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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-15 · 20 (15.5.1914) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
20 (15.5.1914)
Date
1914-05-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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'Jlr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 351 Feuilleton. Uom Ghetto ins Land der Uerheißnng Ein sehr interessantes Buch ist die Autobiographie der Mary Antin „Vom Ghetto ins Land der Verheißung", die von U. S t e i n d o r f s aus dem Eng--° tischen ins Deutsche übertragen worden und in der Memoirenbibliothek von Robert Lutz in Stuttgart erschienen ist. Das Buch schildert sehr anschaulich den Kulturzustand des heutigen Rußland und gibt ein Bild von dem Gegensätze, der Russen und Juden trennt, und von dem häuslichen Leben, das die Juden in Rußland führen. Dieses Buch schrieb eine russische Jüdin vor ihrem dreißigsten Jahre in Amerika, wohin ihre Eltern übersiedelt waren, nachdem sie kaum das zwölfte Altersjahr überschritten hatte. Das hochbegabte Mädchen besaß eine scharfe Beobachtungsgabe und ein vorzügliches Gedächtnis, so daß es auch in späteren Jahren sich nicht bloß der kleinsten und an und für sich unbedeutendsten äußerlichen Vorgänge, sondern selbst aller Gemüts- und Geistesregungen der frühesten Kindheit erinnerte. Ihre Welt war die Stadt Polock an der Dwina, an der auch Witebsk liegt, wohin sie einst als achtjähriges Mädchen mit einer erwachsenen Cousine reiste. Außerhalb dieser Städte war fremdes, unbekanntes Land, von den feindseligen „Ungläubigen" bewohnt und von den Juden so viel als möglich gemieden. Dahin ging nur, wen Geschäfte dazu zwangen oder wer als Soldat ausgehoben oder ins Gefängnis abgeholt wurde. Aus dem Gefängnis kam niemand zurück und aus den: Heere kehrte jeder, der entlassen wurde, als zerlumpter Bettler heim, körperlich und sittlich verkommen. Rußland war Pas Unglück, der Feind der 'Juden; es stieß diese auch zurück, wo es konnte; es gab Städte wie Petersburg, Moskau, Kiew, welche die Juden gar nicht betreten durften. Interessant ist, wie sie das religiöse Leben im russischen Ghetto zeichnet. Sie schreibt darüber: Wenn ich heute auf die Vergangenheit zurückschaue, dann sehe ich innerhalb des Mauerringes, den die wachsame Polizei um die Stätte meiner Geburt gezogen, noch eine höhere, stärkere, noch undurchdringlichere Mauerdie Mauer, die der Zar mit all seinen Helfern nicht wanken machen, die selbst die Priester mit ihren Marterwerkzeugen nicht durchbrechen, die Pöbelmassen mit ihren Feuerbränden nicht zerstören konnten. Diese Mauer «innerhalb der anderen ist die religiöse Integrität der Juden; eine Brustwehr, die die Gefangenen des Ghetto wider ihre Wärter errichtet haben; eine Festung, erbaut aus den Trümmern ihrer verwüsteten Häuser, auszementiert mit dem Blute ihrer ermordeten Kinder. Zn der allseitigen Umzingelung, in der Unterdrückung jedes vernünftigen Strebens, klammerte sich der fast aller Menschenrechte beraubte russische Jude an das Einzige, was ihn niemals im Stiche liest — an seinen alten Gottesglauben. Im Studium der Thora fand er Balsam für alle seine Wunden: seine geistigen Bedürfnisse stillte die peinliche Erfüllung der traditionellen Riten; und die Hoffnung auf die Wiederaufrichtung Jerusalems lieh ihn die Umwelt vergessen. Wenn wir am Sabbat oder an einem Festtage in der Synagoge, dem Mittelpunkt unserer Welt, zusammenkamen, was kümmerte es uns, welcher Zar auf dem Throne fast, was für schlechte Berater ihn beschwatzten? Sie beschäftigten die Einkünfte des Staates, die Politik und allerlei andere Nichtigkeiten, während wir darauf bedacht waren, unseren alten Bund mit Gott zu erneuern, aus datz sein Versprechen an die Welt in Erfüllung ginge und er mit seiner Gerechtigkeit die Völker überschüttete. Schon zeitig wurden an den Freitagnachmittagen die Läden und Marktbuden geschlossen. Der Lärm des Handels verstummte, der Staub der Sorgen legte sich und Sabbatfrieden lag über den stillen Straßen,. Keine Hütte war so ärmlich, daß nicht der Schein einer Sabbatkerze in der Dämmerstunde das Fenster erhellte und jeden Wanderer erkennen l'.eß, daß der Geist Gottes Einzug gehalten unter dem niedrigen Dache. Angst und Sorge und Festigkeit fielen wie Masken von jedermanns Antlitz. Augen, noch von Tränen getrübt, leuchteten auf vor tiefer Frer-de.! Wo immer sich ein Haupt über eine Seite der Heiligen Schrift beugte, dort ruhte auch der Widerschein der Gegenwart Gottes. Allein nicht nur an Festtagen, auch während des Alltags lebten wir nach dem Gesetze Mose. Wie wir es mit dem Essen, mit dem Waschen, mit der Arbeit halten sollten, alles stand geschrieben, und wir mühten uns, das Gesetz zu erfüllen. Das Studium der Thora war die geachtetste aller Beschäftigungen, und