Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 306 Dr. Älvchs Wochenschrift. Nr. 18 - Mit diesen herzerhebenden, herrlichen Worten werden wir von dem verehrten Vorstände der Chewra- Kadischa zu der heutigen Feier eingeladen, zu der so überaus seltenen Feier des Gedenktages der Begründung unserer Chewra-Kadischa vor 150 ' Jahren. 150 Jahre! Eine in der 4000jährigen Geschichte Unseres Volles relativ nur kurze Spanne Zeit, und dochweich ungeheure, kaum , faßbare Veränderungen haben sich in der Geschichte der österreichischen, der Wiener Judenschaft in dieser 150jährigen Epoche, deren größere Hälfte ich selbst miterlebte, zugetragen! Und da ziehen gus deuZ-exsten hundert : Jahren dieser Epoche an un,erem geistigen Auge abwechslungsreiche, trübe Bilder der Erinnerung vorüber, die nur spärlich durch kurze'Lichtblicke 5er Erholung, der Hoffnung, der Freude unterbrochen werden, denn das Wohlwollen und die Gerechtigkeit der Biächtigen den Juden gegenüber hat nur selten Schritt gchatten mit dem allgemeinen Fortschritt, mit der allgemeinen Entwicklung der Menschheit, wozu die Juden selbst in Zeiten ihrer größten Bedrückung in aufopferungsfähigster Weise reichlich beigetragen haben. Deshalb würde auch der geringste Schein von Gerechtigkeit, Las kleinste Zeichen von Wohlwollen von den Juden wie eine Erlösung gus der Not, wie eine Befreiung von Druck und Verfolgung stets mit rührender, heißer Dankbarkeit entgegengenommen. Mit welchem für uns Juden der heutigen Generation fast unverständlichem Jubel begrüßten unsere Vorfahren das' ' berühmte Toleranzpatent aus dem Ende des XVIII. Jahrhundert, jenes Patent, dessen mildernde Beftimmungen um so greller das-ganze unendliche Gebiet der Intoleranz, die lange Kette von Ungerechtigkeiten und Aüsnahmsgefetzen, denen unsere Vorfahren unterworfen waren, größtenteils auch unterworfen blieben, beleuchteten! Eine ganz stattliche Literatur hat uns Aufzeichnungen über die festliche Freude, über die Dankeshymnen, welche dieses Edikt bei den Juden Oesterreichs auslöste, überliefert. In meinem Besitze befindet sich ein Dokument, welches vielen unter uns, die wir heute im Besitze unserer bürgerlichen Rechte sind, unverständlich sein dürfte. In diesem Dokument wird ein natürliches Menschheitsrecht, ein Recht der' Verehelichung, oder wie der schöne Ausdruck lautet, ein „Familiantenrecht", bekundet. Es wird dieses Recht meinem Großvater übertragen, und da will ich Nun denjenigen unter Ihnen, meine Herren, welche hievon keine Kenntnis haben, Mitteilen, daß dieses sogenannte „Recht" darin bestand, daß für einzelne Kronländer der österreichischen Monarchie die Zahl der zur Verehelichung zugelassenen Juden genau fixiert war/ und daßnoch zur Zeit, als' ich an der Universität studierte, der beste Gesetzkommentar, mit dem man damals hantierte, m. a. sich dahin aussprach, das jüdische „Familianten- -recht" sei eine, ganz weise Verfügung der österreichischen StäaGverwaltung, welche dadurch Fürsorge treffe, daß sich in den österreichischen Staaten die Juden nicht vermehren. Ganze Folianten, aufgehäuft im Laufe der Zeiten-- finden fich: in bm Archiven . unseres Kultusministeriums, worin alle. Möglichen ■ / i Aufenthaltsbeschränkungen, 1 Erwerbsbeschränkungen, and) alle möglichen Verdächtigungen und -sogenannte'.„Schützmaß- - regeln" - gegen Juden erdacht und immer neu 'ersonnen wurden, um chnen das Leben so. schwer als möglich, um es chnen möglichst unmöglich zu machen. So blieb es bis zum Jahre 1848 und auch darüber hinaus, und wer weiß, welche Richtung unser Rechtsleben, unsere Beziehungen in diesem weiten Reiche genommen hätten, wenn jene Epoche um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bloß die Freiheit, nicht aber auch einen hohen Beschützer, wenn die gütige Vorsehung nicht mit dem Morgen der Völkerbefreiung auch die lichtvolle Gestalt des Kaiser Franz Joseph 1. zum Schutz und Schirm für alle Bürger dieses Staates gespendet hätte! Geehrte Versammlung! 