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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-04-24 · 17 (24.4.1914) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
17 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bkochs Wocheaschrist. Seite 293 ein Gegenstand des Abscheus, aber Marlowe zeigt doch schon ein gewisses Verständnis für die Psyche des Juden. Er legt dem Helden tiefe sozial-ökonomische Gedanken in den Mund, die geradezu das Geheimnis modernistischer Wirtschaftspolitik in sich schließen; auch ist der jüdische Familiensinn in der Liebe des Helden zu seiner Tochter sehr charakteristisch beobachtet. Der „Jude von Malta" war aber eigentlich nur eine Art Vorübung zu dem größten Judendrama der Renaissance, Shakespeare verfolgte damit ursprünglich antisemitische Tendenzen, da er im Anschluß an ein angeblich von Juden (spanischen Marannen) angezetteltes Komplott den Judenhaß schüren wollte. Das Motiv fand er in einer italienischen Anekdote, die von einer Wette zwischen Christ und Jude berichtete; nur war dort der Mann, der „auf seinem Schein" bestand, ein Christ und der andere ein Jude. Aber die ursprüngliche Absicht Shakespeares, Shylock als Gegenstand der Verabscheuung darzustellen, schlug ihm beinahe ins Gegenteil um. Denn je tiefer er den Charakter Shylocks psychologisch erfassen wollte, desto mehr verbesserten sich — besonders am Schluß -- die ethischen Chancen des Juden. Das, 17. Jahrhundert zeigt uns nur selten jüdische Gestalten auf der Bühne. Racine behandelt zwar in „Esther" und „Athalie" Episoden aus der jüdischen Geschichte, aber spezifisch jüdischer Geist kommt nur in den Chören zum Ausdruck. Erst int 18. Jahrhundert, als ' die nichtjüdische Welt anfing, sich mit dem Judenproblem zu beschäftigen, taucht auch der Jude wieder auf dem Theater auf. Der erste, der ihn dichterisch behandelt, ist Lessing, der als Jüngling von 20 Jahren den Einakter „Die Juden" schrieb. Er geht darin dem Vorurteil, das seine Zeitgenossen gegen die Juden als Nation oder Rasse hatten, sehr scharf zu Leibe. Auf dieses Dramolet, das nie über die Bretter gegangen ist, folgte 30 Jahre später das große Judendrama „Nathan der Weise". Nathan, der Jude, steht als alleiniger Vertreter des Judentums Zwischen den Gruppen der christlichen und islamitischen Mit- und Gegenspieler, und doch ist er der ethisch Ueberragende; er ist der durch Leid geläuterte Mann, dem die gute Tat als Grundlage der Kultur gilt. Dieses Gereiftsein durch Leiden ist typisch für das ganze Judentum, das im Gegensatz zu den Römern und Griechen durch das große Leid nicht zugrunde gegangen, sondern gefestigt worden ist. Es ist um so verwunderlicher, daß Lessing so tief in den jüdischen Geist eingedrungen ist, da er keinerlei besondere Studien über das Judentum gemacht hat. Als Nachwirkung Volt Lessings Nathan, der bald nach des Dichters Tode in Deutschland viel gespielt wurde, setzte bald eine Bewegung ein, die in einer Reihe von Schriften für die Befreiung der Juden von ihrer Ausnahmestellung wirkte. Ein Menschenalter hindurch hielt die judenfreundliche Gesinnung an, aber ltach der napoleonischen Zeit trat wieder ein Rückschlag ein. Die antisemitische Strömung, die sich jetzt besonders gegen die gebildeten Juden richtete, machte sich auf der Bühne bemerkbar. Ein unbedeutender Autor, Sessa, schrieb 1820 eine Posse „Unser Verkehr", in der er das Leben und Treiben der gebildeten jüdischen Kreise persiflierte. (Das waren dieselben feingeistigen Salons, in denen man z. B. zuerst die Bedeutung Goethes erkannt hatte!) Die Poesie fand jahrelang großen Beifall, bis sie 1825 mit der Abnahme der judenfeindlichen Strömung verschwand. Bald darauf trat eine neue Stimmung in bezug auf das Judentum ein: statt des Verlangens, den