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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 365 Au clcn 'Wochentagen seines Lebens ging er die Gassen der Stadt zum Bahnhof hinunter, vom Bahnhof herauf.1 Hinunter ging er mit seinem kolossalen Schubkarren, zumeist leer; zurück mit einer solchen Last, daß die mächtig eisenbeschlagene Konstruktion ächzte, knirschte und zuckte. Auf seinem Riesenkopf trug er einen Hut wie sonst niemand, auf seinen Füßen solche Stiefel, daß für einen gewöhnlichen Sterblichen fürs Leben lang getrost eine Lederliose ausgereicht hätte. Er eilte nie, er zürnte nie. Ich glaube, er hatte nie Feinde. Er hat niemanden betrogen, er hat niemanden beleidigt. Auch ihn kränkte niemand, auch mit 'Worten nicht. Er war der leibhaftige Typus des arbeitsamen, redlichen Menschen. Als die, welche ihn als Kinder anstaunten, neben ihm aufwuchsen, ihm begegneten, grüßte er zutraulich. Und als unter seinem Schnurrbart hervor das stereotype „Gut’n Tag“ erklang, erschütterte ein mächtig tiefer Baß die Luft. Und doch war das ganze nur ein Geflüster. Weil ich ihn laut, mit Emotion nie sprechen hörte. Hiezu bedurfte es bei ihm niemals. Seinem bescheidenen Worte gab sein Körperbau, seine Individualität, seine Rechtschaffenheit Nachdruck. In meiner Kindheit ging die Kunde, daß er, im Falle seines Ablebens seine Gebeine zu wissenschaftlichen Zwecken irgendeinem Museum verkaufte. Nie glaubte ich es. Und später hörte ich, daß auch er selbst gegen diese Voraussetzung sich verwahrte. Es war seine volle Ueberzeuguug, daß Gott seinen mächtigen Körperbau, seine säuligen Gebeine nur zur Benützung für dieses Erdenleben ihm anvertraute, daß er nach denn Tode ihm diese zurückgebe und nicht irgend einem Museum. Er war eine tiefreligiöse Natur. Samstag, wenn er in den Tempel ging, war sein Antlitz die wahrhaftige Illustration der Psalmworte: „Glücklich, die in deinem Hause wohnen, mein Gott und Herr“, und der Psalmworte: „Ich frohlocke, wenn man mir sagt, daß wir in das Haus des Herrn gehen.“ So schön, so ergreifend war dieser alte Jude mit seiner tiefsinnigen Religiosität. Ich glaube, daß sein Jehovah seinen treuen Diener dafür belohnt. Im vergangenen Herbst sah ich ihn zum letztenmal. Die Synagoge wurde baulich renoviert. Und dieser alte, mit 70 Jahren noch mächtige Mensch trug, abgemtidet von seiner brodsuchenden Tagesarbeit, auf seinen schön hinfälligen Schultern mächtige Eimer Wasser zu seinem Gotteshäüse. Sein tiefsinniger Glaube "lehrte ihn arbeiten zu Gottes Verherrlichung. Weil ich tief überzeugt bin, daß er es nicht für Geld getan. Und nun fragt mich vielleicht jemand, was der Nekrolog dieses alten Juden in den Spalten einer katholischen Zeitung* sucht? Ich sage es. Ich werde es gerne sehen, wenn in jedem Juden, in jedem Christen soviel Glauben, soviel Redlichkeit, soviel Güte, soviel Gottes- und Menschenliebe leben würde. Schöner, besser, glücklicher wäre die Welt. Und wahrlich, ich sag’s, es wäre nicht so viel Antiklerikalismus, nicht so viel Antisemitismus. Oder — für alle Fälle weniger. S z i g m a. Berlin. Die Gesellschaft zur Fürder u n g der Wissenschaft des Judentum s tritt am 3. Juni d. I. in Frankfurt a. M. zu einer Tagung zusammen. Die Verhandlungen beginnen morgens mit einer Sitzung des Ausschusses, der sich am Nachmittag die öffentliche Mitgliederversammlung anschließt: in OjOieser merden u. a. die Herren Rabbiner Prof. Dr. GutLmann (Breslau), Oberlehrer Pros. Dr. Cracau er (Frankfurt a. M.) und Universitätsprofessor Dr. Martin Philippson (Berlin), der geschäftssührende Vorsitzende der Gesellschaft, das Wort ergreifen. In Frankfurt ist aus diesem Anlaß ein größeres Lokalkomitee zusammengetreten, um durch eine Reihe von Veranstaltungen die Tagung, die Bedeutung der Gesellschaft entsprechend, besonders eindrucksvoll zu gestalten. Am 3. Juni, zwischen der Sitzung des Ausschusses und der Mitgliederversammlung, findet unter der sachkundigen Führung