Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 346 Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift um in Gemeinplätzen zu sprechen: der Handelsstand ist die eigentliche Domäne des Juden — ob diese allein?! — Es ist traurig, in Oesterreich Jude zu sein, aber eine Tragödie ist es, jüdischer Handelsangestellter zu sein. In den letzten Jahren hat sich zuungunsten desselben eine Wandlung vollzogen, die, falls sie weiter so fortschreiten wird, zur Katastrophe für den jüdischen Handelsangestellten und in weiterer Fortsetzung lür die Juden Oesterreichs wird. Mit Staunen, ja mit Entsetzen mußte ich manchmal hören, wie der eine oder der andere jüdische Chef gesprächsweise äußerte, er will keine Juden mehr in seinem Unternehmen anstellen, ©em einen sind die jüdischen Kräfte zu teuer; denn die jungen Herren wollen Barone spielen, elegant gekleidet gehen, schöne Bureaustunden haben und viel Geld verdienen. Dem andern hatten sie zu große Chuzpe; nicht einmal anschreien darf man sie, mit einer Chuzpe antworten sie, daß einem der Mund offen stehen bleibt. Dem dritten haben sie zu viel Sechei: die Jüngelchen wollen alles besser wissen als der alte, erfahrene Chef, lassen sich nicht, zurechtweisen; denn sie wollen wie die Weiber recht haben. Und der vierte weist die Juden zurück, weil einer von ihnen unehrlich war. Der fünfte nimmt Juden, aber er nimmt auch Christen, denn die arische Kundschaft darf füglich verlangen, daß das jüdische Haus, das sie mit ihren Aufträgen beehrt, auch arische Angestellte habe. Und das jüdische Gerechtigkeitsgefühl gibt nach. Als ob der jüdische Kunde das Gegenverlangen an den arischbn Lieferanten stellen dürfte, das wäre eine jüdische Chuzpe! Wenn ein großes christliches Haus einen jüdischen Angestellten akzeptiert — es ist sicher eine Firma, die Koscher-Artikel führt und zum Passahfeste in diesem verbreiteten Blatte annonciert — dann herrscht große "Verwunderung und eitel Freude iu Israel; man bedenke: dieses große Haus hat jüdische Angestellte, der Antisemitismus ist im 'Rückgänge begriffen, Haleluja! . Der arische Angestellte wird im jüdischen Geschäftshüuse groß. Der jüdische Geschäftsgeist hat sich ihm mitgeteilt, dazu tönt seine Stimme etwas lauter durchs Haus, sein Rückgrat ist gewöhnt, in einem Winkel von 90° vor dem Chef zu stehen, und in dieser Stellung reicht die Hand bis zu den staubigen Schuhen desselben heran — warum sollte man den Staub nicht gleich abwischen? Das schmeichelt dem jüdischen Herzen! Dem treuen, demütigen Beamten gebührt Dank. Und er rückt vor und rückt vor; einige Jahre vergehen, das jüdische Haus hat einen arischen Prokuristen. Worüber wundern? Die österreichische Armee hat ja auch ganze zwei jüdische Generäle. Der Herr Prokurist nimmt dem Herrn Chef die Mühe ab, Kräfte anzustellen. Siehe da! mit einem SchlaJge ist dieses jüdische Haus dem jüdischen Handelsangestellten verschlossen. Der arische Geist — bei uns synonym mit Antisemitismus — breitet sich immer mehr aus und die wenigen jüdischen alten Handelsangestellten werden mit allen möglichen Mitteln gedrängt und sekiert, bis sie freiwillig ihre Posten verlassen. Die Invasion ist vollzogen! In den tschechischen Städten, speziell in Prag, spielt sich ein anderer Vorgang ab. Die Tscliechisierung macht hier gewaltige Fortschritte, sowohl im öffentlichen als auch im Geschäftfilebeii, und wieder sind es die Juden, die mit schwindelnder Raschheit die Metamorphose vollziehen, wenn auch nur äußerlich. So geschieht es, daß Firmen, die gestern noch als deutsch gezählt wurden, heute urtschechisch sind. Die Korrespondenten sind Tschechen, die Ein- und Verkäufer sind Tschechen, kurz, die Firma ist tschechisch; selbstverständlich ist auch ein Prokurist Tscheche. Damit aber auch diese neue Gesinnung offen zutage tritt und in» Wahrheit gewürdigt wird, müssen alle Briefe korrekt tschechisch, also in einer Sprache geschrieben sein, die nur von den wenigsten tadellos beherrscht wird. Sie gleicht der türkischen Sprache: Wenn ein türkischer Lastträger, ein Hamal, und ein Hodscha Zusammenkommen und türkisch sprechen, dann versteht der Hodscha den Hamal, aber der Hamal den Hodscha nicht. Deshalb müssen die Korrespondenten geborene Tschechen sein, die Juden sind keine geborenen Tschechen — sagen sie —, ergo werden nur Arier angestellt. Der jüdische Angestellte kann weiterwandern. Die Briete sind in einem schönen Tschechisch geschrieben, soweit