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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 21 Sette 358 gonnene Tanz bald im ganzen Reiche los, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß die anderen Parteien nicht eben Juden zu Gegnern hatten. Jetzt hätten die Behörden allerdings gerne gebremstaber der gute Wille war längst zu schwach geworden, der Antisemitismus hatte sich zur wildesten Nationalitälenhetze, die christlichsoziale Methode in Aemterbesetzungen und Geschäften zur größten Korruption ausgewachsen. Alle Schäden im össentlichen Leben von heute sind mit Sicherheit auf christlichfoziate Anfänge zurückzuführen. Um das Neueste zu einem Vergleich heranzuziehen: Man ist empört über die Svihaaffäre in Prag und über die Tatsache, daß ein Abgeordneter heimlich für die Polizei gearbeitet hat. Das wäre in früheren Jahrzehnten wohl unmöglich gewesen. Man halte sich nun einen sehr bedeutsamen Att vor Augen, mit welchem die Christlichsozialen ihre Herrschaft eingeleitet haben. Sie gründeten bekanntlich die goldene Salvatormedaille zur Belohnung für städtische und Parteiverdienste. Das erste Exemplar dieses christlichsozialen Ordens, das natürlich mit besonderes! Feierlichkeiten verliehen wurde, erhielt ein bekannter Denunziant namens Pfister. Dieser Mensch hatte einen Lehrer wegen Majestätsbeleidigung angezeigt und ihn unglücklich gemacht und war boykottiert gewesen. Dadurch paßte er gerade zu den Christlichsozialen, deren Hauptagitator er wurde und welche ihm schließlich symptomatisch lehrreich das erste Exemplar ihres Ordens überreichten. Das waren Grundsätze und Beispiele, welche sie in die öffentliche Moral einsührten und welche keimkräftig bald auf anderen politischen Böden auftauchten. Ein von den Christlichsozialen ausgezeichneter Naderer — warum braucht sich Sviha wegen seiner Verurteilung sonderlich zu schämen? — Er soll christlichsozial werden und alles wird sich wieder finden. Merkwürdige Vermögen, merkwürdige Karrieren, die gewissenloseste Politik, welche den Städtern alles verspricht und den Bauern alles gibt, die tägliche Verletzung der Gesetze, die schrankenlose Schulden- und Freunderlwirtschaft, alles ist in dieser schönen Partei schön beisammen und wird überall gelehrig zum Muster genommen. Der Gott Nimm — das ist das Ideal, das die Christlichsozialen für alle Völker in der Monarchie als Beispiel aufgestellt haben. Von Pfister bis Sviha ist nur ein Schritt, von dem Terrorismus in Wien bis zum Haß aller Nationalitäten ist auch nicht weiter, ebenso nicht von der Protektion bis zur Korruption, von der moralischen Skrupellosikeit zur Spionage und zum Hochverrat. So werden die Christlichsozialen zu Ersindern und Führern für alle Dinge, aus denen die Not der Monarchie entsteht. Vom Zabrmarlrt des Lebens. .Ein hygienischer Rat. Wien, 13. Mai 1914. An die geehrte Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift"! , Wien. In der Nummer 19 Ihres geschätzten Blattes vom 8. Mai 1914 wird unter der Ueberschrift „Ein hygienischer Rat" bemängelt, daß bei Trauungs-Zeremonien oft einer langen Reihe von Brautpaaren hintereinander bei der Trauung aus demselben Becher der Wein gereicht wird, und es richtet der Einsender an den Kultusvorstand die Mahnung, entsprechende Anordnungen zu erlassen. Demgegenüber beehrt sich der Vorstand der isr. Kultusgemeinde mitzuteilen, daß in den Gemeindebethäusern für die Silberbecher, welche bei den Trauungs- Zeremonien verwendet werden, Glaseinsätze in Verwendung stehen, welche nach jeder Trauung zum Zwecke der Reinigung ausgewechselt werden, so daß in bezug auf die Hygiene das Erforderliche in umfassendster Weise vorgekeyrt erscheint. Wir bitten die geehrte Redaktion, durch Veröffentlichung dieser Auftlärung dazu beizutragen, daß etwaige im Publikum bestehende irrige Meinungen beseitigt werden. