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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-01 · 18 (1.5.1914) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 18 Dr. Blocks Wochenschrift. Seite 311 Armenwesen und viele, viele Wohltätigkeitsinstitutionen, die nicht alle genannt werden können. Alle diese Institutionen fassen das sittlich erhebende Moment in sichdaß sie einerseits zur Befriedigung für die Wohlhabenden dienen, welche in der Beglückung, in der Hilfeleistung für ihre armen, gedrückten, bresthasten Brüder und Schwestern ihr Glück finden, für die Armen und Kranken, denen diese Institutionen das Leben erleichtern, über die Unbilden ihres harten Geschickes möglichst hinaushelfen und durch das Bewußtsein, daß sie Brüder und Schwestern haben, die sich ihrer annehmen, ihnen Lebensmut und Hoffnung geben. Alle diese Institute leisten mit ihren bescheidenen Mitteln das Menschenmöglichste durch die dankenswerte unermüdliche Tätigkeit ihrer Vorstände. In früherer Zeit waren die Chewra-Suden Anlaß zur hochherzigen Schaffung von beglückenden großen Wohltätigkeitsakten, und ich konstatiere mit Vergnügen, daß diese alte Uebung heute durch die hochherzige Spende des edlen Präsidenten der Chewra-Kadischa, Herrn Salo C o h n, von >100.000 Kr. ihre Erneuerung und Fortsetzung gefunden hat, ebenso durch die heute gewordene Mitteilung der Stiftung von Betten seitens der Delegierten der Chewra-Kadischa und seitens der B'nai B'rith für das neue Wohnungsheim in Baden für kranke Glaubensbrüder und -Schwestern. In früherer Zeit wurde auch die meiner Ansicht nach bedeutendste Vorschrift unserer heiligen Bibel bezüglich des Maisser (Zehent) von jedem Juden befolgt; vielleicht tritt auch nach dieser Richtung die Rückkehr zur Befolgung dieser Vorschrift ein, und ist es sicher, daß allen Wohltätigkeitsbedürfnissen reichlich Genüge geschehen wäre, daß die nicht mit Glücksgütern ausgestatteten zahlreichen Jünger der Wissenschaft Bedeutendes leisten könnten, wenn die vorgeschriebene Pflicht des Maisser-Gebens wieder herrlicher Brauch würde. In allererster Reihe bedürfen wir des Ausbaues, der Erweiterung eventuell eines Neubaues für unser Versorgungs- und Siechenhaus; gebe Gott, daß diese schon im Jahre 1911 von mir ausgesprochene Anregung sich in Bälde erfülle. 280 Mitglieder unserer Kultusgemeinde pochen schon seit Jahren wegen Platzmangels vergeblich an die Pforten unseres Versorgungs- und Siechenhauses. : Eine neue hochherzige Stiftung gibt uns die beseligende Hoffnung, daß sich wackere Menschen finden werden, welche die eben ausgesprochene Anregung in die Tat umsetzen werden. Dann wäre der heutige Festtag ein Glückstag für unsere Gemeinde. In den Kreis der Wohltätigkeits-Einrichtungen tritt in Bälde das israelitische Kinderspital, geschaffen durch die hochherzige Stiftung des um unsere Gemeinde nächst dem Hause Rothschild hervorragendst verdienten, nunmehr in Gott ruhenden David Ritter von Gutmann, aber auch unseres in Ehren und Dankbarkeit hier zu nennenden sel. Glaubensbruders Spitzberger, welche beide — wie wir gerne im Interesse unserer Glaubensbrüder und -Schwestern und unserer ganzen Gemeinde hoffen und von Gott erbitten — sowie die großen Wohltäter Baron Königswart,er,. Kolisch, Königsberg, Gustav Ritter von Epstein, Baron Gustav Springer, Wilhelm Ritter von Gutmann und andere beispielgebende hochherzige Nachfolger im Wohltun finden mögen. Sie sehen, .sehr geehrte Festgenossen, daß der Rückblick in die Vergangenheit uns mit voller Freude, der Ausblick in die Zukunft gewiß mit berechtigten Hoffnungen . erfüllen kann und daß wir uns wahrhaftig auch der bisherigen Erfolge und der großen Leistungen auf dem Gebiete unserer Wohlfahrtsinstitute aufrichtig freuen können, voll Dankes für alle diejenigen, die sich dem Dienste derselben widmen und durch die Leitung derselben so Großes vollbringen. Auf alle