Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 302 ' ' ~ ' ®r. BI»«, W»«ms«rlft. «r. 1* Und so wie wir nach Abschluß eines Buches, bevor wir’s in die Welt ziehen lassen, ihm noch zuvor ein Geleitwort mitgehen, in dem wir das Ziel, das Ideal bekennen, das uns bei Abfassung des Werkes vor Augen schwebte, um es dann der Kritik zu überlassen, unsere Leistung an diesem Ideal zu messen, — so wollen auch wir heute unser Psalmbuch, diese 150 Kapitel Chewra -Wirkens, damit beschließen, daß wir uns die Idee und die Aufgaben vergegenwärtigen, die das Wesen der Chewra-Kadischa bilden, um dann zu prüfen, inwieweit unsere Chewra dieses Wesen sich bewahrt und dieses Ideal verwirklicht hat. I. Andächtige Versammlung! Eine alte sinnige Erzählung will erklären, wie rote Rosen und weiße Lilien entstanden sind. Ein Herz, so heißt es da, ein weiches Menschenherz hat einst geblutet, und diesen warmen roten Tropfen entsproß, als sie die Erde berührten, eine rote frische Rose. Und ein Auge, ein sanftes Frauenauge, hat einst geweint, und aus diesen silberhellen Tränen erblühte, als sie den grünen Plan benetzten, lieblich leuchtend eine weiße schlanke Lilie. Der biblische Schöpfungsbericht erzählt nur, wie die Kräuter und Gräser und Kttrr geschaffen wurden und die Fruchtbäume »-D ppaber nicht wie Rosen und Lilien in die Welt kamen und all der Blumen buntes Farben,- spiel. Auch im Paradiese wuchsen nur -*t3l “itrj pp b~Xtib „Bäume, lieblich zu schauen, mit schmackhaften Früchten“; duftende Rosen werden nicht erwähnt. Als aber Adam das Paradies verlassen mußte, da wurde sein Herz von Leid Zerrissen, so daß es blutete, und aus diesen Blutstropfen seines wunden Herzens, als sie die Erde berührten, wuchs die Königen aller Blumen empor: eine blutrote, vollblättrige, duftende Rose. Und so wie sein Weib, die Allmutter Eva, in Tränen ausbrach', da erstand aus diesem perlenden Tau die keusche, Zarte Lilie. ' Es ist ein tiefer, ernster Gedanke, der sich in die poetische Erzählung kleidet. Ein Satz kurz und schlicht, aber wert, daß wir ihn uns tief in die Seele prägen: Dem Leid entsprießt Schönheit. Wie das geschieht, wie sich Fluch in Segen, wie sich menschliche Erniedrigung in einen Triumph1 des Menschentums verwandelt, durch welche Macht Tränen des Leides sich zu anmutigen Blumen gestalten, — das Judentum hat das seine Bekenner von jeher ahnen lassen. Leid erzeugt Mitleid, Mitleid aber offenbart die erhabenste Schönheit der Menschenseele. Die Tränen des Leides sind heilige Saaten, denen köstliche Blüten entsprießen. Die wunderbarste aber und herrlichste, die ihnen entkeimt und sich farbenreich und duftend entfaltet, das ist das Mitleid, ist die menschliche Barmherzigkeit, die teilnehmende Liebe, die die Herzen Zu einander führt und in den Tiefen unserer Seele jene Regungen auslöst, die eine Offenbarung des Göttlichen in der Menschennatur sind. Leid und Kummer, sie waren treue Begleiterinnen unseres jüdischen Volkes seit seiner Wiege, auf seiner wunder¬ und wechselreichen Wanderung durch die Jahrtausende. Aber so reich und überreich auch das Leid unseres Volkes , war, dessen Söhne und Töchter Zu Tausenden und. aber Tausenden als Märtyrer ihi' Leben aushauchten mit dem Bekenntnisruf: Schfema Jisroel! —,, noch reicher war das jüdische Mitleid, das sich voller Teilnahme, in instinktiver, unwiderstehlicher Herzensregung jedem Menschenleid widmet, sich jeder leidenden Kreatur Zuwendet. Und die Verkörperung dieses jüdischen Mitleides, das ist die Chewra-Kadischa. In unserem ganzen jüdischen Kulturkreis gibt es nicht eine Erscheinung, die mit dem Kern des Judentums inniger