wer ihr oblag, der angesehenste aller Männer. Mein Gedächtnis reicht nicht bis in die Zeit zurück, wo ich noch nicht wußte, daß Gott die Welt erschaffen und Lehrer eingesetzt habe, die dem Volke wiesen, wie es auf der Welt zu leben habe;. Erst kam Moses und nach ihm all die großen Rabbis bis herab zum Rebbe von Polotzk, der Tag für Tag in den heiligen Büchern las, so daß er für alle meine, meiner Eltern und unserer Freunde Zweifel immer Rat wußte. Wenn meine Mutter ein Huhn ausnahm und irgend etwas Uebles darin fand - eine Verletzung oder einen Makel, der nicht sein sollte —, dann wurde das -Mädchen Hamit zum Rebbe geschickt, und ich lief mit, um zu sehen, wie der Rebbe in seinen großen Büchern nachschlug. Und wie er entschied, es war immer gut. Wenn er das Huhn „treife" erfand, durfte ich nichks davon essen, nein, und wenn ich am Verhungern gewesen wäre. Und der Rebbe wußte in allem Bescheid: «wann man reisen, wann man seine Geschäfte erledigen, wann 'man heiraten oder wann man das Geschirr zu Passah mm* gen sollte. Ein anderer großer Lehrer war der Tai-an Er hörte die Klagen der Leute und schlichtete ihren Streit nach dem Gesetz, damit sie nicht vor das Gericht der Anderen zu gehen brauchten. Die Anderen begünstigten den Reichen gegen den Armen, den Christen gegen den Juden. Der Daijan gab immer gerechte»? Spruch. Selbst Rohem Rabinowitsch, der reichste Mann in Polotzk, hätte nie unbegründet gegen eine Dienstmagd Recht bekommen. Reben dem Rabbi und dem Daijan gab es noch andere Männer, deren Beruf als heilig gMI: der Schachet, der mit dem Schlachten des Viehs und des Geflügels Bescheid wußte; der Chasan und die übrigen Synagogenbeamten; die Lehrer des Hebräischen und deren Schüler. Es kam nicht darauf an, ob der Betreffende arm oder reich war, man nrußte ihn Hochhalten und über andere stellen, weil er in der Schrift bewandert war. In der Synagoge saßen eine Reihe Männer den ganzen Tag über den Schriften, studierten und diskutierten vom frühen Morgen bis man des Abends die Kerzen brachte, und dann noch solange, bis die Kerzen niedergebrannt waren. Sie durften ihre Zeit mit nichts anderem verschwenden, wenn sie wirklich große Gelehrte werden wollten. Die meisten von ihnen waren in Polotzk fremd und hatten außer der Synagoge überhaupt kein Heim. Sie schliefenauf Bänken, auf Tischen oder aus dem Fußboden; sie nahmen ihr Mahl zu sich, wo sich ihnen .gerade Gelegenheit bot. Sie waren von fernher gekommen, nur um bei den guten Lehrern in Polotzk lernen zu können, und die Polotzker waren stolz darauf, sie zu unterstützen, indem sie ihnen Essen und Kleidung brachten und bisweilen auch Geld, damit sie in den Ferien in die Heimat reisen konnten. Schließlich kamen die armen Studenten in so großer Zahl nach Polotzk, daß es nicht genug reiche Familien gab, die für alle hätten sorgen können. So kamen manche in große Rot. Man konnte solch einen Stundenten sofort an keiner Blässe und Magerkeit aus der Menge heraus erkennen. Auch wir hatten fast immer einen armen Stundenten zu Tisch. Er wurde für den und den Tag angemeldet, und meine Groß-i mutter trug Sorge, daß dann etwas besonders Gutes auf den Tisch kam. Es war meist ein recht schäbiger Gast, der sich mit uns zu Tisch setzte, aber wir Kinder betrachteten ihn voller Ehrfurcht. .Großmutter hatte uns gesagt, daß es ein „Lamden" war, und wir sahen schon in der Art, wie er seinen Kohl aß, etwa« Heiliges. Zwar konnte nicht jeder hoffen, ein Rabbi zu werden, aber man lieh doch keinen jüdischen Knaben ohne alle Kenntnis des Hebräischen aufwachsen. Selbst bei dem geringsten Einkommen mußte Geld gefunden werden für den Unterricht der Söhne. Sonst wäre es eine Schande für die ganze Familie, ja für die entferntesten Verwandten gewesen. Die Söhne der Armen kamen in eine Freischule, die aus den Spenden frommer Leute unterhalten wurde. So kam auch jeder Knabe, sobald er nur Hetzen konnte, in den Cheder, die hebräische Schule; und gewöhnlich blieb er dort bis zur Konfirmation, im dreizehnten Jahr, oder noch länger, je nachdem ihn Ehrgeiz oder Begabung dort hielt. Mein Bruder war fünf Jahre alt, als er feine Studien begann. Cr wurde am ersten Tage unter einem Gebetschal in den Cheder getragen, damit nichts Unreines seinem Blick begegnete, und bekam einen Kuchen geschenkt 'mit der Aufschrift in Honig: ,,Die Thora, die Hinterlassenschaft Mose, ist das Erbe der Kinder Jakobs." Eine stets wiederkehrende Anklage war die, die Juden gebrauchten das Blut gemordeter Chriftenkinder zu ihrem Passahfeste. Die Verfasserin empört sich besonders über diese schändliche Lüge, die bekanntlich auch jetzt noch das Denken des russischen Volkes beherrscht, wie der Ri tualmordprozes; belveist, den vor einigen Monaten ein russischer Ltaalsanwalt sage ein Dtaatsanwalt in

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