Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 309 •Kc. 18 Eigentums zurück. Freiheit wird allen Bewohnern des Landes verkündet und die von der Familie Losgelösten werden wieder mit dieser innig verbunden. Die Liebe Zur Freiheit war bei uns, auch wenn wir geknechtet waren, zu allen Zeiten das Siegel der Menschenwürde, der angeborene Zug unserer sittlichen Natur, und schon das erste Gebot am flammenden Sinai war die Verkündigung der Freiheit, denn sie ist die feste, unerschüttliche Grundlage alles Rechtes und Gesetzes. Die Familie war stets die Stätte des Segens und Friedens, überglänzt von dem Schimmer wahren Glückes und göttlicher Weihe. Auch unser Jubiläum ist geweiht durch heilige, ahnungsvolle, beseligende Erinnerungen, durch pietätvolles Gedenken an jene Männer gesegneten Andenkens, an deren Spitze Herr David Wertheim stand, die in finsteren, traurigen Zeiten, durchglüht von Begeisterung für unseren alten Glauben, mit Kühnheit und Entschlossenheit das große heilige Werk, die Gründung der Chewra-Kadischa in Wien, vollbrachten. Wenn nun gewiß schon in den ältesten Zeiten Chewrot entstanden sind, da die Gemeinden aus ihrem Schoße hervorgingen, so hat der Sturm der Verfolgung die Blätter, welche die gewiß ruhmreiche Geschichte dieser Chewrot verkünden könnten, in alle Winde verweht, und erst unserer Chewra-Kadischa gegenüber stehen wir auf historischem Boden. Hundertfünfzig Jahre sind verflossen, seitdem im Monate Cheschwan des Jahres 524 nach jüd. Zeitrechnung die Statuten, genannt rmpn von 47 begeisterten trefflichen Jünglingen unterfertigt wurden. Diese Statuten enthalten auch die Anfänge einer Gemeindeorganisation und bestimmten, daß die Chewrä-Mitglieder jeden Sabbat den Halachischen Vorträgen von hiezu berufenen Gelehrten anzuwohnen und sich durch tägliches intensives Studium vorzubereiten haben, daß, nachdem ein gemeinsamer Gottesdienst in damaliger Zeit nn ->en rrb» unmöglich war, an dessen Stelle sechs Jünglinge an jeden n-iy zu fasten haben, daß Arme unterstützt, Dürftige gekleidet, arme Bräute ausgehmvatet, Kranke besucht, ihnen Aerzte und Heilmittel unentgeltlich beigestellt und die Pietät gegen die Verstorbenen in allerweitestem Umfange ausgeübt werde. Ich möchte noch hinzufügen, daß die Bestimmungen über das Thora-Studium und das Fasten nach kurzer Zeit aufgehoben wurden-loüachdem man schon damals zu der Ueberzeugung gelängte, daß die Verpflichtung zum Thora-Studium und Fasten kein geeignetes Mittel sei, um die Anzahl der Mitglieder zu mehren, und daß die Veranstaltung eines solchen Brudermahles hiezu viel geeigneter erscheint. Die letzte Tat der Juden, als sie nn Jahre 1670 die Stadt verlassen mußten, war die Erkausung eines Reverses seitens des Wiener Magistrates, vermöge dessen dieser für die Unversehrtheit und Unverletzlichkeit des Friedhofes in der Seegasse zu sorgen hatte, Uttd die erste große Tat des in Wien wieder angesaMmelten kleinen rechtlosen Häusleins Juden war die Gründung einer Chewra-Kadischa. Ihr Blick war eben der anderen besseren Welt zugewendet, nachdem diese Welt ihnen nur Elend und Kümmernisse bot und ist es uns, als ob derberühmte englische Dichter diese Geschehnisse im Auge hätte, als er schrieb: Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, der Mensch die Heimat) Juda nur die Gruft. Hundertfünfzig Jahre, welche Wandlungen des Geschickes unseres Volkes, welche Aenderungen im Antlitze Europas,?: welche Kämpfe der Völker, welches Ringen der. Geister, welche Siege des Fortschrittes und der Entwicklung! Ich erlaube mir, aus dem Leben des Patriarchen Jakobs jene nächtliche Szene