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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-01 · 18 (1.5.1914) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 312 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 18 „taugen Parlaments" von England und die neue englische Freiheitsepoche wird eingeleitet mit der Zulassung der Juden durch den Lordprotektor Oliver Cromwell nach England, wo sie seit 500 Jahren nicht wohnen durften. In Frankreich wurden seit 400 Jahren Juden nicht geduldet, nun konnten sich da neue Gemeinden bilden. Und hier in Wien, wo eine jüdische Gemeinde nicht bestehen durfte, wo man aber Juden als Finanzmänner, als Armeelieferanten, als ausschließlich privilegierte Industrielle nicht entbehren konnte, fiedelte sich unter den zeitweilig nicht seheuwollenden Augen des Judenamtes eine Anzahl anderer Juden an. Aber offiziell dursten die Juden in Wien trotzdem noch lange keine Gemeinde bilden, nur die Chewra-Kadischa wurde gestattet, weil schließlich auch Schutz-Juden krank werden, sterben und begraben werden müffen. Wie das erste Leberblümchen, das bescheiden aus braunem Laub sich hervorwagt, der war erste Frühlingsbote die Chewra-Kadischa und manche dieser Blüten wurden auch da durch Spätfrost vernichtet, wie manche durchstrichene Unterschrift auf der Gründuugsurkunde bezeugt. Erst die volle Sonne führt zur Entwicklung aller Organe, die dem zarten Pflänzchen notwendig find zum Leben, zum Atmen. Als eine solche voll entwickelte Pflanze entstand erst mit dem Anbruch des vollen Völkerfrühlings die offizielle Kultusgemeinde, zwar die gesetzliche Einheit der staatlich anerkannten, aber sonst sich selbst überlaffenen Religionsgenoffenschaft. Was sie geworden, daß hat sie aus sich selbst geschaffen. Einst haben die Völker ihre Gottheiten nach ihrem eigenen Bilde geschaffen. Erst der Monotheismus stellte ein sittliches Ideal auf, dem die Menschen nacheifern sollen. So auch unsere jüdische Kultusgemeinde. Sie stützt die Sinkenden; unzählig sind die Wohlfahrtseinrichtungen für Verarmte und Arbeitslose. Der Sieche und der Greis finden Aufnahme in dem leider nur zu kleinen Versorgungs- und Siechenhaus. Sie heilt und pflegt die Kranken in einem Krankenhause, dem sie die modernsten und heilsamsten Einichtungen gegeben. Sie sammelt die Zerstreuten: wo immer die entftffelte Bestie im Menschen gegen unsere Glaubensgenoffen losgelaffen wird, von da führt sie der Wanderstab zu uns, und unter der Aegide unserer Staatsbehörden richten sie ihre Schritte nach unserer Gemeinde. Sie bewahrt auch ihre Treue gemeinsam mit der Chewra-Kadischa jenen, die. im Staube ruhen und durchforscht die Geschichte der Ahnen; aber die größte Sorgfalt wendet sie den Lebenden zu, so daß in ihr zahlreiche selbständige Korporationen Mitarbeiten können an ihrer Aufgabe, das Leben unserer Glaubensgenossen zu erhöhen, ihre moralischen und geistigen Kräfte zu erhalten und zu stählen. Ich habe namentlich den Auftrag, namens der „B'nai B'rith" der Kultusgemeinde dafür zu danken, daß sie allen zur Hebung des sittlichen und geistigen Niveaus unserer Glaubensgenossen gewidmeten Einrichtungen der Hnmanitätsvereine „B'nai B'rith" Wohlwollen entgegenbringt. Was bisher unmöglich schien: eine Anstalt für jüdische Krankenpflegerinnen, die blüht und gedeiht, wurde geschaffen. Wenn das von einem munifizenten Gemeindeangehörigen gewidmete Haus des Kinderhortes, das neue Kinderspital fertig sein wird, dann wird unsere Gemeinde über die allerbesten Wohlfahrtsinstitute unter allen Kultusgemeinden Europas verfügen. Chewra-Kadischa und Kultusgemeinde, die Zwillingschwestern, zwei Seiten des jüdischen Volkslebens, mögen immer gedeihlich sortwirken, immer Schöneres, Edleres, Humaneres schaffen. Mein Hoch gilt der ganzen großen Wiener Kultusgemeinde. (Lebhafter Beifall.) Toast auf de» Vorstand der Kultusgemeinde und der Chewra-Kadischa. Prof. Dr. L. Köuigstein: Verehrte Festversammlung! Meine Herren und Damen! Denn auch zu Ihnen spreche ich, da wir stets Ihrer Hilfe bedürfen und sie auch wünschen. Wir feiern heute das 150jährige Wiegenfest der Chewra- Kadischa. 