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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-15 · 20 (15.5.1914) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
20 (15.5.1914)
Date
1914-05-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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0fite'352 Dr. Bloch's Wochenschrift Rr. 20 Odessa anstrengte. Das Passahfest war für die Juden eine Zeit des Schreckens, denn es brauchte nur jemand jene Lüge zu verbreiten, so gerieten die Bauern in sinnlose Wut, betranken sich mit Wodka und sielen mit Messern, Knütteln, Sensen und Aexten über die Juden her, folterten und töteten sie und steckten ihre Häuser in Brand. Das nannte man Pogrom. Wer Zeuge der Schrcckensszenen war, die sich ereigneten, konnte sein Lebtag nicht mehr lachen und oft wurde ihr Haar über Nacht grau und manche wurden auf der Stelle wahnsinnig. Noch schlimmer als alle Martern, die man ihnen antun konnte, sahen die Juden die Taufe an, welche an Judcnkindern vorgenommen wurde. Allein ihre vierjährige Militärpflicht mußten die Juden doch leisten und in dieser Zeit die jüdischen Gebote fortwährend übertreten, namentlich mußten sie „treisc" — in den Augen der Juden unreine, nicht „koschere" -speisen essen und am Sabbat arbeiten. Indexen nicht bloß aus Gründen der Frömmigkeit scheuten die Juden den Militärdienst. Wenn sic mit einundzwanzig Jahren ausgehoben wurden, waren sie bereits verheiratet und «hatten Familie: beim das frühe Heiraten — die Knaben schon mit sechzehn, die Mädchen oft schon mit zwölf Jahren — war gewissermaßen religiöse Pflicht. Während ihrer Abwesenheit kamen Frau und Kinder in Not, wurden zu Bettlern und nachher kamen die Männer selbst als Bettler zu ihnen zurück. Viele taten, nur um dem Elend des Soldatentums zu entgehen, sich selber ein schweres körperliches Leiden an, an dem sic ihr ganzes Leben zu tragen hatten. Andere ruinierten sich, um ihre Söhne vom Dienste loszukaufen oder die Aushebungsoffizicre zu bestechen. Sie legten sich die größten Opfer, die größten Entbehrungen auf, bloß um nicht als Soldaten ein „unheiliges" Leben zu, führen. Das religiöse Motiv war stärker als jedes andere. Ein Mann, der um seiner in Not geratenen Familie willen sich als Ersatzmann hatte kaufen lassen, also freiwillig Soldat geworden war, legte sich, als er zurückkehrte und von seinen Glaubensgenossen verfemt war, für sein ganzes Leben die schwersten Bußübungen auf, nur uni seinen Gott zu versöhnen. Ein strenges, aber doch trautes Familienleben, in welchem sich Frau und Kinder trotz völliger Unterordnung unter den Befehl des Hausvaters wohl und glücklich -fühlten, und die religiösen Feste, die sie von der übrigen Welt scharf abtrcnnte, gaben dem Dasein der Juden eine besondere Weihe und ent schädigten sie für die Unbilden der Außenwelt. In Amerika erst konnte Mach Antin ihrem Wissensdränge genügen; sie konnte Schulen besuchen und alles lernen, was sie wünschte. Ihre Leistungen zogen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Aufsätze und Dich tungen aus ihrer Feder, die in Schulzeitschriften und auch in Tageszeitungen erschienen, erregten allgemeine Bewunderung. Mit der Bildung wuchs aber auch ihr Skeptizismus., und aus dem Zweifetz entwickelte sich in Amerika nach und nach das freie Menschentum, die Freude an der Natur, an guten Menschen, die Mary Antin dort in Menge traf und die ihr und ihrer Familie zu einem daseinswürdigen Leben verhaften. So klingt die Erzählung izu gutem Ende aus. Abgesehen von allen persönlichen Erlebnissen ist das Buch der Mary Antin ein geschichtliches Dokument für brn Kulturzustand des russischen Volkes, wie es klarer unb unzweideutiger kaum ein zweites geben kann. Und mit Rußland verbindet sich eines der vorgeschrittensten Völker Europas, um es zum Revanchekrieg gegen das verhaßte Deutschland zu gebrauchen und zu Hetzen. Welche Greuel der Verwüstung, des Mordes, des Brandes, der Plünderung sind zu erwarten, wenn solche Horden auf Mitteleuropa losgelassen werden! Hier liegt die Kulturfeindlichkeit und Unsittlichkeit des russisch-französischen Bündnisses. Zu solchen Gedanken kommt man, wenn man das Buch der Mary Antin gelesen hat. Ktteratur. Monumenta Talmudiea. Bialik, der „neuhebräische Dichter von internationalem Ruf", hat auf der gelegentlich des letzten Zionistenkongresses in Wien tagenden hebräischen Sprachkonferenz eine Anregung ausgesprochen, welche damals mit Recht von allen Anwesenden