Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 274 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 16 unter der Waltung der Großmütter. Die Familie meines Onkels war viel zahlreicher als die unserige, aber wir machten schlechthin ein einziges Haus. Die beiden jüngeren Familien hatten zwei getrennte Wohnungen, aber unter demselben Dach; jedoch die Mahlzeiten wurden von uns allen, alt und jung, gemeinsam in der einen gemeinschaftlichen Wohnstube der Großmütter eingenommen. Die Erwachsenen, also Großmütter und Eltern mit den Gästen, wie ich gleich sagen muß, denn es hatte an solchen, besonders an Sabbat- und Festtagen, fast niemals gefehlt, — saßen an dem einen, die Kinder am anderen Tische. Nur an zwei Abenden des ganzen Jahres, am Osterfest, wurden lange Tafeln gerüstet, an denen auch die Kinder, zwischen den Gästen verteilt, sitzen durften. Ich sagte, daß die Großmütter die Besitzer und Führer des Geschäftes waren, das war auch schon bei Lebzeiten ihrer Männer so gewesen; denn diese lagen ihren theologischen Studien ob, gerade so, wie auch mein Vater und sein Vetter — den ich schlechtweg Onkel nennen werde, wie ich ihn als Kind nannte — ihren Studien oblagen und nur gelegentlich zu einer Beratung geschäftlicher Angelegenheit oder Reise heranaezogen wurden. Von irgendeinem Streite zwischen den beiden Großmüttern oder ihren beiden Söhnen habe ich nicht die geringste Erinnerung. Wissenschaftliche Dispute dagegen gehörten bekanntlich bei den gelehrten Juden zur Tagesordnung. Sie würden als Beruf des Lebens wie als höchster Genuß desselben, auch für den Zuhörer, auch für diejenigen, die ihnen nicht folgen konnten, aufgefaßt, — über einen Streit oder gar einen Zank hat mein Ohr nie vernommen. Eine gewisse Eifersucht gab es zwischen den beiden Müttern, wohl besonders, weil meine Mutter als die weitaus Geschicktere, den Großmüttern zur Hand Gehende, sowohl zur Teilnahme an der Wirtschaft als an dem Geschäft wehr gewürdigt wurde. Die Großtante war dabei in ihrem Charakter von der Großmutter sehr verschieden. Jene energisch, weltgewandt, gelegentlich auch heftig, diese innerlich zart, fein, von unendlicher Sanftmut; nur in dem einen, was man Herzensgute nenüt, waren sie einander vollkommen gleich! — Auf meine Erziehung hatte die Großmutter den größten Einfluß geübt, obgleich sie nie direkt in dieselbe eingegriffen hat. Aber ihr sanftmütiges, gütiges und helles Wesen stellte uns von früh an in den Bann guter Sitte. Durch einen Blick, ein Wort veredelte sie uns. Noch höre ich ihre schöne, reine Stimme, wenn sie Psalmen und Gebete, wie sie es liebte, laut psalmodierend rezitierte. Dann schwebte eine Weihe durch die Räume, und ich weiß deutlich, wie manchmal ich als Knabe von elf bis zwölf Jahren von einem Schauer ergriffen wurde, der aus kindlich-schwärmerischer Liebe für sie und einem Anflug von religiöser Schwärmerei gemischt war. Ihr zu widersprechen, sie zu erzürnen, ihr auch nur zu mißfallen, wäre uns unmöglich gewesen; nur, vielleicht am meisten deswegen, haben wir sie oft und viel geneckt, besonders mit ihren übermäßigen Ansprüchen an uns zur Befolgung edlen Anstandes oder seiner Sitten. Und es wirkte ihr Wort, wo es -ganz aus der Sachlage und dem Herzen kam, überwältigend. Eines Tages hatte ich einen Weg für sie gemacht. Aus einer Seitenstraße heraus und auer über die Hauptstraße kommend, war ich in hastigen Sätzen herangesprungen. In derselben Stunde war drüben ein Nachbar gestorben: „Schickt es sich, so über die Gasse zu sagen, wenn Trauer in der Gasse ist?" Es lief mir kalt über den Rücken, und ich hatte eine Lektion fürs Leben erhalten, welche in unendlichen Variationeil anwendbar ist. Eine oft wiederkehrende und besonders liebe Neckerei: Jeden Nachmittag des Freitags mußten wir an einige, am