Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jtr 20 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 345 logische Zusammenstellung dieser ältesten Vorkämpfer des jüdischen Jugendunterrichtes nebst einer kurzen Darstellung ihres Lebens und der Angabe der Zeit und des Ortes ihres Wirkens erscheint mir daher im Hinblicke auf die Geschichte des jüdischen Unterrichtswesens als keine zwecklose Arbeit. p \:nr pi Rabban Jochanan b. Zakkai. Als hätte die Vorsehung den Mann, den sie dem jüdischen Volke in seiner schicksalsreichsten Zeit als Retter erstehen ließ, auf die ihm bevorstehende schwierige Aufgabe vorbereiten und für diese erziehen wollen, hatte ftg R. Jochanan b. Zakkai, ehe er zum Lehrer Gesamtisraels geworden, zum Lehrer der Jugend werden lassen. Denn der Ausgangspunkt der Entwicklung dieser edlen Persönlichkeit und ihres erfolgreichen Wirkens war die Jugendschule. In der Jugendschule offenbarten sich in fruchtbarer Tätigkeit diesem großen Geiste die Mittel zur Heilung der Schäden, welche der von ihm vorausgesehene Verlust des Heiligtums und der nationalen Selbständigkeit dem Volke bereiten sollte, als deren wirksamstes er die Pflege und Verbreitung der Thora erkannte. In dem engen Kreise eifriger, noch in jugendlichem Alter stehender Schüler erprobte er seine Fähigkeiten und stählte er seine Kräfte für die Lehrtätigkeit, die er in der Folge entfaltete und die im Lehrhause zu Jabneh ihren Höhepunkt erreichte. Die Jugendschule in Jerusalem und die Hochschule in Jabneh sind die beiden Pole, zwischen welchen seine Lehrtätigkeit, der wesentlichste Inhalt seines Lebens, in aufsteigender Richtung verläuft. Ist die Tatsache, daß R. Jochanan b. Zakkai seinen lehrtätigen Berus, mit dem Jugendunterrichte begonnen hat, beachtenswert, so nimmt ne unser Interesse umso mehr in Anspruch, als sie uns in diesem großen Lehrer Israels den ältesten aus talmudischer Zeit uns bekannten Schullehrer zeigt. Ungeachtet des Schleiers des Sagenhaften, der über den uns hierüber erhaltenen Bericht gebreitet ist. sind in diesem bestimmte Umrisse des Tatsächlichen nicht zu verkennen. Ein Athener, so wird erzählt, kam nach Jerusalem und 'betrat eine Schule (u-sv woselbst er Kinder antraf, ihr Lehrer aber war abwesend. Nachdem die Schüler auf Fragen, die er an sie richtete, geantwortet hatten, sprachen sie zu ihm, wir wollen zwischen uns die Vereinbarung treffen, daß demjenigen, der auf eine Frage keine Antwort weiß, die Kleider abgenommen werden, womit der Athener einverstanden war. Die höfliche Aufforderung der Schüler, als älterer Mann mit dem Fragen zu beginnen, beantwortete der Athener damit, daß er das Vorrecht, zuerst zu fragen, ihnen, den Einheimischen, überlasse. Nun fragten die Schü'er: Neun gehen hinweg, acht kommen, vierundzwanzig bedienen, zwei schenken ein, einer trinkt: was ist das? Da der Athener die Lösung des Rätsels nicht fand, nahmen sie ihm die Kleider weg, worauf er sich zu ihrem Lehrer R. Jochanan b. Zakkai begab und über sie Klage führte. Dieser ließ sich den Vorfall erzählen und teilte hierauf dem Athener die Lösung des Rätsels mit. Neun gehen hinweg, das sind die neun Monate der Schwangerschaft, acht kommen, das sind die acht Tage, die für das Knäblein von der Geburt bis zur Beschneidung verstreichen, vierundzwanzig bedienen, das sind die vierundz'wanzig Monate, während welcher die Mutter das Kind an der Brust nährt, zwei schenken ein, das sind die zwei Mutterbrüste, einer trinkt, das ist der Säugling. Der Athener begab sich zur Schule zurück und teilte den Kindern die Lösung mit, worauf er seine Kleider zurückerhielt. Die Schüler erkannten sogleich, daß die Lösung von ihrem Lehrer herrühre und wendeten die Worte Simsons an: Hättet ihr nicht mit meinem Kalbe gepflügt, so hättet ihr mein Rätsel nicht erraten. (Richter, XIV, 18.)