Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 300 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 18 belaufen sich mit den Neuamneldungen für 1914 bereits auf 185.000 Mark. Zu den regelmäßigen Jahresbeiträgen kamen eine Reihe von Schenkungen, die im Jahre 1913 200.000 Mark betrugen. Mit diesen Einnahmen steht der Hilssverein an der Spitze aller jüdischen Institutionen in Europa. Die regelmäßige Tätigkeit des Hilfsvereines, die Unterhaltung und der notwendige Ausbau des Schulwerkes in den Ländern des Balkans und des Orients und das Hilfswerk für die Glaubensgenossen im Osten und für die Auswanderung erforderte allein jährlich eine halbe Million Mark. Im Jahre 1913, wo das Balkanhilfswerk besondere Anforderungen stellte, erreichten die Ausgaben rund die Höhe von einer Million Mark. Das lSchulwerk des Hilfsvereines umfaßt gegenwärtig 44 Anstalten mit insgesamt rund 7000 Schülern. Am Schluß des Jahres 1913 wurde in Palästina der Versuch gemacht, den Hilssverein und seine Tätigkeit auf dem Gebiet der Schule zu einer einseitigen Tendenz zu zwingen und seine dortigen Anstalten gewaltsam in Bahnen zu drangen, die zu anderen Zielen führen, als die seinigen sind.- nämlich der jüdischen .Jugend des Orients durch eine sorgfältige, traditionell jüdische, religiöse und wissenschaftliche Erziehung, bei ausgiebigstem Unterricht in der hebräischen Sprache und zur Verbindung mit Europa des Deutschen, ein wirtschaftliches und kulturelles Fortkommen zu ermöglichen. Das Schulsystem des Hilfsoereines ist unerschüttert aus diesem ausgezwungenen Kampfe hervorgegangen. Für das Schuljahr 1914/15 ist vom Hilfsverein eine neue Mädchenschule in Jaffa ins Leben gerufen worden. Für das Schulwerk einschließlich Grundstückerwerb, Bauten und Renovationen wurden im Jahre 1913 294.000 Mark aufgewandt. Neben dem regelmäßigen Hilsswerk für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien, Rumänien und Rußland erwuchs dem Hilfsoerein im vergangenen Jahre die besondere Aufgabe, den unglücklichen Opfern des Balkankrieges die nötige Hilfe angedeihen zu lassen. 'Im Aufträge der jüdischen Hilfsgesellschaften reiste eine Delegation, der vom Hilfsverein die Herren Dr. Paul Nathan und Dr. Kahn angehörten, noch während der Kämpfe nach dem Kriegsschauplatz, um den bedrängten Glaubensgenossen Hilfe zu bringen. Bisher sind für die Opfer des Balkankrieges von den jüdischen Hilssgesellschaften rund 1 Million Francs ausgegeben worden, davon wurde die Hälfte durch den Hilfsverein der deutschen Juden den. Bedrängten zugeführt. Im besonderen gilt es nun wieder, Witwen, Waisen und Invaliden zu versorgen. In Rußland war, wie rm Bericht weiter ausgeführt wurde, im vergangenen Jahre die Lage der Juden, was kaum noch möglich erschien, noch schlechter. Das Wohnrecht wird immer noch mehr eingeschränkt, so daß jährlich viele Tausende Juden von ihren Wohnsitzen vertrieben und zur Auswanderung gezwungen werden. Durch die S ch i k a n i e r u n g ist auch das freie Wohnrecht das den Handwerkern gewährt ist, ziemlich illusorisch geworden; auch den jüdischen Soldaten, die im letzten Kriege gedient haben, sucht man es zu beschränken. Die Berufsbeschränkungen gehen von Jahr zu Jahr weiter. Man macht auch jetzt den wenigen Anwälten, dene^ ausnahmsweise das Amtieren noch gestattet war, den Garaus. Der kulturelle V e r n ich tu n g ska m p f, den die russische Regierung gegen die Juden durch eine erdrosselnde Vildungsbeschränkung, die berüchtigte Prozentnorm, führt, die sogar auch aus die Erlernen ausgedehnt worden ist, ist jetzt noch verschärft worden, dadurch, daß die Ausnahme der jüdischen Schüler nicht mehr nach Zeugnis und Ergebnis der Prüfung stattsinden, sondern daß das Los entscheiden soll. Der Beilis-Prozeß, dessen für den Angeklagten günstiger Ausgang nur durch stärksten Protest der Kulturwelt gegen ungesetzliche Vergewaltigung erzielt wurde, zeigte deutlich die furchtbaren Ziele und die furchtbaren Mittel der russischen Regierung gegenüber den Juden. Die Auswanderung ist unter diesen Verhältnissen die einzige Möglichkeit der Erlösung aus dem russischen Elend. Die Mitteilung des Vorsitzenden Dr. James Simon, daß drei Mitglieder eines Grenzkomitees, die weiter nichts taten, als daß sie ihren bedrängten Glaubensgenossen Hilfe zuteil werden ließen, verhaftet und nach Sibirien verbannt worden seien, rief große Entrüstung hervor. Dr. Paul Nathan gab dann noch auf Grund eigener Beobachtungen eine interessante Darstellung der Lage der Juden aus dem Balkan. Er gab dem Wunsche Ausdruck, man möge das Interesse in erster Linie den Juden zuwenden, die durch den Friedensschluß aus der bulgarischen Freiheit in die rumänische Knechtschaft gekommen seien. Die rumänische