Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nt. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 359 gestehen, daß. ich Heimweh nach Rußland habe. Trotz allem, was ich dort ausgestanden habe, scheint mir das Leben in Rußland doch einladender. Dort war ich gewöhnt zu arbeiten und Verwandte, Freunde und Bekannte zu sehen. Hier bin ich einsam und kann nicht arbeiten und nicht leben, wie ich es möchte. Schließlich besteht Rußland doch nicht nur aus Leuten, wie Tscheberjakow, Golubew, und meine Worte und Empfindungen dürfen Sie daher nicht in Erstaunen setzen. Natürlich kann ich an eine Rückkehr nach Rußland nicht denken. Neulich noch erhielt ich einen anonymen Gruß von dort, der also lautete: „Du Judenfratze, ich gratuliere Dir zum neuen Heim, wo Dich der Teufel bald holen soll Wie sollte ich da an eine Rückkehr nach Rußland denken! Meine Kinder werden hier vielleicht glücklich sein, wenn sie auf dem neuen Boden und in einer neuen Umwelt ausgewachsen sind, ohne das Heimweh zu kennen, das an mir nagt. Sie wollen wahrscheinlich auch hören, was ich zu unternehmen gedenke! Genau weiß ich es noch nicht, aber ich möchte mit dem bißchen Geld, das mir zu Gebote steht, eine Scholle Erde kaufen, darauf ein Haus bauen und von dem Ertrag desselben leben. Es hieß, daß ich in einer der Kolonien ein Terrain bekommen sollte, doch traue ich dieser Verheißung ebenso wenig wie die anderen. Wenn ich nicht nach Amerika und nach Palästina ging, so ließ ich mich nicht etwa von gewissen Versprechungen locken, sondern einfach nur deshalb, weil ich nicht die Rolle des Affen spielen möchte, der bezahlt wird, um sich sehen zu lassen. Ich suchte vor allem die Ruhe, die ich allerdings auch hier noch nicht gefunden habe. Es ist mir jedoch sehr unangenehm, wenn die Zeitungen berichten, daß ich enttäuscht sei, was die Leute nur so deuten, als hätte ich noch mehr erwartet, als mir versprochen wurde, während ich überhaupt auf kein Versprechen mich zuversichtlich verlassen habe. Weder bin ich betrogen worden, noch habe ich an irgend jemand Ansprüche gestellt. Von den Uebeln, die mit meiner Auswanderung nach Palästina oder Amerika jedenfalls verbunden sind, erschien mir ersteres als das kleinere. Uebrigens gehen ja auch vou hier die Dampfer nach Amerika und niemand könnte mich von einer Reise dahin zurückhalten, aber ich denke gar nicht daran. Das einzige, was ich mir wünsche und erstrebe, ist — mein eigenes Leben zu führen, durch meiner Hände Arbeit mein Schicksal zu gestalten, wie ich es früher zu tun pflegte und namentlich nicht mehr als Allgemeingut betrachtet zu werden." Nachtlange zum Beilisprozefz. Petersburg. Burzew, der bekannte Enthüller Azews, veröffentlicht im „Ruskoje Slowo" Enthüllungen über den wirklichen Mörder des Knaben Juschtschinsky, der, allen Andeutungen nach, die bekannte Frau Wera Tscheberjak sein dürfte. Burzew stellt eine genaue Darstellung des Mordes für die nächsten Tage in Aussicht. Außerdem veröffentlicht er zwei Briefe, von denen einer vom Untersuchungsrichter stammt und an den Vertreter des NebenAägers, Zamyslowsky, gerichtet ist. Es heißt darin, daß die Untersuchung gar keine Anzeichen für einen Ritualmord ergeben habe,' deshalb empfehle er, das Verfahren einzustellen. Das andere Schreiben rührt von Zamyslowsky selbst her und besagt, obgleich der Untersuchungsrichter annehme, daß keinerlei Gründe für einen Ritualmord vorliegen, solle er doch bedenken, daß im Kampfe gegen die Juden jedes Mittel gut ist. 