Neumond an mehrere, am Rüsttage der großen Feste an viele Witwen, Alte, Arme und Kranke Geld bringen; das hatte die Großmutter nach der Liste für jeden Empfänger in ein Papierchen gewickelt, obendrauf den Namen geschrieben. Nun besaß aber jedes im Orte seinen Spitznamen, zuweilen einen recht derben. Die Großmutter hatte diesen nicht nur im Schreiben, sondern auch im Sprechen streng vermieden-; wir Jungens aber lasen ihr die Namell laut vor, immer statt des einfachen den Spitznamen; tadelte fie dies dann als eine „Verschautigkci" — gl er pin Gaudium war's, wenn wir sie dennoch einmal zum Lachen bringen konnten; waren die Namen doch oft drollig genug! Ich will zwei meiner frühesten Erinnerungen hersetzen, da sie sich auf die beiden Großmütter, dann aber auch auf einen Mann bezieheil, den ich nur zweimal gesehen izu haben mich erinnere, und dessen Charakterbild doch meine ganze Jugend begleitet hat und mich heute noch mit Ehrfurcht erfüllt. Wenn ich später davon als von einer ganz deutlichen Erinnerung erzählte, hatte mein Vater durch Rechnung festgesetzt, daß ich nicht ganz fünf Jahre alt gewesen war. Aus dem Geschäftsladen der beiden Frauen, sehe ich sie beide an einem hellen Sommernachmittag heraustreten, mich mit ihren Händen in die Mitte nehmend. Hinter ihnen aber wurde der Laden wie zur Nacht völlig geschlossen, und ich sah dann weiter, daß alle Läden in der Gasse geschlossen waren. Das war ein ungewöhnliches Zeichen der Pietät gegen die Leiche eines hochverehrten Mannes, welche soeben dahergefahren wurde. Die Großmütter folgten mit mir der Leiche bis zum nächsten Brunnen (Frauen gingen ' überhaupt beim Leichenbegängnis von Männern nur ausnahmsweise und nur eine kurze Strecke mit), wuschen die Hände und kehrten um. Im Hause und in der Stadt war tiefe Trauer. Das konnte ich als Kind schon merken. Meine zwei Erinnerungen sind also folgende: Wohl einige Wochen, vielleicht Monate vor eben diesem Begräbnistag, an einem Sonnabendnachmittag, nahm mich mein Vater bei der Hand und ich begleitete ihn an das Krankenbett jenes Mannes, des Rabbi Seckel. Wir blieben lange dort. Am Schlüsse rief mich mein Vater heran und ließ mich von den: kranken Manne segnen, und seltsam: üur folgendes aus dem ganzen Bilde steht noch deutlich vor meiner Seele, während ich alles übrige vergessen habe: das Bett stand vor einem Schrank, so daß der Zugang zu demselben versperrt war — daun die freundlichen Augen des alten Mannes, der graue Bart und die dürre Hand, die mich gesegnet hatte. Zweites Bild: Man meldet bei uns, Rabbi Seckel wolle abreisen. An der Hand meines Vaters stehe ich vor dem Hause. Viele Männer umringen einen Wagen — mehrere rüstige junge Männer tragen den alten Rabbi auf ihren Schultern, heben ihn in den Wagen, rücken im Sitz und Polster zurecht, alles nimmt Abschied; zwischen dem Abreisenden und meinem Vater große, herzliche Bewegung. Der Wagen rollt davon. Alle Männer Beten laut. — Aus späteren Erfahrungen weiß ich, daß es der Priestersegen und der 90. Psalm waren, mit denen man dem Abreisenden das Geleite gab. Wenn der Psalm vorüber ist, ist auch gewöhnlich das enteilende Gefährt den Blicken entschwunden. Rabbi Seckel war entfernt, seine Frau näher verwandt 'mit meiner Großmutter, außerdem war sein Sohn mit der Schwester meines Vaters verheiratet. Aber viel mehr als diese verwandtschaftliche Beziehung war die einer unsäglichen Verehrung, welche mein Vater so lange bekundet hat, als er lebte; also über 40 Jahre hörte ich ihn bei jeder Gelegenheit von dem Manne als von einem nahen, vertrauten, innig geliebten und heiligen Manne reden. Psychologisch interessant: noch sehe ich die Ueberröcke, welche beide Großmütter an jenem Tage hastig überwarfen, um der Leiche zu folgen: grünes Zeug mit kleinen, bunten Blümchen.... *