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Lieben Dr. Gustav Kohn, Erster Sekretär. Vize-Präsident. Eine Unterredung mit Beilis. Petersburg. Kürz nachdem Beilis jüngst in Palästina eingetroffett war, empfing er den russischen Publizisten Gatow, der ihn freundschaftlich begrüßen wollte. Galow berichtet über die Begegnung folgendes: Mitten im "Zimmer seines Hauses in Tel-Aviva standen noch die Koffer, die aus dem Hotel herübergebracht waren. Beilis und seine Frau und Kinder nahmen vorsichtig Bilder, Bücher und Briefschaften heraus und legten alles auf den Schreibtisch. Traurig schaute er auf all diese Früchte schwerster Erlebnisse hin. „Es ist mir lieb, einen verständnisvollen Landsmann bei mir zu sehen, denn obschon ich von Leuten andauernd belagert werde, fühle ich mich doch unsäglich einsam", sagte er. Dann fuhr er fort: „Die Menschen kommen her, drücken mir die Hand, betrachten mich wie ein wildes Tier im Käfig und suchen zu vergleichen, ob ich auch wirklich jener Beilis bin, dessen Bilder sie in Zeitungen und Büchern so oft zu sehen bekamen. Ganz besonders peinlich berührt es mich, daß jeder Gast es gleichsam als seine Pflicht betrachtet, genau zu ergründen, wie ich mich im Gefängnis, im Gerichtssaal, nach der Befreiung gefühlt habe und wie mir jetzt zumute ist, ferner auch, welche Zuwendungen ich von Rothschild, Brodsky, Terestschenko und anderen empfangen habe und was ich fortan zu tun gedenke. Eine sehr intelligente Dame fragte mich: „Ist es wirklich wahr, daß Ihr Sohn gelacht hat, als Sie Ihr Opfer nach dem Ofen schleppten, oder war diese Angabe der Zeugin eine Lüge?" Und all diesen Unsinn muß ich anhören, den höflichen Wirt spielen, während ich danach lechze, auszuruhen und in der Stille die entsetzlichen Erfahrungen einer nicht fernen Zeit zu vergessen, wozu ich ein gutes Recht habe. Man tritt förmlich Uftt Stiefeln in meine Seele in der Ueberzeugung, daß diese Seele der Allgemeinheit, dem ganzen jüdischen Volke und nicht mir allein gehöre. Ich schätze wohl die Gefühle der Sympathie für mich, aber jeder sollte doch verstehen, daß ich ein Mensch mit lebendigen, abgequälten Nerven bin und der Erholung bedarf, die ich verdient habe. Ferner sollte man auch einsehen, daß ich berechtigt bin, ein menschlich einfaches Leben zu führen und zu wünschen, daß meine privaten Angelegenheiten nicht auf dem Markte verhandelt werden. Sie können sich nicht vorstellen, wie froh ich dagegen bin, einen harmlosen Gast bei mir zu sehen, den an mir nicht „das wilde Tier" interessiert." Ohne den Märtyrer grausamer Verfolgungen durch Fragen zu martern, unterhielt ich mich mit Beilis lange und gelangte zu der Ueberzeugung, daß er mit seiner Befreiung noch durchaus nicht ein Glücksgefühl gewonnen hat. Vor allem fehlen ihm — Ruhe und Vaterland, die seine Feinde ihm endgültig geraubt haben. Alle seine schlichten Bekenntnisse sind von einem tiefen Weh getragen. „Es wird Ihnen seltsam klingen," Hub er wieder an, „daß ich, unter Juden lebend, mich hier fremd und verlassen fühle. Ich glaube gewissermaßen, nicht an der rechten Stelle zu sein und — ich schäme mich fast, zu

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