Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 298 Dr. Bkochs Wochenschrift. Nr. 18 gelöst worden. Den einzigen Schritt zu Gunsten der rumänischen Juden hat der wirkliche Hort der Freiheit, hat Amerika getan und das auch nur, um den Strom der unerwünschten, weil armen Einwanderer einzudämmen. Nun aber ist vielleicht doch die Gelegenheit gekommen, dem schwer mißhandelten Recht Geltung zu verschaffen, da Rumänien für seine neuen Gebiete neue Versprechungen gegeben hat, ohne sie zu halten. Das ist eine Angelegenheit, in welcher Oesterreich-Ungarn als eine Vormacht des Balkans wohl ein ernstes Wort zu reden hat, wenn an stiven vorgegebenen Missionen auch nur ein wahres Wort ist. Als einem angeblichen Freund Rumäniens wird es dem Grafen Berchtold wohl leicht sein, in Bukarest Vorstellungen über eine Schmach des Jahrhunderts zu erheben und den rumänischen Juden Erleichterungen zu verschaffen. Wenn nicht aus menschlichen Rücksichten, so doch wenigstens als volkswirtschaftlichen Freunden der Monarchie. Gras Berchtold hat sich allerdings schon einmal geweigert, einen solchen Schritt zu tun. In der ungarischen Delegation interpellierte ihn Graf Karolyi und forderte ihn auf, den Artikeln 43 und 44 des Berliner Vertrages Geltung zu verschaffen und die Juden in den neuen Gebieten Rumäniens zu beschützen. Der Minister des Auswärtigen antwortete, daß bei allem Interesse für die religiöse Gleichberechtigung für ihn kein Interesse bestehe, in dieser Angelegenheit die Initiative zu ergreifen. Eine sehr kühle Antwort für einen Mann, der Europas Geschicke mitbestimmen soll, wenn es sich um das unerträgliche Leben von 300.000 Menschen handelt. Als Albanien mit seinen halbwilden Bewohnern in Frage stand, hat sich sein mitleidiges Herz jeden Augenblick gerührt und für jeden mißhandelten Schützling wurde die ganze offiziöse Presse aufgeboten. Da hat er keinen Augenblick gezögert, die Initiative zu ergreifen, auch wenn man befürchten mußte, daß daraus ein furchtbarer Waffengang entstehen könne. Mehr als eine Viertelmilliou Juden lassen aber diesen feudalen Herrn ganz kalt, obwohl es sich um nichts mehr handelte als um mehr oder minder freundschaftliche Vorstellungen. Die Rumänen würden doch nicht wagen, ihre ganze Grausamkeit zu entfalten, wenn eine oder die andere Signatarmacht des Berliner Vertrages mit einer moralischen Mahnung käme, die Europa sich selbst, wenn nicht den Juden schuldig ist. Hoffentlich findet sich aber doch noch in den Delegationen jemand, der die Bequemlichkeit des Ministers stört und der Stimme des Gewissens Ton und Ausdruck gibt. Es gibt Delegierte, welche als Abgeordnete mit jüdischen Stimmen gewählt sind. Ob es nun Gründe der Vernunft oder des Gefühles sind, mögen sich die Delegierten bewogen fühlen, den Dank von hunderttausenden Menschen zu verdienen, welche mit Weib und Kind in Elend und Barbarei schmachten und Europa um Erlösung flehen. Vielleicht ist es doch möglich, daß einmal aus der Politik eine edle Tat entsteht. Rumänien. Aus dem Jahresbericht der Wiener Israelitischen Allianz. (Schluß.) Als die Gefahr vorüber war und der rumänische Staat mit seinem unter so kräftiger Mitwirkung der Juden bei der Entfaltung der Kriegsmacht vergrößerten Territorium eine dominierende Stellung auf der Balkanhalbinsel gewonnen hatte, wurde es auf einmal wieder still mit bezug auf die Rechte der Juden. Ja, man scheute sich nicht zu erklären, die jüdischen Freiwilligen seien überhaupt nur irrtümlich zugelassen worden,, in den Krieg zu ziehen.*) Herr Maiorescu und seine Ministerkollegen ließen *) Die Namen folgender jüdischer Soldaten wurden vom rumänischen Kriegsministerium in den Listen der als Opfer des Krieges Gefallenen bekanntgegeben: Dr. Hermann Salomon; Ilie Rudolf vöm 80. Jnf.-Reg.; Leiha Michel vom 13. Jnf.-Reg.; I. Menasse vom 8. Iäger.-Reg.; Leib Kahane vom 14. Ins.