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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-05-01 · 18 (1.5.1914) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 3Ö8 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 18 Iubiläumstoast. VizeprLfideut und Ehrenmitglied der Chewra-Kadischa pkil. und JuivDr. Markus Spitzer: Hochverehrte Festversammlung! Jedes Zeitalter ist ausgezeichnet und erhält das ihm eigentümliche Gepräge in der Kulturgeschichte der Menschheit durch große, weltbewegende Ideen, welche jahrelang in den Tiefen der Volksseele schlummern, Wurzeln fassen,, keimen, sich formen und gestalten, dem Dasein entgegenreifen, bis an die Schwelle des Bewußtseins Vordringen und von gewaltigen /Persönlichkeiten, begabt mit divinatorischer Kraft und wunderbarer Intuition, aus dem geheimnisvollen Dunkel erlöst, auf deren Weckruf ihre unaufhaltsame Siegeslaufbahn beschreiten. So kennen wir ein Zeitalter der Renaissance, der Wiedergeburt des klassischen Altertums in Wissenschaft, Kunst und Leben, des Wiederauflebens des hohen Humanitätsgedankens, das ist des Gedankens der Menschenbildung, der Entfesselung der Individualität und Entfaltung aller menschlichen Anlagen und Fähigkeiten. Diese Epoche erscheint für uns Juden von hervorragender Bedeutung, weil auch das jüdische Schrifttum in den humanistischen Bildungskreis ausgenommen wurde, die hebräische Sprache einen nie geahnten .Aufschwung erlebte. Sie wurde als Lieblingsbeschäftigung von den erleuchteten Führern der Bewegung auserkoren, da diese Sprache die Pforte zu den kostbaren Schätzen unseres Schrifttums erschloß und ob chrer Einfachheit, Schönheit, Reinheit und Keuschheit als würdig befunden wurde, daß Gott in ihr von Angesicht zu Angesicht mit den Menschen gesprochen. Wir sprechen vom Zeitalter der Aufklärung, da philosophische Systeme entstanden, welche der Welt neue Bühnen der Erkenntnis wiesen, die Grenze dieser Erkenntnis unverrückbar feststellten, das Zusammenwirken- und Jneinandergreifen der Erscheinungen ergründet und alle Ergebnisse der wissenschaftlichen Erforschung zu einer einheitlichen Weltanschauung verbanden. In der Ruhmeshalle der Philosophen nehmen auch jüdische Denker einen Ehrenplatz ein. Unser Zeitalter ist das der sozialen Fürsorge, dessen geistiger Inhalt erfüllt ist von den unablässigen Bestrebungen, die unteren Schichten der Gesellschaft aus den Niederungen des Alltagslebens zur Höhe eines lebenswerten Daseins zu erheben, sie mit dem Rüstzeug der Bildung auszustatten, das Los der Enterbten des Glückes zu verbessern, den Kranken und Siechen Linderung und Heilung zu bringen, den Lebensabend der Alten durch Fernehaltung von Not und Sorge zu verschönern. Inmitten der Betrachtung der sozialen Probleme der Gegenwart tritt vor uns in Größe und Erhabenheit unsere alte, ehrwürdige Bibel, das monumentalste Denkmal sozialer Fürsorge, deren Anfang und Ende, Zweck und Ziel Menschenliebe ist, deren Gesetze den schützenden Arm über alle Hilfsbedürftigen ausbrerten und welche uns offenbart wurde, da noch Finsternis die Erde bedeckte nud Dunkelheit die Völker, über unser Volk jedoch der Herr erstrahlte und seine Herrlichkeit an demselben sichtbar wurde. - ' nK*r "pbr TTcai . Und worin besteht diese Herrlichkeit?'Als Moses zu Gott flehte, daß er chm seine Herrlichkeit sehest lasse, 7*°? na K3''am da wurde ihm die Antwort zuteil.' Ich lasse vor deinem Angesichte alle meine Güte, Liebe, Milde, Gnade uyd Barmherzigkeit vorüberziehen. Mit Bewunderung blicken wir empor zu unserer Chewra-Kadischa, diese erste und älteste Organisation der Wohltätigkeit, auf deren Fahne die Worte o-non der allumfassendste Ausdruck für alle Menschenliebe, weithin leuchten. Chewra-Kadischa, welches