150 Jahre, ein imenser Zeitraum in der beschränkten Dauer unseres Lebens, das sind 150 Jahre intensiver Arbeit, emsigen Wirkens und Schaffens, 150 Jahre in der Ausübung von Milde und Wohltätigkeit, von Brüderlichkeit und Liebe. 150 Jahre im Dienste der Humanität in echt jüdischem Geiste! (Beifall) Das sind 6 Generationen immerwährenden Fortschreitens, steter Fortentwicklung und ständigen Aufstieges. 150 Jahre! Da höcen wir wohl über unseren Häuptern den schweren Flügelschlag der Znt, da vernehmen wir das Raunen der Geschichte, da sehen und begreifen wir, wie wir es im Prolog gehört, das Entstehen, den Beginn einer Legende. Denn „Völker verrauschen, Nationen verklingen, finstere Bergest nheit breiten die dunkelmachenden Schwingen über ganze Geschlechter aus"; doch deren Taten müssen bestehen, deren Werke können nicht vergehen. (Großer Beifall.) Da darf ich wohl mit dem blinden griechischen Sänger ausrufen: „xcg, 7l69'EV etc; dcvopöv toxt xot tzoXiC, ’/fib xox/jes ä\\' avSpöv yevog eaxe — ßaatÄfjtoV ou oe xaxot xovoö^oe xexotev." Dem Sinne nach: „Wer bist du? Woher stammst du? Wer sind deine Eltern, wer deine Sippe? Du scheinst von Fürsten abzustammen, nicht Unedle haben dich gezeugt". Und da antworte ich: Aus den besten, edelsten und vornehmsten Familien haben sich vor 150 Jahren Jünglinge gefunden, die diese fromme Bruderschaft begründeten. Eine offizielle jüdische Gemeinde existierte damals nicht, nur wenige tausend Seelen bildeten die „jüdische Genossenschaft";doch ihre Führer waren starken Geistes und klugen Verstandes und sie übertrugen und vererbten diese Eigenschaften auf ihre Nachfolger, die ihrer umsomehr bedurften, als in den späteren Jahren der Freizügigkeit der Zuzug ins kolossale wuchs, denn nun galt es, die verschiedenartigen Elemente zusammenzufchmieden, zusammenzuschweißen, zufammenzuhalten. Dies erreichte die Gemeinde, indem sie die Wohltätigkeit als kultisches Mittel auffaßte, durch sie ein Band um alle schlang und in der Autonomie, die sie sich selbst von jeher gegeben, Wohlfahrtseinrichtungen schuf — oder private Wohltäter dazu anregte. Diese nun auszuweiten, auszugestallen, auszubreiten, neue zu schaffen und die anderen ihr unterstehenden Institutionen den Anforderungen der Zeit gemäß auf der Höhe zu halten, dazu gehört OpferfreudWkeit und Selbstlosigkeit, und diese, verehrte Versammlung, finden -wir in dem Patriarchen unserer Gemeinde, dem Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern (stürmischer Beifall), umgeben von seinem Generalstab, dem Kultusvorstande, der es versteht, in voraussichtiger, großzügiger Weise, in strenger, konsequenter, zielbewußter Führung die Wiener Judengemeinde zur ersten der Monarchie, zu einer Mustergemeinde zu machen. Ihm würdig zur Seite arbeitet als Schwester- oder Tochterverbindung — ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll — der Vorstand der Chewra-Kadischa mit einem tätkräftigen, hochherzigen Präsidenten an der Spitze (lebhafter, anhaltender Beifall), der auch von der Bürgerschaft allgemein als einer der wohltätigsten Männer unserer Gemeinde anerkannt ist, dessen Wohltätigkeitssinn sich ja auch heute wieder bewährt hat. (Rauschender Beifall, der sich mehrmals wiederholt. — Präsident Cohn dankt der Festversammlung für diese spontane Ovation, indem er sich nach allen Seiten verneigt.) Ihn unterstützt in selbstloser Hingebung der Vorstand, der der Körperschaft aber auch eine persönliche Note gibt, indem er zur Mildtätigkeit noch jene Eigenschaft fügt, die die Gabe, die er darreicht, verschönt und den Empfängern angenehm macht. .Völker vergehen, Nationen verwehen, aber unsere Institutionen werden unter solcher Führung immer bestehen. Darum glaube ich den Empfindungen Aller Ausdruck zu geben, wenn ich auf die Vorstände der Kultusgemeinde und der Chewra- Kadischa ein donnerndes Hoch ausbringe.. (Großer Beifall und Hoch-Rufe.) , Den Dank der Teilnehmer sprach kaiserlicher Rat S. Steinhübel, Mitglied der n.-ö. Handels- und Gewerbekammer usw.: Meine verehrten Anwesenden! Nach dem so glänzenden Erfolge des heutigen Festabends, der allen Teil-

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