des bekannten Herrn Prof. Dr. I. Hülsen (Frankfurt a. M.) eine Besichtigung Alt-Frankfurts statt, bei welcher den jüdischen Altertümern besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Am 4. Juni vormittags erfolgt gemeinsame Fahrt der Teilnehmer der Versammlung nach Worms, wo sie von der Gemeinde und den städtischen Behörden empfangen werden. Die Gemeinde veranstaltet eine Führung durch »die jüdischen Altertümer und eine Besichtigung des Fried -Hofes, auf dem bekanntlich eine Reihe bedeutender jüdi scher Männer ruht, während die Stadt bei einem ofsi zielten Empfang im Rathause in einer besonderen Aus stellung die auf die Wormser Juden bezüglichen Urkunden vorführt. Mit Rücksicht aus die günstige Feit rechnet man in Frankfurt mit einer großen Beteili gung auch auswärtiger Gäste, zumal die Teilnahme von Nichtmitgliedern der Gesellschaft zngelassen ist. Auf Wunsch versendet die Gesellschaft (Berlin, Gr. Hamburgerstr. 2!>, ausführliche Programme. Kongreß sephardischer Juden in Toledo. Aus Saloniki wird uns geschrieben.' Es gilt nunmehr als feststehend, daß im Jahre 1916 anläßlich des Cervantes-Jubiläums ein Kongreß der sephardischen Juden der ganzen Welt stattfinden wird. In hiesigen sephardischen Kreisen hegt man die feste Ueberzeuguug, daß bis dahin die Rückwanderung spaniolifcher Juden nach Spanien bereits sehr weit fortgeschritten sein wird. Das führende fpaniolifche Tagblatt in Saloniki „El Liberal" widmet dieser Frage in letzterer Feit eingehende Besprechungen, und es ist symvtomatisch für die Lage der Juden in Saloniki, daß das genannte Blatt nunmehr ganz offen für die Organisation der Rückwanderung der spanischen. Juden in ähre alte Heimat und für eine systematische Vorbereitung dieser Aktion öffentlich Propaganda macht. Das Blatt verlangt von Spanien Lehrer der neuspanischen Sprache sowie Instruktoren über dir ökonomischen und kulturellen Möglichkeiten daselbst. Bis jetzt haben gerade die sephardischen Kreise von Saloniki das Vorhandensein solcher Bestrebungen dementiert. Daß sie es jetzt nicht mehr tun, sonderit im Gegenteile die Rückwanderung nach Spanien offen propagieren, ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß sie die Ueberzeuguug gewonnen habe, daß ihres Bleibens in Saloniki nicht mehr von langer Dauer sein kann. Gemeinsames Vorgehen des Ehachan Bafchi und des Scheik Uel-Jslam in Rußland. Der in Konstantinopel erscheinenden „Aurore" ent nehmen wir die folgende beachtenswerte Meldung: Wir erfahren, daß der Grand Rabbin mit bem Scheik Uel Islam einen Meinungsaustausch gepflogen hat, dessen Gegenstand die Ergreifung gewisser gemeinsamer Maß nahmen zur Verteidigung der religiösen Interessen der Mohammedaner M^d der Juden von Rußland gebildet hat. Wir werden noch darauf zurückkommen. Wirtschaftliche Verfolgung der Juden in Griechenland. Aus Saloniki wird uns geschrieben: Die Juden in den neugriechischen (Gebieten können ihres Lebens nicht froh werden. Tag um Tag müssen sie neue Beweise dafür erfahren, daß die (Griechen entschlossen sind, die Juden aus ihren durch Jahrhunderte langer Arbeit erworbenen Positionen zu verdrängen. Das neueste Mittel hiezu ist, daß in allen Städten, wo der Handel zum großen Teile in jüdischen Händen liegt, die Wochenmärkte auf den Sabbat verlegt werden, in der sicheren Annahme, daß die Juden, welche hier noch sehr religiös find, am Samstag keinen Handel treiben und dadurch ihre Kundschaft verlieren werden. Ans diese Weise sind die Juden von Floriana bereits vollständig ruiniert worden, da trotz aller möglichen Vorstellungen und Interventionen der Wochenmarkt auf*den Sabbat verlegt bleibt. Die griechische Regierung läßt auch darüber keinen Fweifel aufkommen, daß ne die Auswanderung der Juden aus diesen Gebieten gerne sieht und hat denselben auch für den Fall der Auswanderung die weitestgehenden Erleichterungen bei Beschaffung der Pässe unv. zngesichert.

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