Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022111--23151-3048334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 364 Dr. Bloch's Wochenschrift 'Nr. 21 Generalversammlung der Pestrr isr. Kultusgemeinde. Die Pester israelitische Kultusgemeinde hielt letzten Sonntag vormittag im großen Sitzungssaal der Kultusgemeinde unter Vorsitz Ludwig Adlers ihre Generalversammlung. In seiner Eröffnungsrede betonte der Präsident, daß die Gemeinde ihre konservative Richtung im Interesse der Religiosität und Moral auch weiter cinzuhalten gedenke. Hiemit stehe auch jene Bewegung in Verbindung, welche im Interesse der strenggläubigen Juden, welche den Samstag feiern, eine Abänderung des für sie gravaminösen Gesetzes über die Sonntagsruhe bezwecke. Hieraus gedachte der Präsident pietätsvoll der Toten des Jahres: Baron Josef Hatvanis, Dr. Wilhelm Bachers und Dr. Philipp Weinmanns, deren Bildnisse angefertigt worden waren, worauf der Jahresbericht zur Verlesung gelangte. Aus dem Bericht geht hervor, daß die Gemeinde in Monatsunterstützungen 55.344 Kronen, in gelegentlichen Unterstützungen und Mietezuschüssen 98.000 Kr. verausgabt hatte, während an Heiratsprämien 10.342 Kr. ausbezahlt wurden. Nach Bemerkungen des Vorstehers Dr. Friedrich H a l a ß, der die Errichtung neuer Bethäuser urgierte, und Tr. Wilhelm Grauers wurde der Bericht angenommen. Die Schlußrechnungen weisen ein kleines Defizit von 8479 Kronen aus, während in: Präliminare die Ausgaben mit 2,558.000 Kr., die Einnahmen mit 2,541.000 Kr. angenommen sind. Das Defizit des Jahres 1914 wird also zirka 16.000 Kr. betragen. Nach Annahme der Schlußrechnungen wird ein Antrag Joses Steiners vorgelegt, wonach eine Landesaktion zur endlichen Schaffung einer einheitlichen Autonomie der ungarischen I u d e n s ch a f t einzuleiten sei. In der Begründung seines Antrags führt Steiner aus, daß die Regierung, welche für die übrigen Konfessionen große Opfer gebracht hat, die Subvention der israelitischen Kultusgemeinde fast gar nicht erhöht hatte. Schon vor dreißig Jahren habe Koloman von T i s z a das Versprechen gemacht, der jüdischen Konfession eine Vertretung im Magnatenhaufe zu verschaffen. Man müsse nun den Grafen Stephan Tis za an das Versprechen feines Vaters erinnern und bei den nächsten Abgeordnetenwahlen nur sür solche Kandidaten stimmen, die für die Autonomie der Juden eintreten wollen. Auch möge zur Vorbereitung dieser Frage ein engeres Komitee aus den Herren Dr. Samuel B r o d y, Arnold K o h n, Baron Adolf K o h n e r, Dr. Moritz M e z e i, Dr. Franz M e z e i, Josef Steiner, Franz S z e k e l y, Wilhelm V a z s o n h i und Julius W i n t e r b e r g entsendet werden. Dieser Antrag regte eine lebhafte Diskussion an, an der Hofrat Franz Szekely, Szaboleski, Dr. Belä Feleki u. v. a. teilnahmen, worauf der Antrag Steiners angenommen wurde. Budapest. Der Pester israelitische Heilige Verein Chewra-Kadischa hielt am 17. d. M. seine ordentliche Generalversammlung ab. Der Präsident Hofrat Julius Winterberg hielt den hervorragenden Toten des Vereines, Oberbürgermeister Dr. Franz Heltai, Baron Josef Hatvany, Chefredakteur Sigmund Singer, Max Ruttkai, Berthold von Goldberger, Heinrich Kohner, Dr. Emil Farkas, Berthold Klein, Heinrich Fanto, Moritz Mendlovics und Tr. Wilhelm Bacher, einen warmen Nachruf. Generalsekretär königlicher Rat Dr. Franz M c z e i legte sodann den Jahresbericht vor, der ein Bild der großartigen philanthropischen Tätigkeit des Heiligen Vereines im vorigen Jahre entwirft. Die Wohltaten des Siechenhauses genossen 74 Pfleglinge; die Ausgaben betrugen 65.124.75 Kronen, die Einnahmen 24.453.73 Kronen, so daß das Defizit von 40.671.02 Kronen vom Vereine gedeckt werden