-RegJ auf einmal in den rumänischen Blättern eine Menge Argumente gegen die Verleihung der Bürgerrechte auch nur an die vom Kriege zurückgekehrten Israeliten verbreiten. Das ganze Land sei angeblich entschieden dagegen und man müßte erst die öffentliche Meinung vordereren. Es sei vorzeitig und gefährlich, die Juden in das politische Leben etntreten zu lassen, bevor der gesamten Bevölkerung das allgemeine Stimmrecht gewährt worden sei. Es sei zu fürchten, daß die Juden als Bürger zu viel Landbesitz erwerben würden. Die Gewährung der Rechte würde eine Masseneinwanderung von Juden aus Rußland nach sich ziehen. Neben derartigen gewissenlosen Vorwänden, welche von der Regierung in ähnlicher Weise schon vor dreißig Jahren bei der Unterschlagung der vom Berliner Vertrag stipulierten Emanzipation vorgebracht wurden, tauchten in den Reden der führenden Politiker und in den einflußreichen Blättern immer heftigere Angriffe gegen die Juden auf, weil sie die „Impertinenz" haben, ihre bürgerlichen Rechte zu verlangen, insbesondere gegen die Vereinigung der im Lande geborenen Israeliten, weil sie durch Kundgebungen und Bittschriften unausgesetzt für die Emanzipation agitiere. Von der liberalen Partei wurde die rumänische „Kulturliga", eine Organisation, welche ursprünglich zum Ziele hatt?, das rumänische Nationalbewußtsein außerhalb des Landes zu fördern, zu einem Herd der antisemitischen Agitation gemacht. Der Präsident dieser Liga, Virgil Arion, der sich selbst früher einmal zugunsten einer gerechten Lösung der Judenfrage ausgesprochen hatte, hielt am 3. November eine salbungsvolle Rede, in welcher er auf die Rückständigkeit der autochthonen Bevölkerung, auf die Armut und Unbildung unter den Bauern hinwies und die Juden zynisch aufsorderte, sich dadurch als gute Patrioten zu erweisen, daß sie den Kampf um ihre eigenen Rechte fallen lassen und nur die „großen Probleme" der Demokratie und die sozialen Reformen im Auge behalten, für welche er und seine Genossen kämpfen. Erst wenn alle Reformen durchgeführt fein werden — also am Ende der Zeiten —, da würde man von den elementaren Bürgerrechten der im Lande geborenen und den mit ihrem Blute für das Vaterland eingetrctenen Israeliten sprechen können! In der rumänischen Akademie hielt Professor I o r g a einen gegen die Juden gerichteten Vortrag, in dem er den Nachweis versuchte, daß sie erst seit dem 17. Jahrhundert sich dauernd an der Moldau niedergelassen Haben — als wenn vom Standpunkte des modernen Staates die langjährige Seßhaftigkeit einer Kategorie von Bürgern und die Erfüllung Mer staatsbürgerlichen Pflichten nicht an sich genügM würden, um die Bürgerrechte zu sichern. Am schwersten war die Enttäuschung mit bezug auf die Gleichstellung der Juden in dem durch den Buka- Leo Silbermann vom 13. Ins.-Reg.; Abraham Kahane vom 25. Ins.-Reg.; Samuel Moscou vom 29. Jnf.-Reg.; Voruch Eershin vom 8. Iäger-Meg.; Joses Moisebeno, Markus Leibu und G. David vom 4. Artilll-Reg.; Eduard Preißler vom 80. Jnf.-Reg.; Srul Iosub vom 13. Ins.-Reg.; Philipp Abraham vom 1. Artill.- Reg.; Hersch Abraham vom 46. Ins.-Reg.; Markus Feldmann vom 7 Ins.-Reg.; Joel Pino Itzig vom 8. Jnf.-Reg.; Markus Lewy und Markus Zewi vom 41. Inf.-Reg.; David Jlo vom 21. Jnf^-Reg.; Ianko Grotzmann vom 25. Artill.-Reg. und Itzig Eisenseck vom 8. Kavall.-Reg. — Heber die schlechte Behandlung der israelitischen Soldaten während des Feldzuges wurde im rumänischen Blatt „Seara" vom 13. August Klage geführt. Im 77. Regiment hielt der Kapitän Ialoviski Brandreden gegen die unter der Fahne stehenden Juden. Es sind ferner Fälle vorgekommen, wo jüdische Soldaten, die in den Krieg ziehen mutzten, ihre Angehörigen als „Fremde" schutzlos zurü<tzulassen gezwungen wurden. Im Landflecken Crivetz, Distrikt Roman, hatte ein Jude, Witwer und >Vater von drei Kindern, als er in den Krieg einberufen wurde, sein Geschäft seinem Bruder zur Führung übergeben. Dieser wurde .als „Fremder" ausgewiesen, obwohl er selbst zu den Rekruten des Jahres 1914 gehörte.