in Erinnerung zu bringen. die uns jedesmal von neuem bewegt und ergreift. Jakob befindet sich allein in finsterer Nacht. Da trat auf ihn ein Mann zu, nach den Erklärern der Schutzgeist Esaus, umfaßte ihn mit eisernen Armen und rang mit ihm auf Tod und Leben eine lange bange Nacht. Endlich wird am Horizonte die Morgenröte sichtbar,^ seine Kraft erlahmte, die Arme erschlafften, denn der Lchutzgeift Esaus, der Dämon des Hasses und der Verfolgung, kann nur kämpfen in der Hacht, seine Lebensgeister entfliehen jedoch vor dem erfrischenden Morgenrot der Aufklärung. Und als die Sonne aufgegangen war, da setzte Jakob seine Wanderung fort. Im Jahre 1814, beim ersten fünfzigjährigen Jubiläum, herrschte noch tiefe Finsternis. Wenn auch die Juden auf den Schlachtfeldern ihr Blut vergossen und Heldentaten vollbrachten, wenn auch die Großen der Erde in den reichgeschmückten, hellerleuchteten Salons von Juden und Jüdinnen sich vortrefflich unterhielten, in die bescheidenen Wohnhäuser Israels fiel kein Lichtstrahl. Im Jahre 1864, im zweiten Jubiläumsjahre, war das Morgenrot aufgestiegen. Die Fluten des Hasses und der Verfolgung waren zurückgetreten, 'am?, *wki 'K-o die Gipfel der Berge, die.zuerst erglühen, wenn noch Finsternis in den Tälern herrscht, wurden sichtbar. Jene Männer, die Gipfel der Menschheit, welche die großen Massen hoch überragen, kämpften mit feuriger Beredsamkeit und in glänzenden Schriften für Recht und Gerechtigkeit, für die Ehre der Juden. Sie priesen die großen Leistungen derselben für die Entwicklung der Kultur, das gewaltige Schrifttunl, das aus ihrem Schoße hervorgegangen ist. Heute, beim hundertfünfzigsten Jubiläum, da ist die Sonne aufgegangen, und wenn auch dieselbe noch mit Wolken, Nebel und Schwaden verdeckt ist, so wird diese ihren Siegeszug fortsetzen, die Niederungen durchleuchten, mögen auch unsere Feinde ausrufen: „Sonne, bleibe stehen!" So können wir heute in erhobener Stimmung, voll stolzen Bewußtseins und dankbaren Gemütes gegen den gütigen Schöpfer, der uns diesen Tag erleben ließ, unser herrliches Fest feiern. Vom frommen König Joschiahu, der den Götzendienst in Palästina bis auf die letzten Spuren vernichtete, wird uns erzählt, daß er das Volk zur Feier des Pessachfestes versammelte und daß dieses Fest in solch feierlicher Weise seit den Tagen der Richter nicht begangen wurde. O'LSV.1 'ÖD .17.1 HCS53 ,1W12 '2 Auch wir können ausrufen: Eine solche Chewra-Sude ist feit Menschengedenken in den Gauen Israels nicht gefeiert worden. Unter einem ausgezeichneten, hochherzigen Präsidenten, in einem der herrlichsten Säle der Residenz, geweiht der Kunst, durchflutet von einem Meer von Licht, in einer Versammlung von edlen, angesehenen und erlesenen Männern unserer Gemeinde, in einem Kreise von Erkorenen der Menschheit, von Meistern der Wissenschaft und des Wortes, welche unseren Geist erleuchten und unser Herz erwärmen, an der Spitze unser hochverehrter Herr Oberrabbiner, von Meistern der Tonkunst, welche ihrem Instrumente die herrlichsten, bezaubernsten Klänge entlocken, von Meistern der bildenden Kunst, die durch ihre unvergänglichen Werke eine Quelle ungetrübter Freude erschließen, von Meistern der Feder, welche am Strome der Zeit sitzen, und den rasch dahineilenden Wellen ihre Geheimnisse ablauschen, von. Meistern des Gesanges, welche die freudigsten Stimmungen in uns wecken oder durch den religiösen Gesang uns zur Andacht erheben, alle sich vereiftt fühlend zu einer großen Familie, 721277 in.iawö bat V'X umschlungen von den Banden der Brüderlichkeit, unerschütterlich festhaltend an unserem angestammten Glau-