrer an dem Gymnasium zu Benneschau, Dr. Kolar, in einzelnen Klassen während des Religionsunterrichtes erklärt, es sei nachgewiesen, daß der Verräter im Generalstabe Alfred Redl ein getaufter Jude gewesen sei, der ursprünglich Redlich geheißen habe. Die Unwahrheit dieser Behauptung ist durch die „Oesterr. Israel. Union" auf Grund genauer Erhebungen festgestellt und in den öffentlichen Blättern verlautbart worden. In Wahrheit stammt Redl von römisch-katholischen Ellern und ebensolchen Großeltern und die angebliche Aenderung des Familiennamens ist eine Fabel. In all den vorerwähnten Füllen hat unser Rechtsschutzbureau bei der zuständigen Behörde, dem Unterrichtsministerium, gegen das Vorgehen der pflichtvergessenen Jugendbildner Beschwerde erhoben und die Bestrafung, resp. Verwarnung derselben verlangt. Tatsächlich.wurde gegen Klamut, Kaniowski und Frau Jatübiec die Disziplinaruntersuchung eingeleitet und Dr. Kolar nachdrücklichst verwarnt. In das Kapitel der Verrohung der Jugend durch den Antisemitismus gehört auch jenes sogenannte „Waidhofener Prinzip", welches die schlagenden deutschen Studentenverbindungen verpflichtet, jüdischen Studenten leine Satisfaktion zu gewähren. Die Anwendung dieses Prinzipes und die in einer öffentlichen Versammlung abgegebene Erklärung hat im Sommer des vorigen JahreS zu blutigen Schlägereien zwischen deutschnationalen und jüdischnationalen Studenten der Wiener Universität geführt, durch welche auch d'.e öffentliche Meinung aus das Heftigste erregt wurde. Gegenüber dieser frechen Jnsultierung nicht nur der akademischen Bürger jüdischen Glau-