herrliche Zauberwort, welch unerschöpflicher -'Inhalt! Die Genialität des Geistes gründet das Reich des Wissens und der Erkenntnis, erweitert dasselbe durch imrner neue Entdeckungen und Erfindungen, verändert Wüsteneien in-blühende Gefilde, und alle Völker sind berufen, an dem Aufschwünge dieses Reiches mitzuwirken, in welchem der kalte, forschende, erwägende und zersetzende Verstand die Herrschaft führt. Neben der Genialität des Geistes schafft die Genialität des Herzens in voller Ebenbürtigkeit das Reich der Sittlichkeit, des Idealen, des Guten- Edlen und Schönen, der ethischen Vervollkommnung, der Menschenliebe und Menschenwürde, des unerschütterlichen Glaubens und der tiefen Religiösität. . - In diesem Reiche schwingt das Gemüt in seiner Wärme und Innigkeit mit seinen zarten Empfindungen und Regungen das milde Szepter.. Die Genialität des Herzens ist ein Erbteil des Hauses Jakob, das selbst unsere Feinde und Hasser nicht streitig zu machen vermögen, und die Chewra-Kadischa ist die großartigste, glänzende und unverwüstliche Schöpfung dieser Genialität des Herzens. Vor meinem geistigen Auge erhebt sich jene große Vision des Propheten Ezechiel, der im babylonischen Exil lebte, dessen Sinnen und Trachten, Denken und Fühlen mit dem Tempel auf dem Zionsberge verknüpft war. Da wird er in einem Traumgesichte nach der heiligen Stadt entführt, da konnte er den neuerstandenen Tempel in seiner Pracht und Herrlichkeit erschauen. Auf seiner Wanderung durch die Tempelhallen gelangte er an das Tor des Hauses gegen Morgen. Und unter der Schwelle des Hauses, mittagwärts vom Altar, dringt Wasser hervor, welches sich erweitert und vertieft und zu einem Strome heranwächst. Wohin dieses Wasser gelangte, regte sich alles zu neuem Leben. Die Bäume? grünten, blühten und trugen Monat für Monat köstliche Früchte, und die Blätter waren voll Heilkraft. . D’KXV nan unpan ja la-Q -2 Denn dieses Wasser ist aus dem Heiligtum hervorgegangen, dort ist der Ursprung seiner wunderbaren Heilkraft. Auch unsere Chewra-Kadischa ist solch ein Heiligtum. In ihm ist ein Altar errichtet, an dem die Priester, der Menschenliebe täglich Opfer bringen und aus welchem' das Feuer der Menschenliebe zu jeder Zeit brennt, welches nach einer alten Tradition alle «Regengüsse und Unbilden des Wetters nicht verlöschen können. Auch in diesem Tempel sprudelt eine unversiegbare kristallklare Quelle, aus der ein Strom der alles belebenden, erfrischenden, verjüngenden und heilbringenden Wohltätigkeit hervordringt, und dieser Strom ergießt sich auch in die Wohltätigkeitsanstalten der Gemeinde, denn diese können nur dann blühen und gedeihen, wenn der Geist der Chewra-Kadischa in ihnen lebt und der Odem desselben sie durchweht^ Mögen ländere Völker, wenn sie die ihnen von der Vorsehung zugewiesene weltgeschichtliche Mission erfüllt haben, wenn ihre Lebenskraft erschöpft ist, in das Grab der Geschichte sinken, die Mission unseres Volkes kann nie erfüllt, nie erschöpft werden, denn so lange Menschen leben und atmen, werden sie der erwärmenden. Strahlen der Menschenliebe bedürftig sein. Wenn unsere Alten bemerken, daß die Träger von der? Bundeslade getragen wurden, n« rwv jnxn so können auch wir sagen, daß uns die Menschenliebe durch die Fluten der Geschichte unversehrt und jugendfrisch bis! zumheutigen Tage geführt und in aller Zukunft führen wird, i, Schon die Heilige Schrift hat das Jubeljahr, durch seine Bestimmung geheiligt und geweiht. Am Beginne des fünfzigsten Jahres, am Ausgange des Versöhnungstages, an welchem die sittliche Wiedergeburt sich vollzogen, soll auch die soziale Wiedergeburt erfolgen. Wenn der feierliche Posaunenschall ertönte, kehrte jeder zu seinem

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