verwachsen, so echt jüdisch-bodenständig wäre, wie die Chewra- Kadischa. Wesenseins ist sie mit dem Judentum wie Blume und Wurzel. Wo aber die Schönheit einer leidgeprüften Seele sich lilienrein und duftend im M i 11 e i d entfaltet, wo Taharo. und Zedoko, Lauterkeit und Liebe, diese Prächtblüten der Chewra-Kadischa,rQTin ' j - r:: l.s aus dornigem Düster in ihrem milden Glanz aufleuchten und ihren Duft verbreiten, dort büßt selbst der Tod seine Schrecken ein. Als Mose, erzählen’ die Weisen, durch die Pforte des himmlischen Palastes trat, da eilten mit freundlichem Gruße die Engel auf ihn zu und jeder enthüllte ihm sein Geheimnis, .den ihm anvertrauten Schlüssel in der Verwaltung des Kosmos, in der Leitung der Welten. Auch' der Todesengel blieb nicht zurück, rrtopn niv lb irö man P)Xi Er lieferte dem göttlichen Manne das Geheimnis aus, dem tätlichen Streich seines Schwertes die Kraft zu hemmen, er offenbarte ihm rröpn “nc „das Mysterium des heiligen Räucherwerkes“. Man hat viel darüber nachgedacht, welcher tiefere Sinn in diesem „Mysterium des Räucherwerkes“ verhör - gen sei. Offenbar enthält dieses Symbol den Hinweis, daß so wie beim Weihrauch, wenn wir den brennenden Stoff, das Gewürz selbst entfernen, der erquickende Duft nicht weicht, nicht schwindet; der Wöhlgeruch nicht flüchtet, wenn der Weihrauch längst entschwunden, nicht mehr da ist — daß so auch der Segen eines edlen Menschenlebens nicht schwindet und nicht verloren geht und ist auch längst sein irdisch Teil der Mutter Erde Zurückerstatteh Vor dem geistigen Auge unseres größten Propheten streifte auch der Engel des Todes seine grausigdüstere Gestalt ab, er enthüllte ihm, daß er durchaus nicht das lebenhassende und leben zers törende Element sei, das Schreckbild, als das er seinem traurigen Amt gemäß jener Phantasie der Menschen vorschwebe, sondern so wie beim Verbrennen edlen Gewürzes der Wohlgeruch des Weihrauchs frei wird, so bringe auch die Zerstörung, die der Tod in die Häuser der Menschen trägt, die zartesten Regungen, des Gemütes zur Reife. Und wie die Duftwellen des rrtsp dem in Feuersglut sich verzehrenden Gewürz entströmen und sieh zu köstlichem 'zartem Aroma wandeln, so entfesseln auch Gram und Kummer in unserer Seele in uns selbst bisher unbekannte Kräfte, die edelsten Gaben und Gefühle. Der balsamisch et Duft, des Mitleids entquillt der Seele, die sich in Trauer und: .'Leid verzehrt. II. Und welch ein herrlicher, echt priesterlicher Beruf im Dienste des Mitleids, das brennendes eigenes Leid in uns ausgelöst, fremdes Leid und fremden Schmerz zu lindern, — mit dem mt£p des Trostes, der beratenden Hilfe, mit mildem Zuspruch aus mitfühlendem Bruderherzen einzutreten in ein Trauerh'aus! Welch erlesenes Amt, am Heiligtum der schönsten aller menschlichen Tugenden: des Mitleids, dieses stille, würdige, weihevolle Wirken der Chewra- Kadischa! - - .Heilig rnt3p isi. es, wenn dort, wo das Leid eingekehrt, wo der Fittich' des Todes Trauer über die Herzen bereitet, wenn dort einen ersten Lichtblick in das Düstere des Hauses hineinträgt diese lil'eureine, selbstlose, treuherzige Bruderhilfe der Chewra; sie, die uns allen, gleichviel ob arm oder reich, sofort zur Seite steht in den bittersten Stunden, da wir uns einsam und verlassen, allein auf der Welt, vom Leben vergessen fühlen; wenn wir aus den Rosenblüten herzlicher Teilnahme der Chewra Trost und neue Hoffnung atmen, zum erstenmal aufatmen unter der Wucht des Leides, das uns den Himmel über unserem Haupte und unter den Füßen den Boden rauben will; wenn die Chewra uns die schmerzlichste aller Sorgen, wenn sie die Sorge um die sterbliche