Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 18 Seite 305 Dr. Blochs Wochenschrift. Vor einigen Tagen, es war am Montag, hatte ich Gelegenheit, den imposanten Feftzug, den die Bürger von Zürich zu Ehren der Einweihung der neuen Universität veranstalteten, zu sehend Die Aufzüge zeigen uns die Nationen, die uns besonders Wissenschaft und Kultur gebracht haben. Zuerst die Egypter, die Babylonier und Israeliten, später die Griechen, Römer, Araber. Gestatten Sie mir die Einleitung des Textes über unsere Glaubensgenossen im Wortlaute vorzulesen: „Im Einflußbereich der babylonischen Kultur siedelt sich in Palästina um 1300 das Volk der Söhne Israels an und entwickelt, zunächst wenig beachtet, in seinem Schoße die Religion des sittlichen Monotheismus, aus der dann Christentum und Islam hervorgegangen sind. Unser Zug versucht ein Bild davon zu geben, wie sich im Volke Israel diese Religion aus niederen Anfängen zur reinen Höhe entfaltet hat und dann zur Gesetzlichkeit geworden ist." Es folgen dann die Bilder aus unserer Geschichte, und der Text schließt mit den Worten: „Seitdem ist Freude am Gesetze das Wesen des Judentums geblieben." ' Die Freude am Wohltun, geehrte Herren, waren die Worte, mit denen unser gütiger Monarch die Delegierten unserer Judengemeinden an seinem sechzigsten Regierungs-Jubiläum begrüpre. Freude am Wohltun! Freude am Gesetze! Das sind ja die Symbole unserer Chewra-Kadischa! In diesem Zeichen haben wir uns heute hier vereint, um im Sinne unserer Vorfahren dieses schöne Fest zu feiern. Und so wollen wir auch in ihrem Geiste fortfahren, Werke der Wohltätigkeit zu üben- Trauernde zu trösten, Leidenden, Armen und Unglücklichen beizustehen. Seien Sie uns, geehrte Herren und Brüder, heute herzlichst willkommen! Nachdem sich der Beifall gelegt hatte, sprach der Dramaturg des Deutschen Volkstheaters, Heinrich Glücks mann, den von ihm zu diesem Anlasse verfaßten > H'rokog zur Feier des 15O jährigen Bestandes der Chewra- Kadischa in Wien. In dieser festgeweihten Iubelstunde, Die hundertsünzig Jahre eines Wirkens Des selbstlos reinsten Liebesdienstes feiert, Senkt sich der inn're Blick in ferne Zeiten, In Zeiten, die umdüstert und verklärt Vom Martertum und Ruhme uns'res Volkes. . . . Die „Auserwählten" sind wir zubenannt. Zum heil'gen Leide, das die Herzen läutert, Die Seelen stärkt und milde Weisheit reift, Zum Dulderschicksal sind wir auserwählt Seit ewig langen Tagen, seit die Krone, Die schimmernde, von Judas Haupte fiel .... Lichtblicke gab's, die — wie mit Zauberbildern Der Tücke Geist der Saham dem Wand'rer — Uns frohe Wandlung heuchlerisch verhießen. Doch ihrem goldinen Ausblitz folgte Nacht, - Die schwärzeste, die höllentiesste Nacht, Und jedes flüchtige Morgensonnemeuchten Verfegte wilden, wüsten Sturmes Tosen. Auch jene stolze Heldenrenaissance, Da das Tyrannenjoch der harten Römer Tsas gottgeschweißte Wunderschwert Bar Kochb a's, Des Kriegers im Messiasschimmer, brach, Auch dieser kühne Aufschwung uns'rer Kraft, Der schier Erweckung schien zur alten Glorie, Zu Macht und Herrschaft, Glanz und Herrlichkeit. War nur Fata Morgana-Trug, ein^ Traum, Ein Märchentraum, aus dem das Schicksal Zu schnell, ach! unser Volk mit gist'gem Hohne Iu grause Wirklichkeit