Regierung verspreche zwar alles, halte aber die Versprechungen nicht. Die gesamte gesittete Welt müsse sich daher gegen das den rumänischen Juden zugefügte Unrecht wenden. Dr. Nathan beschäftigte sich dann nochmals mit den Schulen in P alä stin a. Er forderte dazu auf, daß alle jüdischen Organisationen, gleich welcher politischen Richtung, gemeinsam wirken sollten. Nur dann sei das erstrebte Ziel zu erreichen. Der gleichen Ansicht gab Rabbiner Dr. Werner- München Ausdruck und auch einer der Führer der Zionisten, Dr. Handke, mahnte zum Frieden. Nach der Entlastung der Verwaltung und der Wiederwahl der ausscheidenden Ausschußmitglieder schloß Dr. Simon die Versammlung. Auf den Spuren des Mörders Juschtschinskis. Der bekannte ehemalige Chef der Kiewer Geheimpolizei, Krasowski, welcher im Beilis-Prozeß eine so wichtige Rolle spielte, indem er den Beweis führte, daß der oder die wirklichen Mörder Juschtschinskis in der berüchtigten, von der Polizei so stark begünstigten Vera Tscheberiak und ihrer Bande zu suchen sei, hat seine Nachforschungen noch immer nicht aufgegeben und ist zur Verfolgung der Spuren des Mörders nach Newyork gefahren, wo er dieser Tage ankam. In Newyork lebt nämlich jene Frau Rawitsch, von welcher eine Anzahl von Zeugen im Beilis-Prozesse behauptet hatte, daß sie sämtliche Einzelheiten der Ermordung Juschtschinskis genau kenne und von der Tscheberiak die Mittel erhalten habe, um nach Amerika zu fahren, damit sie der Tscheberiak und ihrem Anhänge in Rußland keine Angelegenheiten bereite. Es wird nun versichert, wie dem „Haint" aus Newyork telegraphiert wird, daß es Krasowski in Newyork gelungen sei, untrügliche Beweise für die Teilnahme der Tscheberiak an der Ermordung des Knaben Jüschtschinski zu erhalten. Krasowski hat übrigens in Newyork auch, in einer Massenversammlung einen aufsehenerregenden Vortrag über den Kiewer Ritualmordprozeß gehalten. Verlogene antisemitische Politik. Unter dem Schlagwort „Die Christlichsozialen und die Steuerschraube" meldet die „Arbeiter-Zeitung": Die Christlichsozialen, die im Parlament und in den Delegationen für den Militarismus immer mit Feuereifer ungezählte Millionen bewilligen und.damit dafür sorgen, daß die Regierung die Steuerschraube immer schärfer anzieht, werden nun wegen der hohen Steuern auch schon von ihren eigenen Wählern bestürmt. Deshalb gingen kürzlich die Herren Weiskirchner, Hoß, Hierhammer und Steiner zum Finanzminister, um Steuerbeschwerden ihrer Wähler vorzubringen und „um Abhilfe" zu bitten. Der Leiter des Finanzminister-iumserklärte sich-bereit/ >,auf Grund konkreter Beschwerden einzugreifen, sie zu prüfen und wahrgenommene Uebelstände zu beheben". Ueber konkrete Beschwerden verfügten natürlich die vier Herren nicht, und so mußten sie sich mit diesem allgemeinen Versprechen begnügen. Für die Steuerdefraudanten, die > durch die Amnestie und die drohende Bucheinsicht zn ehrlichem Fatieren bewogen werden sollen, gab der Leiter des Finanzministeriums den vier Herren folgende Botschaft: Die Fütterung für 1914 kann, wie schon in der Durchführungsordnung und überdies durch ganz spezielle Weisungen des Finanzministeriums erllärt worden ist, auf die Veranlagung für 1913 und frühere Jahre selbst dann keine Rückwirkung ausüben, wenn diese Veranlagung erst nach der Novelle erfolgt sein sollte. Es sind also alle Maßnahmen getroffen, welche es verhindern, daß eine auf das Amnestieversprechsn für 1914 vorgenommene Erhöhung und wahrheitsgemäße Einbekennung des Einkommens irgendwie dazu benützt werden könnte, um nachträglich eine Erhöhung für die Vorjahre vorzunehmen. Es kann nur neuerlich betont werden, daß die Steuerträger von den Amnestiebestimmungen den vollsten Gebrauch machen können, ohne irgend welche abträgliche Folgen ihres Verhaltens in den Vorjahren befürchten zu müssen. Zur Sicherheit hat sich das Finanzministerium Vorbehalten, falls einzelne Fälle irgend einen Zweifel über die tatsächliche Anwendung der Amnestiebestimmungen und der ausdrücklich angeordneten, hiebei einzuhaltenden Grundsätze, ergeben sollten, spezielle- Weisungen und Aufklärungen zu gehen. Hiedurch wird die zugesicherte weitgehende und vollkommen loyale Durchführung der Amnestie gewährleistet werden. - Diese Worte des Ministers bringen die vier christlichsozialen Führer ihren Wählern heim und wollen sie damit glauben machen, daß sie die Steuerträger vor den hohen - Steuern beschützen wollen. Morgen aber reisen die christlichsozialen Delegationsmitglieder nach Budapest und werden dort neuerdings für Dreadnoughts und Kanonen Hunderte von Millionen Kronen bewilligen, damit die Steuerschraube vom Staate noch schärfer angezogen werden muß. So folgen auf die Worte immer auch die Taten.