Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 275 Ein eigenes Kapitel widmet Frau Nahida Lazarus den Beziehungen ihres Gatten zu dem eben verstorbenen Schriftsteller Paul Heyse, ein Kapitel, das reiche Einblicke gewahrt in das Seelenleben der beiden bedeutenden Männer, die viele Jahrzehnte hindurch in inniger Freundschaft verbunden waren. Begönnert hatte diese Freundschaft 1848, da beide beim alten Heyse Vorlesungen über Sprachwissenschaft an der Berliner Universität hörten. Lazarus, der nachmalige große Psychologe, erzählte später selbst, wie er hier schon das Fehlen der psychologischen Grundlagen empfunden habe. Innige Beziehungen pflegte Lazarus schon zu dem Heyseschen Elternhause und in außerordentlich treuer Weise stand er der Witwe seines Lehrers, besonders nachdem Paul Heyse 1854 nach München übersiedelt war, zur Seite. Von Geburt war sie eine Jüdin und der Sichter schreibt in bezug hieraus: „Wenn ich die Elemente prüfe, aus denen meine Natur zusammengesetzt ist, so finde ich au mir die alte Erfahrung bestätigt, daß uns die Charakteranlage vom Vater, die geistig-sinnliche von der Mutter vererbt zu werden pflegt. Wie ich dieser verdanke, was an phantastischem Vermögen und warmblütigem, sinnlichem Temperament mein eigen ist, so habe ich von meinem Vater, der aus echtestem germanischen Stamm entsprossen war, die Eigenschaften übernommen, deren ein Künstlerleben zu seiner reinen und freien Entfaltung bedarf, die Gewissenhaftigkeit und den Fleiß — seines Fleißes darf man sich ja rühmen — und den unerschütterlichen Trieb zur inneren und äußeren Unabhängigkeit." Eine Tochter des königlich preußischen Hosjuden Salamon Jakob Salamon, hatte sie während einer Blatternkrankheit ein Auge verloren und mit einem spezifisch jüdischen Witz tröstete sie sich über ihr Mißgeschick, indem sie von ihrem „Einspänner" sprach. Dr. Karl Pinn schildert diese geistreiche Dame von unverwüstlicher Frische und Liebenswürdigkeit des Naturells, die an die prächtigsten Gestaltelt des Berliner jüdischen Salons erinnert, und notiert einige ihrer Wortwitze. Als jemand sie zu etwas überreden wollte und sagte: Die Sache ist doch an und für sich sehr angenehm — erwiderte sie: „Ja, aber nicht an und für mich!" — Eilt Bekannter fragte: Ist Herr N. denn eine Jude? — Sie: „Das will ich meinen! Jude , mit Jude gefüttert." — „Die L.'sehen Kinder sehen aus, als ob ihre Mutter sie beim Trödler alt gekauft hätte." — „Ist das Concordiatheater (ein neuerbautes Liebhabertheater) hübsch?" — „Nicht besonders; sehr eng und dunkel." — „Also recht passend für Liebhaber." — Als man sie bei einem muntern Essen, wo viele Toaste ausgebracht wurden, ausforderte, auch eine Tischrede zu halten, sagte sie: „Nein, Kinder, meine Reden sind nicht so schwach, daß sie gehalten werden müßten." Ihr Erstgeborner, Ernst, war geistig zurückgeblieben unb in ihrem Testamente setzte sie Lazarus zu dessen Vormund ein, welches verantwortungsvolle Amt er bis 1866, dem Todesjahre des Unglücklichen, in bei Lazarus selbstverständlich edler Weise verwaltete. Als Lazarus die Berufung als Universitätsprofessor nach Bern erhielt, ries die alte, vereinsamte Witwe aus: „Heute stirbt mir Heyse noch einmal!" In überaus herzlichen Briefen dankt Paul Heyse Lazarus für die seiner Mutter erwiesene Güte. Und diese Güte, unermüdlich, unerschöpflich, ein Grundzug im Wesen von Lazarus, hatte Paul Heyse tausendfach Gelegenheit, Jahrzehnte hindurch auch an sich selbst in der verschiedenartigsten Weise zu erfahren. Dieses Werk der unermüdlichen Schriftstellerin sollte in keinem jüdischen Hause fehlen. Literatur. Heinrich Heines Briefwechsel. Mehr als 58 Jahre nach dem Tode Heinrich Heines ist uns in diesen Tagen das wichtigste autobiographische Werk aus seiner Feder übergeben worden, sein Briefwechsel, das bedeutungsvollste Ouellemverk, aus dem sich die wertvollsten Nachweise für die Betrachtung seines Lebens und Wirkens schöpfen lassen können. Zwar sind schon wiederholt Ansätze gemacht worden, die Briefe Heines in den authentischen Fassungen vorzulegen: aber alle diese Versuche blieben bloßes Stückwerk, sie enthalten mehr oder weniger genaue Auszüge aus den Briefen, aus denen entscheidende Stellen immer ausgeschlossen blieben. Jetzt erst konnte der Wiener Professor Friedrich Hirth nach jahrelangen Vorarbeiten dieses ungemein wichtige Werk in d e r Form vorlegen, die es haben mutzte, uni allen Anforderungen, die man daran zu stellen berechtigt war, zu entsprechen. Aus vielen Hunderten Handschriften, die sich in allen Teilen Europas und sogar in