66 Jahre sind es her, daß ein, Kaiserwort unserer Wiener Kultusgemeinde die gesetzliche Anerkennung als solcher, die autoritäre Gestaltung und Bedeutung einer Gemeinde verliehen und dadurch die Reihe der seitherigen Schöpfungen auf dem Gebiete unserer konfessionellen Fürsorge und Wohltätigkeit ermöglicht hat. 66 Jahre von den 150 - seit dem Bestehen unserer Chewra hat diese ungehindert und frei ihre hohen Aufgaben erfüllen, hat auch ihren idealen Zwecken zuftreben tonnen. Aufgaben, welche die heiligen Grundpfeiler jeder Chewra-Kadischa sind, welche aber auch die gleichen sind, wie sie auf sozialem Gebiete unserem allgeliebten Monarchen als Leitstern auf seinem so segensreichen Lebenswege voranleuchten. Die Chewra, im Sinne ihrer Tradition, ist die Verkörperung des Friedensgedankens, der Gerechtigkeit, der Gleichheit, sie erweckt in ihren Mitgliedern das Gefühl der Brüderlichkeit, der Vereinigung zu gemeinsamem Wohltun, insbesondere an allen Leidenden. Und dies sind auch jene Ziele uyd Idealewelche insbesondere auch auf sozialem Gebiete unserem wie einen Vater verehrten Herrscher vorschweben. Ein fester Hort des Friedens, unermüdlich um die friedliche Entwicklung seines Reiches besorgt, mit seinem väterlichen Herzen jedem Bürger dieses völkerreichen Staates in gleichem Wohlwollen zugetan, ein unerschütterlicher, gerechter Hüter der Gesetze, maßgebend und aufmunternd im Wohltun, dem jeder freudige und jeder traurige Anlaß nur eine neue Gelegenheit bietet, seinem Volte neue Wege der sozialen Fürsorge vorzuzeichnen, ist Kaiser Franz Joseph!, zugleich ein Musterbild und Beschützer für alle jene edlen menschenfreundlichen Bestrebungen, deren Pflege seit uralten Zeiten das Ziel der Chewra-Kadischa, die Aufgabe der jüdischen Gemeinschaft bilden. Geehrte Versammlung! Mit inniger, kindlicher Freude klammern wir 'uns heute an jedes beruhigende Wort, das uns Bericht über eine Besserung im Befinden unseres geliebten Kaisers bringt. Mit Dankgebet auf den Lippen -nehmen wir jedes solche Wort entgegen, hoffnungsvoll ^vertrauen wir gleich allen Völkern dieses Reiches, daß es unserem geliebten, erhabenen, gütigen Monarchen noch lange, lange Jahre beschießen sein möge, sein segensvolles Herrscheramt zu üben. Und diesen aus dem Herzen quellenden Wunsch lassen wir heute wie immer ausklingen in dem Rufe: Unser erhabener, gütiger, gerechter Kaiser Franz Joseph I. gesunde und erstarke, unser Kaiser lebe hoch, hoch, hoch! Die Versammlung hatte sich während der Rede von den Sitzen erhoben, jeden einzelnen Satz mit Begeistegeisterüng akklamiert und die Kapelle intonierte nach Schluß der Rede die Kaiserhymne, welche die gesamte Festversammlung mitsang. Unter stürmischer, begeisterter Zustimmung der Versammlung würde sodann über/Antrag des Präsidenten der Chewra-Kadischa, Herrn Salo C o h n, beschlossen, folgendes Huldigungstelegramm an den Kaiser, abzusenden. „Die aus Anlaß der hundertfünfzigsten Wiederkehr d>r Gründung der Wiener Chewra-Kadischa,: Verein für fromme und wohltätige Werke, im großen^ Wiener Konzerthaussaale zu, einem fesllichen Brudermahl. versammelten Vertreter der Wiener Judenschaft erlauben sich den ehrerbietigsten Ausdruck ihrer unerschütterlichen Liebe und Treue zu Euerer kaiserlich und königlich Apostolischen Majestät geheiligten Person auf die Stufen