diese Wohltätigkeitsinstitute, daß sie blühen, wachsen und gedeihen, auf alle, welche für diese und in denselben tatkräftig arbeiten, Daraus, daß die Zahl der Mitarbeiter wachse, daß die spenden reichlich fließen, daß die Reichbegüterten in der. Förderung dieser Institutionen sich beglückt fühlen mögen, darauf lassen Sie mich das Glas erheben mit dem Rufe: Hoch unsere Wohltätigkeitsvereine, Wohltätigkeitsanstalten und Wohlsahrtseinrichtungen, hoch ihre Führer und Leiter» hoch ihre Mitarbeiter und Spender; Gott segne sie alles Hoch, hoch, hoch! (Stürmischer Beifall.) Toast auf die Kultusgemeinde. Prof. Dr. S. Ehrmann: Am heutigen Festabend geziemt sich wohl ein Wort, ge widmet dem Wandel der Zeiten. Die Zeit in welcher die Gründung der Chewra-Kadischa fällt, ist gekennzeichnet durch eine Denkweise, die im Worte »Einheit des Menschengeschlechtes" ihren Ausdruck findet Sie gründet sich nicht allein auf die biblische Anschauung, sondern sie entspringt dem Gefühl der Zeit. Der Bauer, der Bürger, der Literat, geknechtet und abhängig von den bevorrechteten Kasten, fand in ihr fein Recht gegen die übermütigen Herrenmenschen begründet. Nicht auf besonders edle Herkunft, nicht auf höhere Eigenschaften, auf bloße Gewalt basiert, so konnte sie angegriffen und niedergeworfen werden. Damals sprach man von der Erziehung des Menschengeschlechtes, wie in den Schriften Jean Jacques Rouffeaus und der humanistisch-klaffischen Epoche der deutschen Literatur Leffings, Herders und Schillers. Die Wiener Chewra-Kadischa wurde gegründet 13 Jahre vor der Erklärung der Menschenrechte durch die Vertreter deS amerikanischen Volkes und 25 Jahre, ehe die französische Nation ihrerseits die Menschenrechte erklärt und alle Vorrechte aufgehoben hat, 18 Jahre vor dem Toleranzedikt Josephs II. Die Denkweise war damals eine durchaus gefühlsmäßige. Die moderne Denkweise liebt es, an die Wissenschaft und besonders an die Naturwissenschaft anzuknüpfen, und leicht und schnell fertig ist sie mit dem Wort Wissenschaft, das noch schwerer sich handhabt wie des Schwertes Scheide. Besonders schwer die Wlssenschaft der menschlichen Raffen. Betrachten wir einmal, was unter Menschheit und Menschlichkeit in den verschiedenen Zeitepochen verstanden wurde. Die griechisch-römische Kultur hatte zwar den Begriff Menschengeschlecht besessen, aber darunter verstand man nicht die sittliche Einheit des Menschengeschlechtes, welche Pflichten der eine Menschheitsteil gegen den anderen voraussetzt, es war der einfache physische Begriff der Gattung Mensch. So sprach auch Salust in der Einleitung zu seinem Geschlechtswert: Falso quaeritur de natura sua genus humanum. »Fälschlich beklagt sich das Menschengeschlecht über seine NatUr. — Den Begriff Menschheit in sittlichem Sinn in die Welt gesetzt zu haben, ist der unvergängliche Ruhmestitel des Judentums. Erst mit ihm tritt die sittliche Verantwortlichkeit der Teile der Menschheit untereinander in die Weltgeschichte. Vielfach und wiederholt wurde er im Laufe der Zeiten verdunkelt und erstarrte in der Eiskälte unmenschlicher Zeitepochen. Immer wieder schmilzt das Eis, der Frühling bricht heran und als erste Frühlingsboten erscheinen MenschheitSblüten aus dem von Juden gestreuten Samen, n Im Jahre 1670, nicht ganz 10t> Jahre vor Grmckung der Chewra-Kadischa, wurden die Juden aus Wien vertrieben;' tu einer Epoche, wo die Blüten deS Humanismus wiederum einmal unter dem Eishapch der Reaktion erstarrten wie blühende Landschaften beim Vorrücken einer neue» Eispepode. Bald durchbrachen Sonnenstrahlen die dichte Wolkenschicht, anfangs nur schüchtern — es entstanden jüdische Gemeinschaften in früher von Juden verlassenen Ländern. In dem sreigewordeuen Holland fiedeln sich die der Inquisition entronnenen spanischen und portugiesischen Marannen an. Sie klopfen an die Tore deS

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