* *) Derartige Rätsel in einer Schule von der Schuljugend zu hören, wird uns nicht befremden, wenn wir bedenken, daß die Schultätigkeit R. Jochanan b. Zakkai's noch in jene Phase der Entwicklung der Schule fällt, in welcher die Jugend erst im Alter von 16—17 Jahren zur Schule gebracht wurde. Später wurde dies als Uebelstand empfunden, wodurch sich der Hohepriester Josua b. Gamala, als er kurz vor der Zerstörung des Tempels die allgemeine Volksschule einführte, auch zu der Verordnung veranlaßt sah, daß der Schulunterricht des Kindes schon nach dessen zurückgelegtem 6. oder 7. Lebensjahre zu beginnen habe.-) Die Schule R. Jochanan b. 'Zakkai's war allenthalben bekannt und erfreute sich, auch außerhalb Jerusalems eines ausgezeichneten Rufes. In der bekannten Erzählung über die Anfänge des R. Elieser b. Hyrkanos, der sich infolge seines ungestillten Verlangens nach Bildung tief unglücklich fühlt, erscheint ihm der Prophet Elija und erteilt ihm den Rat, sich nach Jerusalem zu begeben und in die Schule des R. Jochanan b. Zakkai einzutreten. Bei diesem lernt er nun als Anfänger im Alter von 28 Jahren die Elemente des jüdischen Wissens, Schema, Tefilla und Tischgebet?) Diese Begebenheit trug.sich jedenfalls einige Jahrzehnte vor der Zerstörung des Tempels zu, da zur Zeit der Zerstörung des Tempels R. Elieser b. Hyrkanos bereits zu den durch Wissen hervorragenden Schülern R. Jochanan b. Zakkai's zählte. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Handelsangestelltennot. Mit ehernen Armen griff der Balkankrieg in das "Wirtschaftsleben unserer Monarchie ein und erzeugte eine Krisis, deren Nachwelten noch Jahre andauern werden. Viele hoffnungsvolle Unternehmen stürzten zusammen, viele Existenzen, die nach jahrelangem, abhängigem Mühen selbständig werden wollten, wurden in den früheren Stand zurückgeworfen; am schwersten aber wurde der Stand der Handelsangestellten betroffen. Die Zahl der stellenlosen Handelsangestellten, von den Arbeitsvermittlungsbureaus veröffentlicht, verrät uns den erschreckenden Stand der jetzt noch nachwirkenden Krise. Das Hauptkontingent dieser vom Leben momentan Hinausgeworfenen stellt der jüdische Handelsangestellte. Zu Hunderten wandern täglich die Armen von Bureau zu Bureau, von Geschäft zu Geschäft. Der Hunger oder die Unterernährung schaut ihnen aus den Augen, bleicht und höhlt ihre Wangen, ein dünner Anzug bedeckt den geschwächten Körper und löcherige Sohlen treten das Pflaster der Hauptstadt. Im Winter schüttelte des Frostes eisige Hand ihren Körper, aber die Armen hatten die Hoffnung, in der Zeit der Saison, wie es für fast alle Branchen der Winter ist, vielleicht einen Posten zu erhalten. Immer kleiner und immer kleiner wurden die von den einzelnen gestellten Ansprüche; der, welcher sich freute in dem Gedanken, sich von seinem eventuellen Gehalte einen Anzug zu kaufen, wäre zwei Monate später mit einem Lohne zufrieden gewesen, der ihm gestattete, wenigstens den Hunger zu stillen —■ aber auch da fand er keinen Posten. Bald naht der Sommer; wovon soll der arme Stellenlose in dieser Zeit des völligen Geschäfts- Stillstandes leben?! Es sind nicht die Schlechtesten, die von dem Elend der Entlassung betroffen wurden; im Gegenteil: die fähigsten Männer wurden entlassen. Die ihnen gezahlten Gehälter, im gleichen Verhältnis zu ihrem Können stehend, waren zu hoch und die Chefs, die wohl eine gewisse Anzahl Handelsangestellter behalten mußten, verzichteten gerade auf die besten, weil teuersten Kräfte . . . Es ist eine Binsenwahrheit, daß im ganzen großen der jüdische Handelsangestellte der tüchtigere ist, denn *) Mid ras«, h Echo rabbati, Bvber S. 48, vergl. Echo r. I voce •J'/ise *in Tie Biographen R. Joch. b. Z.'s, Hamburger, Josef Spitz, A. Schlatter, Bacher Landau (Monatsschrift 1851/52), Reich, Zur Genesis d. Talmud, nehmen merkwürdigerweise von dieser Stelle keine Notiz. -) B. K.tbra 21 a. *) Pirke d' Rabbi Elieser I.