zurückgeschleudert .... Die Felder, die der Sieg schon überjauchzte. Die düngte jetzt in tausend üpp'gen Strömen Bar Kochba's edles Biut und se.ner Treuen, Der Tapfern all', die Hadrians Kohorten, Die zehnfach stärkeren, auf's Haupt geschlagen, In Flucht, Verzweiflung und in Tod gejagt, Bis daß die Loderflamme ihres Mutes Und ihres Selbstvertrauens Altarglut Erlosch im kalten Hauch des Hungerdämons, Der ihre Muskeln, ihre Sehnen lähmte Und ihre Leiber vor die Lanzen warf Und vor den Mörderhuf der Panzerrosse .... Zu Haufen türmten sich die Heldenleichen, Eefältt im heil'gen Kampf um's Lebensrecht, Und Geier hackten ihre scharfen Schnäbel, Hyänen und Schakale ihre Zähne Ties in das Fleisch der Hingeschlachteten, Der Hungergier der Bestien ausgeliefert Durch das Gebot des rachewüt'gen Cäsar, Der die Bestattung in ein ehrlich Grab Bedrohte mit dem martervolisten Tode. Und dennoch, dennoch fanden Brave sich, Die trotzend des Bedrückers Zorn, die Brüder — Fast vor den Augen der bestallten Wächter Heimtrugen, sie mit priesterlichem Segen Der Mutter Erde an die Brust zu betten. Das unheilvoil.te Schlachtfeld wurde denn Eeburtsstatt jener edlen Brüderschaft, Die eine heilige wohl sich heißen durfte, Und unter Patenschaft des Todes selbst Trat die „Chewra-Kadischa" so in's Sein. Das Sterben zu erleichtern, Heimgeschied'ne Nach Väterweise würdig zu bestatten, Das war vorerst die Mission des Bundes. Dann wandte er den Lebenden sich zu, Des Schicksals Schmerzenskindern, Opferdienst An den drei mächt'gen Tempelsüuien tuend; Daraus das Judentum gegründet ruht. Versenkung in die Lehre Gott-Erkenntnis Und treue Uebung wahrer Menschenliebe. Denn einen Wegeweiser baut vor uns Der Blick in Gottes Wort und Gottes Wesen, Den Weiser in den Himmel wahrer Liebe, Zu dem die Tat allein als Leiter führt .... Die große Zeit Bar Kochba's ist vorbei, Die Ketten Roma's sind schon längst zerborsten, Und uns're Toten finden stille Gräber, Doch für die Liebe gibt's genug zu tun, Und auch nach hunderfünfzig Arbeitsjahren Darf unser heiliger Verein nicht rasten. So lange Kranke wimmern, Arme weinen, Muß er die guten Willens sind, vereinen Mit seiner Gottesweihe hehrer Stärke Zur schönsten Frömmigkeit: zum Liebeswerke. Wir kämpfen gegen Elend, Leid und Not, So lang' die Kräfte nicht zerbricht der Tod. Das kling' drommetenmächtig in die Runde Aus dieser festerles'nen Iubelstunde! Nun sprach Oberlantor Don Fuchs den traditionellen Segensspruch vor der Mahlzeit, und das Festmahl begann. Nach dem zweiten Gange erhob sich der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Alfred Ster n, um den Toast auf den Kaiser auszubringen. Toast auf Seine Majestät den Kaiser Präsident der Kultus gemeinde Dr. Alfred Stern: „Geehrte Festversammlung! 150 Jahre inr Dienste der Nächstenliebe! Ein erhebender Gedanke, der alle jene, die heute der ehrwürdigen Brüderschaft angehören, mit freudiger Genugtuung erfüllen darf, ein glanzvoller Be-? weis dafür, daß die Traditionen der Brüderlichkeit, der Nächstenliebe und der Pietät sich in der Wiener Judenschaft bis in unsere Tage in unverminderter Stärke erhalten haben und daß in den Herzen der heutigen Generation noch dieselben Gefühle leben, welche die Gründer unserer Brüderschaft beseelten."