Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 19 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blych's Wochenschrift Seite 337 „Kork schwimmt!" hat Sueß einmal seinen Gegnern, d. h. den unversöhnlichen Feinden seiner heilvollen Ideen und Ziele, im Abgeordnetenhause zugerufen, zwar unmutsvoll, aber nur mit dem vornehmen Lächeln weiser Ueberlegenheit. Damit hatte er die neue parlamentarische Aera angekündigt, die Blütezeit der Emporkömmlinge, welche sich mit technischer Meisterschaft darauf verstehen, Mandate, Aemter und Parteistellung als Schwungbrett zu fabelhaft raschem Aufstieg auszunützen und dabei die Verwegenheit haben, als waschechte Patrioten, als selbstlose Gesellschaftsretter gelten zu wollen und genug skrupellos sind, auch für die unberechenbare Schädigung der vitalsten Staatsinteressen zu eigenem Vorteil gepriesen und ausgiebig entlohnt zu werden. Ihre Spezialität besteht in Gesten und Posen und all den Mätzchen, durch welche die forensische Beredsamkeit verroht, der ganze Parlamentarismus diskreditiert wird, in der Virtuosität, ihre persönliche Note ab und zu mit Gorillastimmgebung und katzenmusikalischer Begleitung zu vertonen, einen Höllenlärm an Stelle harmonisch ausgeglichenen Zusammenllingens widerstrebender Lebensanschauungen erdröhnen zu lagen. Als Christ geboren, galt Sueß seinen Gegnern als „Judenstämmling"; uns war und bleibt er ein „Reistein, ein gesundes, vom Stamm des alten Bundes". Seine herrliche Gabe, verlachte Phantasiegebilde zum allgemeinen Besten zu realisieren, erinnert sie nicht au seinen geistigen Ahnherrn „Josef den Träumer" vor vierthalb Jahrtausenden? Durch einen Traum hat sich dieser den grimmigen Haß seiner Brüder zugezogen, mußte er in die Sklaverei wandern, und durch einen Traum wurde er aus dem Kerker an den mächtigsten, prächtigsten Hof berufen, wo er durch seine kluge Voraussicht dem stolzen Pharaonen den bewundernden Ausruf entlockte: „Habt ihr je einen Mann gesehen wie diesen, in welchem der Geist Gottes ist?" Und der Träumer rettete und schützte Aegypten vor einer furchtbaren Hungersnot und bewährte sich als ein Verwaltungsgenie für das Reich und sein Herrscherhaus. Das Uebermaß heilvoller Wirksamkeit pflegt die Welt nach dem bekannten Sprichworte mit dem gleichen Maße von Undank wett zu machen. Es mag ein instinktives Gesetz sein, das sich übrigens unschwer Psychologisch oder psychopathisch erklären läßt. Sueß bildete eine Ausnahme; auch die Welt hat mit ihrem Undanke bei ihm ausgesetzt. Je nun, so ganz nicht! dürfte mancher hinzufügen. Viktor Hugo hat, über den welterschütternden Bonaparte referierend, als die sensationellen Berichte den großen Korsen bei seinem Vornamen Napoleon zu nennen begannen, den köstlichen Ausdruck gefunden: .„Das Duzen der Weltgeschichte!" Fällt einem nicht Aehnliches beim titellosen Sueß ein? Sueß war ein Monist, zumal nach der ethischen Seite. Unentwegt, unverdrossen verfocht er die Einzahl gegen die Vielzahl: die Freiheit gegen die Freiheiten, das Recht gegen bje Vorrechte, das Staatsinteresse gegen Tvnderinteressen, die Reichseinheit gegen Trennungsgelüste, die Menschheit gegen Rassen-, Klassen-, Stände- und Glaubensunterschiede, die gesetzliche Regel gegen Ausnahmsstellungen, die Wahrheit gegen die Wahnideen, die Logik gegen Trugschlüsse, die Gesittung gegen Roheiten, die Vernunft gegen Vernünfteleien, die Eintracht gegen die Dämonen von Zwist und Zwietracht, den Frieden gegen die Spaltpilze der Verhetzungen. Drei Dinge gibt es — nach einem alten arabischen Sprichwort —, welche den Menschen unsterblich machen: ein guter Sohn, ein gutes Werk und ein guter Name." Der verewigte Eduard Sueß hatte noch mehr als dreien seine Unsterblichkeit zu verdanken; er ließ sechs verdienstvoll wirkende Söhne, mehrere monumentale Werke und einen ruhmvollen Namen zurück. Literatur. The yellow ticket. Unter dem Titel »The yellow ticket« („Das gelbe Sillet") geht jetzt in Newyork und anderen Städten der Vereinigten Staaten ein Drama in Szene, welches das traurigste Kulturbild unserer Zeit