Juden wie bisher bloß psychologisch zu begreifen, trat der Wunsch auf, seine Geschichte näher kennen zu lernen und aus ihr den jüdischen Geist zu konstruieren. Die jüdische Geschichte erscheint nun auch der nichtjüdischen Welt im Lichte der Romantik. Bendemann malt sein bekanntes Bild von den trauernden Juden in Babylon, Halevy komponiert die „Jüdin", Marschner schreibt die Oper „Der Templer und die Jüdin", kurz und gut, der historische Jude feiert auf allen Gebieten der Kunst. Triumphe. Im Drama war Grillparzer einer der ersten, der der neuen Richtung nachging; er schrieb seine „Esther", kam aber nur bis zum 3. Akt, weil er wahrscheinlich den dramatischen Konflikt nicht weiter entwickeln konnte. Nach einigen Jahren griff er das Problem in anderer Einkleidung wieder auf und schrieb „Die Jüdin von Toledo", ein Trauerspiel, das das Estherproblem mehr von der dunklen Seite behandelt. Hebbel ging in seiner Art natürlich ganz anders an das Judenproblem heran. Als Frucht seiner eingehenden Bibellektüre schrieb er „Judith und Holofernes". Natürlich erweitert er das Problem, wie es seine dichterische Art war, zu einem allgentein menschlichen, aber das rein jüdische Moment ist dabei nicht zu kurz gekommen, namentlich die Vollsszenen sind erfüllt von echtem biblischen Geiste. Das jüdische Interesse hat Hebbel niemals ganz losgelassen: so ist „Herodes und Mariamne" wieder der jüdischen Königsgeschichte entnommen. Selbst in „Genoveva" bringt er einen verfolgten Juden als Episodenrolle hineitt. Ant interessantesten hat er die Judenfrage in dem Lustspiel „Der Diamant" behandelt; die Darstellung ist grotesk-komisch, aber doch typisch für die Art, wie man bis dahin dem Juden gegenüberstand. Aus dieser Epoche stammt noch manches Werk, das hierher gehört, so Otto Ludwigs „Makkabäer" und Gutzkows „Uriel Acosta". Was alle gemeinsam haben, ist der Versuch, den Juden historisch zu begreifen und künstlerisch in eine gewisse romantische Beleuchtung zu rücken. Dann kam eine Zeit, wo der Jude selten wird auf dem Theater, es sind die Jahre, wo sich ihre Emanzipatiott anbahnt und wo man allen jüdischen Problemett geflissentlich aus dem Wege ging. Etwa seit dem Ende der achtziger Jahre scheint diese Scheu überwunden und seitdem lvüchst die Zahl der Judendramen vort Jahr zu Jahr, und ihre Dichter sind fast durchweg selbst Juden. Diese Dramen sind wesentlich verschieden von den früheren; sie nehmen den Juden weder tendenziös, noch historisch, sondern suchen ihn als sozial-psychologisches Problem zu begreifen und schildern ihn meist ehrlich und vorurteilsfrei. Sie beleuchten ihn von den verschiedensten Seiten, mit allett Lichtern, die zwischen Tragik und Komik liegen. In den letzten Jahren haben vott diesen Werken Karl Rößlers „Fünf Frankfurter" den größten Erfolg gehabt, dieses Lustspiel, das eine psychologische Darstellung „der Poesie der Klugheit" bietet. Zwischen diesem jüngsten und dem ältesten jüdischett Lustspiel (dem „Kaufmann von Venedig") bestehen mehr Zusammenhänge als man ahnt. Von Shylock bis zu Rothschild ziehen sich Fäden; nur ist der eine tragisch, der andere komisch genommen, und manches hat sich aus dem Wege von Shylock zu Rothschild ins Gegenteil verändert: während Shylock sich die Haare raust, als seine Jessica des Christen Frau wird, sucht der Frankfurter selbst einen christlichen Gatten für seine Tochter. In den modernen Judendramen hält allerdings die Qualität nicht mit der Quantität gleichen Schritt; ein großes, bedeutendes Drama fehlt uns noch. Möge der Dichter, so schloß Dr. Simchowitz, bald kommen, der das moderne' Judentunt in monumentaler Form auf die Bühne bringt; er braucht das Licht der Welt und der Rampen nicht zu scheuen.

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