'Die Juden in Mexiko. Mit Bezug auf den kriegerischen Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten zmd Mexiko wird uns aus Newyork geschrieben: In Mexiko haben die Juden viel früher gewohnt als in den Vereinigten Staaten. Sie kamen gleichzeitig mit den Spaniern nach. Mexiko und haben mit ihrer bekannten Energie und mit Hilfe ihrer kommerziellen Fähigkeiten dort bald einen blühenden Handel geschaffen. Es waren das zumeist Marannen aus Spanien, welche das Scheinchristenleben nicht länger ertragen wollten und nach Mexiko auswanderten, wo sie ungestört und ungestraft offen als Juden leben zu können hofften. Doch hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt, denn die blutrünstige spanische Inquisition entsandte ihre Häscher auch nach Mexiko und bald begann sie auch hier ihre blutige Henkersarbeit. Im Jahre 1574 wurde das erste inquisitorische Urteil ,an einem Juden in Mexiko vollstreckt. Das war auch das erste Jnquisitionsgericht auf amerikanischem Boden. Und diesem ersten folgten dann mehrere. Der berühmteste Fall ist wohl die Ausrottung der aus Spanien flüchtigen Marannenfamilie de Karajawal. An einem Tage im Jahre .1590 wurde Franziska Runetz de Karawajal mit ihren drei Töchtern und ihrem Sohne Louis dem Scheiterhaufen überantwortet. Louis de Karajawal hinterließ auch eine Anzahl hebräischer und spanischer Werke. Er kann als der erste jüdische Autor in Amerika angesehen werden. Heute leben in Mexiko nur wenige Juden, die hauptsächlich aus Frankreich und England eingewandert sind. Aus Rußland eingewanderte Juden gibt es nur in sehr geringer Zahl/ Trotz vielfacher Bemühungen amerikanischer Rabbiner gelang es noch nicht, in Mexiko ein ständiges jüdisches Gemeinwesen zu schaffen, und selbst an den hohen Feiertagen gelingt es nur mit schwerer Mühe, einen öffentlichen jüdischen Gottesdienst zustande zu bringen. Interessant ist bloß, daß es selbst unter den Kämpfern huf mexikanischer Seite jüdische Kombattanten gibt, und daß dies auf amerikanischer Seite in beträchtlicher Zahl der Fall ist, braucht wohl nicht erst betont zu werden. Verschlechterung der Lage der Juden in Saloniki. Die Lage der Juden in Saloniki ist am besten durch die fortgesetzten Reibungen zwischen Juden und Griechen in dieser Stadt gekennzeichnet. Vor einigen Tagen ereignete es sich wieder, daß ein Gendarm in das Lokal des jüdischen Kaufmannes Pardo eindrang, weil dieser einige Minuten nach der vorgeschriebenen Sperrstunde sein Geschäft noch offen hatte. Der Gendarm begann sofort den Juden zu beschimpfen und als dieser zunächst gegen diese Beschimpfungen protestierte, ihn tätlich zu insultieren. Nun ist aber Pardo ein äußerst kräftiger Mann, der die Insulten nicht ruhig hinnahm, und die Folge davon war, daß er schließlich überwältigt, arg verletzt, an Händen und Füßen gefesselt zur Polizei gebracht wurde, wo er allerdings nach kurzem Verhör wieder in Freiheit gesetzt wurde. Diese Ausschreitungen erklären sich am besten dadurch, daß die griechischen Zeitungen mit sehr geringen Ausnahmen unau^esetzt Hegen die Juden hetzen und in letzterer Zeit diese Mdenfeindliche Stimmung auch in das befreundete Serbien zu übertragen suchen. So erschien kürzlich in der Belgrader „Politica" die aufsehenerregende Meldung aus Saloniki, daß dortselbst ein Komplott der Juden gegen Griechenland aufgedeckt worden sei. Die Juden, so heißt es in diesem verleumderischen Artikel, wollen von der Regierung in Athen kommerzielle Begünstigungen erpressen, die sie selbst unter der türkischen Herrschaft, also zu einer Zeit, da sie in Saloniki allmächtig waren, nicht besessen haben. Sie drohen für den Fall, daß ihre Wünsche nicht erfüllt werden sollten, Saloniki in Massen zu verlassen. Es wird auch behauptet, daß die Juden alarmierende Nachrichten über die Losreißung des ägäischen Hafens von Griechenland und seine bewaffnete Eroberung