mußte. Der Bau der Gratiswohuungen und Werkstätten nähert sich der Vollendung. Auf Geldunterstützungen wurden 163.409.23 Kronen verwendet, an regelmäßigen Monats- und Quartalsunterstützungen wurden 42.674 Kronen angewiesen. Der Heilige Verein besorgte im vorigen Jahre die Begräbnisse von 2831 Toten, von denen 90 in die Fremde befördert wurden. In zahlreichen Fällen wurde die Hälfte, auch zwei Drittel der Bestattungsgebühren erlassen, in 1299 Fällen wurden gar keine Gebühren entrichtet. Die Ausgaben für 1914 wurden mit 1,250.982.55 Kronen, die Einnahmen mit 1,068.969.35 Kronen veranschlagt. Das Defizit von 182.013.20 Kronen soll durch mildtätige Spenden gedeckt werden. Im Jahre 1913 betrugen die Einnahmen des Vereines 1,395.746.18 Kronen, die Ausgaben 1,346.911.24 Kronen, der Ueberschuß somit 48.834.94 Kr. Dr. Bela Feleki gedachte der ausgezeichneten Verdienste, die Generalsekretär Dr. Franz Mezei sich während der fünfundzwanzig Jahre erwarb, die er im Dienste dieser humanitären Anstalt verbracht hat. Er beantragte, Dr. Mezei bei unveränderter Beibehaltung seines Wirkungskreises zum Mitglicde der Vorstehung und zum geschäftsführenden Vizepräsidenten zu wählen. Der Antrag wurde mit großer Begeisterung angenommen. Tief gerührt dankte Vizepräsident Dr. Franz M e z e i. Vorsteher Ludwig Adler schloß hierauf mit einigen Worten die Sitzung. Der jüdische Lastträger von Stuhlmeifzenburg. S z e k e s f e h e r v a r. Vorige Woche starb hier Esriel S ch l e s i n g e r,*) ein armer Lastträger, der fein ganzes Leben lang ungekannt und ungenannt Wohltäter: übte. Er teilte seinen schwer erarbeiteten Lohn mit den noch Aermeren des Jerusalem, sorgte für Witwen und Bedürftige. Ein Mar Ukba, wie der Talmud ihn erwähnt, der, ohne daß der Arme jemals den Namen des Gebers erfahren hätte, sein ganzes Vermögen verteilte. Der Verblichene stand noch auf höherer Stufe als Mar Ukba, denn dieser hatte ein Vermögen zu verteilen, der Verstorbene hingegen hatte in seiner grenzenlosen Armut ein Vermögen verteilt. Sämtliche Lokalblätter widmeten ihn anerkennende Nekrologe, der des klerikalen „Fejerenegyci Naplo" — welches ansonsten auf Juden und Judentum nicht gut zu sprechen ist r— verdient die weiteste Verbreitung. Derselbe lautet deutsch: Verus Israelita. Seit meiner Kindheit kenne ich ihn. Mit einer gewissen Furcht, mit gemischter Bewunderung sah ich auf ihn, wenn er längs der Gasse ging, bebte unter ihm die Erde. Ich erinnere mich, sein Anblick beschäftigte sehr meine junge Phantasie — der Gegner Davids, der gepanzerte, behelmte Lanzenträger, der Philister Goliat mußte so ausgesehen haben. Aber später wurde es mir bewußt, habe ich es erfahren, daß dieser unser „große.“ Mensch, den weder Spott noch Unehrerbietigkeit, nur unsere unvergleichlich ausdrucksvolle, unsere köstliche Sprache den „Anderthalb-Juden“**) benannte, der gute Josef Schlesinger nur mit seinem Körper Philister war. Seine Seele, die war rechtschaffen, solcherart wie die des Apostels Nathanael gewesen sein mag, von dem der Heiland sagte: „Sieh’ einen wahren Israeliten, in dem kein Falsch ist.“ Wann er kam, woher er kam? — Von unserer jetzt lebenden Generation weiß es vielleicht niemand. Wir, die jetzt lebenden Bewohner dieser Stadt, haben ihn vielleicht allesamt dort angetroffen in dem „Raizenstacltteü“ in der Palotaer-Gasse. Immer dachte ich und auch jetzt glaube ich es, daß er darum dort wohnte, damit er der Synagoge nahe sei, welche er als gläubiger orthodoexr Jude zur Anbetung des großen Jehovah so treu aufsuchte. *j Geb. 1841 im Jvengener Homitat, Glied der Familie Leimdörfer, der auch der Hamburger Rabbinec Dr. Leimdörfer angehört. **) (mäsfelzsidö) infolge seiner riesenhaften Gestalt.