behandelt. Das „gelbe Billet" ist jener schändliche Passierschein, welcher in Rußland den weißen Sklavinnen, dis von ihrer Schande leben, behufs freier Ausübung ihres Gewerbes ausgefolgt wird. Aber der „gelbe Zettel" muß auch von jenen armen jüdischen Studentinnen erworben werden, welche in Petersburg ihre Studien absolvieren wollen, während sie nach dem grausamen russischen Gesetze daselbst kein Wohnrecht besitzen. Als weiße Sklavinnen werden sie in Petersburg geduldet. Als Studentinnen nicht. In packender Weise schildert nun das Stück das Martyrium e;ncr jüdischen Studentin, welche, im Besitze eines „gelben Bülets", ruhig ihren Studien obliegen zu können glaubt, von den Tschinowniks aber zum Nachweise dessen gezwungen werden soll, daß sie ihr „konzessioniertes Gewerbe" Auch wirklich ausübt. Die jüdische Studentin bleibt in diesem Konflikt wohl Siegerin, aber sie kann es nur um den Preis werden, daß sie einen Polizeibeamten, der ihr besonders nachsetzt, niederschießt. Und es wird behauptet, daß die russische Regierung den Versuch gemacht habe, ein Verbot der Aufführung dieses Stückes durchzusetzen, doch sei ihr dies nicht gelungen. Eine Publikation über Nathan Birnbaum. Nathan Birnbaum wird am 6. Mai (10. Ijar) 50 Jahre alt. So groß seit jeher die Wirkung seiner Schriften gewesen ist, so selten hat man sich bisher eingehend und vorurteilsfrei mit seinen Anschauungen auseinandergesetzt. Deshalb hat der „Jüdische Verlag" die Gelegenheit benutzt, zum Jubiläum Nathan Birnbaums in der von Dr. Ahron Gliasberg herausgegebenen Sammlung „Die I ü d i s ch e G e m e i n s ch a f t" ein Heft: „Nathan Birnbaum. Sein Werk und seine Wandlung. Von Leo H e r r m a n n," erscheinen zu lassen. Der Verfasser gibt in fünf Aufsätzen eine geschlossene Darstellung der Anschauungen Birnbaums, die das Resultat dreißigjähriger, rastloser Gedankenarbeit sind; in zwei Aufsätzen entwickelt er die inneren Gründe, die die große Wandlung Nathan Birnbaums verursachten und versucht eine vergleichende Auseinandersetzung zwischen dem Gedankensystem Nathan Birnbaums und dem Zionismus. Das neue Heft der „Jüdischen Gemeinschaft" wird all denen eine willkommene Gabe sein, die sich über Nathan Birnbaum zu orientieren wünschen. Die Bedeutung des Mannes, der einer der ersten Zionisten war. rechtfertigt es, daß man sich mit ihm und seinem Werke beschäftigt. (Bestellungen an den „Jüdischen Verlag", Berlin W. 15. Sächsischestraße 8. Preis Mk. 0.50 ohne Porto.) Eine interessante Debatte. lieber die ungarisch-jüdische Monatsschrift „Mult es Jövö" („Vergangenheit und Zukunft"), die heute als die schönste jüdische Zeitschrift überhaupt gelten kann, hatten wir bereits einigemal Gelegenheit zu berichten. Eine jede Nummer dieser Monatsschrift erscheint als prachtvoll illustriertes Album mit reichem und wertvollem Inhalt. In der Mainummer finden wir unter den besten ungarischen Autoren viele ausländische Schriftsteller und Gelehrte, unter ihnen Dr. Mar G r u n w a 1 d mit einem lehrreichen Artikel über die Portugiesengräber mit 15 Illustrationen. „Mult es Jövö" gilt in Ungarn als der höchste Erponent der jüdischkulturellen Bestrebungen und als solche wird über sie in der allgemeinen Presse viel diskutiert. In den letzten Wochen ging eine interessante Debatte vor sich zwischen „Mult es Jövö" und der Zeitschrift „Huszadik Szüzad" („Zwanzigstes Jahrhundert"), dem offiziellen Organ der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft. Der bekannte moderne christliche Schriftsteller Desider S z a b ö richtete einen acht Spalten langen „offenen Brief" an „Mult es Jövö", iy dem er auf die Schädlichkeit der speziell jüdischen Bestrebungen von ungarischem Standpunkte hinwies. „Die Juden mögen ihre Traditionen abschütteln, töten den Jehova und den Talmud und als Menschen noch einmal die Welt erlösen", so schloß der Brief Szabüs, der großes Aufsehen erregt hat. Darauf antwortete der Redakteur des „Mult es Jövö", Dr. Josef P a t a i, in der April-Nummer seiner Zeitschrift, wo er die Erhaltung der jüdischen Kulturwerte von