Amerika bei einer Unzahl von Besitzern befinden, konnte Hirth den wirklichen Text der Briese Heines feststellen. Eine Ueberfülle bisher ungedruckten Alaterials gelangt in dem ersten Band des Briefwechsels Heines zum überhaupt ersten Abdruck; es sind ungemein reizvolle Briese, die an Freunde Heines und an seine Verleger gerichtet sind. Aber fast noch wertvoller als diese bisher ungedruckten Briefe ist die durch den Herausgeber erfolgte Festlegung der von Heine selbst geschaffenen Terte in den bisher gedruckten Briefen, die man bisher nur in argen Verstümmelungen kennen gelernt hatte. Gerade wundervollen Einblick in Heines Tätigkeit als Korrespondenten gewinnt man jetzt. Wie prachtvoll präsentieren sich jetzt seine Briefe an die Schwester, an den Schwager, an die Brüder, vor allem an die Mutter! Welch liefen Einblick in das feindifferenzierte Seelenleben Heines gewinnt man jetzt! Sein Gemütsleben, diese am reichsten ausgebildete Seite seiner eigenartigen Individualität, kommt jetzt in den aurhentischen Gestalten dieser Briefe aufs leuchtendste zum Vorschein! Auch seine Hingabe an Freunde erfährt durch die neue Publikation ihre beredteste Illustration, noch mehr freilich der schwere Kamps, in dem Heine sein ganzes Leben verbrachte, das ihm namentlich durch den Verleger seiner Werke, Julius Campe, auf das schwerste verbittert wurde. Diese Briefe an Campe kannte man bisher nur in sehr willkürlichen Abkürzungen; es ist ein bedeutendes Verdienst des Herausgebers, daß er sie sämtlich mit den Handschriften verglich — eine wahrhaft imponierende, höchst fruchtbare Arbeit! — und damit bewies, daß Campe — „der Verleger aller Blüte" — bei dem ersten Drucke dieser Briefe alles ihn Blotzstellende sorgfältig hatte ausmerzen lassen und dadurch die Möglichkeit der Erkenntnis raubte, den Kampf Heines um seine nackte Existenz genau zu übersehen. Nun da wir die Briefe Heines an Campe vollständig kennen, ergibt sich, daß der vielleicht meist gelesene Autor des 19. Jahrhunderts zeitlebens geradezu erbärmlich bezahlt wurde und all die Mühseligkeiten, die er von seinem Verleger erlitten hatte — der freilich durch Heines Werke vielfacher Millionär wurde —, ihm den Anlatz zu manchen Unüberlegtheiten gaben, die von Heines Gegnern immer schadenfroh ausgegrifsen und zu Ungunsten des Dichters ausgebeutet wurden. Der uns vorgelegte Briefwechsel Heines bedeutet demnach eine bedeutsame Ehrenrettung des Dichters; er entwindet dessen Gegnern ihre wirksamsten Waffen und zeigt, datz Heine nur ein gequältes Opfer der Verhältnisse seiner Zeit und der Rücksichtslosigkeit seiner Umgebung war. Ueberhaupt mutz man Hirth das Verdienst zuerkennen, datz er durch die Briefe Heines und die ausgezeichnete Einleitung, die er ihnen vorangeschickt hat, vielleicht eines der wichtigsten Werke der literarhistorischen Forschung seit vielen Jahrzehnten vorgelegt hat. Er erweist sich als der ausgezeichnetste Kenner des Lebens und Wirkens Heines, zeichnet in festen, markigen Strichen die literarische Periode, in der Heine seine unsterblichen Werke schuf, und liefert damit ein Werk, das den höchsten. Leistungen der gesamten literarischen Forschung zuzuzählen ist. Besonderen Wert verleihen dem wundervoll ausgestatteten Band (er gehört zu den schönsten Publikationen des ausgezeichneten Verlegers Georg Müller) die sämtlichen erhaltenen Bildnisse Heines und seiner Korrespondenten. Nicht vergessen darf endlich die Erwähnung der dem ersten Bande, bejgegebenen Faksimiles werden: Man sieht Heines ersten Brief, seinen Bonner Testierbogen und ein in hebräischen Leitern abgefatztes Schreiben seiner Mutter. So vereinigt sich in der Hirthschen Publikation alles, um ihr einen außerordentlichen Erfolg zu sichern. Wer Heine liebt — und wer liebte ihn in Deutschland und Frankreich nicht? —, wird zu diesem Bande greifen müssen, um sich aufs genaueste über den Dichter des „Buches der Lieder" zu orientieren. Man darf den folgenden Bänden dieser anziehenden Publikation mit größtem Interesse entgegensehen und hoffen, datz alle den Erwartungen entsprechen werden, die dieser erste Band verheißt. Ein bedeutendes Verdienst würde sich Hirth fteilich erwerben, wenn er den Briefbänden Heines baldigst eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke folgen ließe. Auch hier scheint — nach den Ausführungen in seiner Einleitung — für Heine noch alles zu tun zu sein. Niemand ist zur Ausführung dieser wichtigen Arbeit berufener, als der Herausgeber dieses Briefwechsels, dieser wertvollsten Gabe, die sich jemals an Heines Namen knüpfte. G. JD. Stromer.;