man den Stil der Geschäftsbriefe schön nennen kann, aber die deutschen Briefer Höchstwahrscheinlich sind die Deutschen in dieser Hinsicht Idioten oder nicht so kleinlich, oder sie können selber nicht deutsch. Der Zweck ist erreicht: die Juden sind ausgeschaltet! Wohin soll diese israelitische Politik führen! Welchem Berufe soll sich der Jude noch 'zuwenden? Wie soll er sein Brot noch verdienen? Staatsposten sind ihm versperrt, der medizinische und juridische Beruf ist überfüllt, als Lehrer erhält er keine Stelle, als Offizier wird ihm die Taufe nahegelegt, bleibt doch nur der Beruf eines Kaufmannes. Wenn nun bei dem herrschenden rüden Antisemitismus in Oesterreich der jüdische Kaufmann den christlichen naclialimeii wird, indem er keine Juden austeilt, wäre da nicht besser, die jüdischen Mütter würden ihre noch ungeborenen Kinder im Mutterleibe vernichten!?! Hier muß Wandel geschaffen werden! Es ist Pflicht der jüdischen Chefs, daß sie an ihre eigene Vergangenheit nicht vergessen und die eigenen Brüder nicht nur nicht selber mit Steinen bewerfen, sondern sie auch davor durch andere bewahren. Im alten römischen Staate hieß es: Wer Pflichten hat, muß auch Rechte besitzen. Hier gilt die Umdrehung des Satzes: Dem jüdischen Kaufmann gibt seine Stellung Macht und Rechte, er muß auch Pflichten übernehmen. Und wenn er sein Emporkommen neben dem Glücke hauptsächlich seinem jüdischen Geiste, ererbt von den Ahnen, die ihn durch Jahrhunderte durch das Studium jüdischer Wissenschaften aufgestapelt haben, zu verdanken hat, dann ist es seine Pflicht, sich auch dem Judentum gegenüber dankbar zu erweisen. Jüdische Angestellte zu halten, überhaupt Juden zu unterstützen, sollte ihm, wenn nicht, schon die politische Klugheit, so die Dankbarkeit gegen das Judentum vorschreiben. Ebenso wie die enorm reichen Männer zur Besinnung kommen, daß sie ihr angesammeltes Vermögen auch zum Wöhle ihrer ärmeren Mitmenschen zu verwenden haben, ebenso sollten sich unsere glücklicheren Mitbrüder bewußt werden, daß sie den bedrängten Juden zu stützen und ihm zu helfen haben. Denn jedes Emporkommen eines Juden bedeutet unsere ölfentlielie politische Stärkung, das Verschwinden eines jüdischen Unternehmens einen kolossalen Verlust. Josef Ta.us.sig. Korrespondenzen. Warnung an jüdische Emigranten. Wir werden ersucht, daraus 'Hinzuweisen, daß die jüdischen Emigranten, tvelche über kanadische Häsen nach den Bereinigten Staaten answandern, oft dadurch in Schwierigkeiten geraten, weil sie der Meinung sind, daß sie keine Barmittel machzuweisen hätten, wenn sie sich darauf berufen können, daß sie zu Berwandten nach Amerika fahren und von diesen übernommen werden, l egenüber dieser irrigen Auffassung macht der Einwandernngsinspektor der Bereinigten Staaten in Saint John und Quebec, Isidor Dach, in einer Zuschrift darauf aufmerksam, daß bei Uebernahme durch einen Berwandten nur dann von dem Nachweis der vorgeschriebenen Barmittel Abstand genommen wird, wenn der Einwanderer in Newyork landet. Die Unkenntnis dieser Tatsache und der Umstand, daß, trotzdem der Einwanderungsinspektor an die Berwandten um Geld telegraphiert hat. das Geld ausgeblieben ist, waren die Ursache, daß in den letzten Jahren viele Hunderte jüdische Emigranten, die sonst anstandslos hätten landen können, znrückgcschickt werden mußten. Herr Einwanderungsinspektor Dach ersucht, diesen Aufklärungen möglichst weite Verbreitung zu geben. Sitzung der weiblichen Fürsorge. Am kl. Mai fand in den von Fräulein Rosa S ch n r gütig zur Verfügung gestellten Räumen eine von zirka 60 Persönlichkeiten besuchte Sitzung statt, in der Frau Direktor Ulmann in gewohnter Meisterschaft den Vorsitz führte. Sie konnte die Mitteilung machen, daß 28 SB er eine und viele Private sich der Fürsorge bereits angeschlossen haben. Das große Interesse für die Neuschöpfung bewiesen die interessanten Debatten, in denen Frau Charlotte Frisch an er, Frau Helene Ster n, Frau E h r l i ch - F r ä n k e l, Frau K ö n i g, Frau Dr. Stern und Herr Amtsleiter Krauß ihr Interesse an der Fürsorge, Herr Dr. Moritz L ö io p seinen sachlich abweichenden, aber nicht gegnerischen Standpunkt betonte. Als einstimmig gefaßte drei Beschlüsse wurden die konfessionelle Basis der Fürsorge, die sich unter die Aegide der Kultusgemeinde zu stellen gewillt ist, der Beschluß, Frau Baronin Sl £ n i g s w a r t e r um Annahme des Ehrenpräsidiums zu bitten, und der-