mit Begeisterung angenommen wurde: Alles, was dauernd Lut und wertvoll an der Ueberlieferung des Judentums ist, was die Menschen der Gegenwart zu bilden und zu ergreifen vermag, soll in ein Werk zusammengefaßt und als Auslese dargeboten werden. Die Kommission, die eingesetzt worden war, um Bialiks Vorschläge der Erfüllung entgegenzuführen, täte gut daran, nicht über ein Werk hinwegzugehen, welches den Gedanken unseres großen Nationaldichters bereits verwirklicht hat. Mit großen Opfern haben Verlag und Herausgeber die „Monumenta Talmudica"*) neu ins Leben gerufen und Männern anvertraut, denen man die verdiente Anerkennung nicht wird versagen "dürfen, daß sie für die allgemeine Wissenschaft und für die Wissenschaft des Judentums insbesondere ein Lkunäurä work geschaffen haben. Die neue Richtung wird verkörpert durch Namen wie Krauß, E l b o g e n, Blau, Neumark, Guttmann und andere, lauter Forscher, deren Berechtigung, uns die entscheidenden Aufklärungen über die Ueberlieferung des Judentums zu bringen, wohl außer Frage steht. Die Proben, welche bisher vorliegen, betreffen Halacha und Haggada im. gleichen Maße. Das erste Heft des zweiten Bandes von Dr. G a n d z, welches bereits in der Wochenschrift (1913, Nr. 44, C. 813 f) besprochen wurde, hat uns gezeigt, wie die neuen Grundsätze der Monumenta-Arbeit die Halacha in mustergültiger Weise ins Klare rücken. Jetzt erscheint in Gestalt des V. Bandes**) ein grundlegender Beitrag zur Erforschung und zum Verständnisse der Haggada von Pros. Samuel Krauß, der nach Bachers Tode jetzt unzweifelhaft als der bedeutendste jüdische Gelehrte zu bcze'chnen ist, ein: Tatsache, welche von Juden und Nichtjuden in gleichem Maße als anerkannt gellen darf. Man sieht aus diesem Hefte, welch fördernde und grundlegende Arbeit hier zu leisten war. Während die ältere Forschung in der Halacha mit Recht den Kern der jüdischen Ueberlieferung sah, hat die neuere Forschung immer mehr den Wert der Haggada, ihre Bedeutung für das System der jüdischen Moral, für die Geschichte der Philosophie, für Sagenkunde, Volksglauben und vor allem für die Geschichte herausgearbeitet. Für die Geschichte: Das ist gerade der Gegenstand, mit dem sich das Werk von Krauß beschäftigt. Wir erhalten ein reiches Bild der griechischen und römischen Geschichte, welche Krauß mit einer ganzen Anzahl neuerer Nachrichten, die in den üblichen Geschichtsdarste.lungen noch nicht verwertet sind, -bereichert. Hier sicht man unter der Führung eines Philologeit ersten Ranges, in welchem Zustande sich die Texte befanden und welch wertvo l: Aufschlüsse mit Anwendung der fortgeschrittenen Methoden kritischer Tertbehandlung diesen lleberlieferungen gleichwohl entnommen werden können. Jedermann, der sich in die Haggada einarbeiten will, ist dieses Werk unentbehrlich, schon allein durch die reichen, eine ungeheure Literatur verarbeitenden und den Text erläuternden Anmerkungen, welche geradezu einen Kommentar zu den betreffenden Stellen, im höchsten Sinne des Wortes, bedeuten. Die rabbinifche Geschichtsauffassung ist von der Vorstellung von vier nacheinander entstehenden und sich ablösenden Weltreichen beherrscht. Ihr Ausgangspunkt in die Geschichte Daniels (Kap. II und VII des Buches Daniel). Von den vier Neichen interessiert die Rabbinen naturgemäß das römische Imperium am meisten, dessen furchtbare Macht sie erlebt haben. Immer wieder wird Rom das Aussaugen der Kräfte der Nationen und der Mißbrauch der unrechtmäßig erworbenen Reichtümer zum Vorwurfe gemacht. Der Haß gegen die Unterdrücker hindert nicht die Rabbinen, der hohen Staatskunst und dem Gerichtswesen Roms Anerkennung zu zollen. Nur die Gottlosigkeit der staatlichen Macht, ihre gegen die Juden bekundete Feindschaft wird verdammt, und in allen Aussprüchen kommt der durch die Gewalt der Tatsachen genährte Glaube zum Ausdrucke, daß das korrupte Römerre'ch auf die Dauer nicht bestehen könne und eines Tages dem Himmel¬ oder dem mesfianifchen Reiche werde weichen müssen.' Der Sinn und Zweck der Geschichte, worüber heute so viel geschrieben und gesprochen wird — die Lehrer des Talmud hatten *) Im Orion-Verlag, Wien, VIII/2, Alsersträtze 47, herausgegeben von Prof. Dr. Karl Albrecht (Oldenburg), Dr. Salomon Funk (Boskowitz), Prof. Dr. Nivard Schlögl (Wien). **) Monumenta Talmudica, V. Band, Heft 1: Geschichte, erster Teil, Griechen und Römer, bearbeitet von Pros. Dr. Samuel Krauß.

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