Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Date
- 1914-04-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022106--23052-3048230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Sette 270 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 16 auch die Frage zu behandeln, ob es nicht möglich ist, unbescholtene und alteingesessene jüdische Ausländer hier einzubürgern. Justizrat Breslauer erinnert daran, daß bei der letzten Beratung des Ctaatszugehörigkeitsgesetzes ein Regierungskommissar im Namen des Herrn Ministers des Innern erklärt hat, daß bei Naturalisationsgesuchen die Konfession -des Antragstellers keinerlei Einfluß übe. In den letzten Jahren seien Härten in der Zurückweisung von Naturalisationsgesuchen kaum zu verzeichnen gewesen. Man habe vielfach in Berlin ausländische Juden naturalisiert und selbst in Sachsen sei eine mildere Handhabung zu verzeichnen, es seien zum Beispiel in Chemnitz im letzten Jahre sechs Ausländer jüdischen Glaubens naturalisiert worden. Professor Kalijcher verweist darauf, daß es sich hier nicht um einen Einzelfall, sondern um etwas Allgemeines handle. Man sage, es handle sich lediglich um Polen. Allein in dem hier verlesenen Schriftstück des Herrn Lewinski ist doch die Rede von aus „Russisch-Polen" stammenden Juden. Unsinnig sei es, denjenigen, der Polnisch spricht, für einen Polen zu halten, sprechen doch alle Grenzbewohner die Sprache des Nachbarlandes. Man könne die Sprache daher nur in den seltensten Fällen zum Merkmal nationaler Zugehörigkeit machen. Herr Justizrat Lilienthal ste.lt einen Irrtum richtig, indem er hervorhebt, daß in der entsprechenden Verfügung gar nicht von der Sprache als Merkmal der Nationalität die Rede sei, sondern es heiße dort ausdrücklich, ob sie in Polen geboren und dort zugehörig seien. Der Eemeindevorstand glaubt die Angelegenheit so zu behandeln, daß er den Leuten hilft. Damit schloß die Debatte über die Interpellation. Die unsichere Luge der Juden in Tripolis. Der Oberräbbiner von Verona Dr. Dario Disegni, der ernsteste Kandidat für den Posten eines Großrabbiners von Lybien, ist dieser Tage von einer längeren Studienreise in Tripolis und der Cyrenaica zurückgekehrt. Ueber seine Eindrücke befragt, machte Dr. Disegni die betrübende Mitteilung, daß‘ die soziale und politische Lage der Juden in Lybien sich seit der Jnaugurierung des italienischen Regimes verschlechtert habe. Seiner Meinung nach sei die Schuld daran dem Umstande beizumessen, daß die Verwaltung und insbesondere die niederen Verwaltungsstellen fast ausschließlich in den Händen von Leuten liegen, die aus Sizilien dahin transferiert wurden und einen unbändigen Judenhaß in die afrikanische Provinz mitgebracht haben. Es sei jetzt gang und gebe, daß Juden, wenn sie mit Arabern irgend welche Differenzen haben und diese vor den italienischen Behörden auszutragen wünschen, von irgend einem sizilianischen Beamten mit der höhnischen Frage empfangen werden: „Na ja, Sie sind eben Juden!" Die Situation der Juden den Arabern gegenüber wird dadurch immer schwerer, da der Araber sieht, daß die Juden von den Christen noch wehr gehaßt werden als von den Arabern. Besonders niederschmetternd und demoralisierend wirkt es äuf die tripolitanischen Juden, daß sie durch verschiedene Praktiken gezwungen werden, ihren Sabbat und ihre Festtage, die bisher von den Andersgläubigen stets respektiert wurden, zu entheiligen. Dr. Disegni ist der Meinung, daß man nicht ruhig zusehen dürfe, wie in einer italienischen Provinz der Antisemitismus zum Staatsdogma gestempelt wird, und daß es daher notwendig sei, in dieser Beziehung einen wohl taktvollen, aber entschieden energischen Kampf zu führen. 122 jüdische Advokaten ausgeschlossen. Aus Odessa wird gemeldet: Von 122 jüdischen Privatadvokaten, welche jetzt das Recht zur Ausübung der Advokatur hätten erhalten sollen, wurde im ganzen zwei Advokaten das Advokatenpatent ausgestellt, welches jedoch noch der Bestätigung seitens des Justizministers bedarf. Die übrigen 120 Advokaten wurden auf Grund eines Majoritätsbeschlusses der kompetenten Richterkommission von der Ausübung der Advokatur ausgeschlossen. Unter den Ausgeschlossenen befinden sich auch angesehene Advokaten, welche bis jetzt als Hilfsadvokaten eine ausgedehnte Praxis ausgeübt haben. Trotzdem die ältesten und angesehensten Richter in geradezu rührenden Ansprachen die anderen Kollegen von einer solchen Unmenschlichkeit abzuhalten versuchten, hatte die antisemitische Gruppe in der Kommission dennoch die Majorität bei der Abstimmung sich gesichert. Gegen einen solchen Beschluß gibt es kein Rechtsmittel. Die Krise der russischen Industrie. Aus Petersburg wird uns geschrieben: Eine stark besuchte Versammlung der Vertreter der Industrie und des Handels beschäftigte sich dieser Tage mit den Beschränkungen, denen die Juden neuerdings in bezug auf die Beteiligung an Aktiengesellschaften unterworfen werden. S. S. Nowosselow teilte mit, daß gegenwärtig in der Kanzlei des Handelsministers mehr als 300 Statuten 'von Aktiengesellschaften unerledigt blieben, weil das Ministerium des Innern der Bestätigung dieser Statuten Schwierigkeiten in den Weg^legt. Das Ministerium des Innern hegt die Befürchtung, daß an den neu zu gründenden Gesellschaften mit Aktien auf den Namen sich Juden beteiligen könnten, denen nicht das Recht zusteht, Immobilien außerhalb des Ansässigkeitsgebietes zu erwerben. Die Auslassungen des Herrn Nowosselow wurden eingehend besprochen, und es wurde darauf hingewiesen, daß die Schwierigkeiten, die dem Entstehen neuer industrieller Unternehmungen seitens der Regierung in den Weg gelegt werden, die Entwicklung der Industrie ernstlich gefährden und beit Zufluß von auswärtigem Kapital eindämmen könnten. Man bezeichnete die Schwierigkeiten, die von der Regierung geschaffen werden, gerade im gegenwärtigen Augenblick, wo man die Handelsverträge vorbereitet, für ganz besonders bedenklich. Es wurde einstimmig beschlossen, sich an den Minister des Innern zu wenden und ihn zu ersuchen, in dieser Angelegenheit eine Deputation russischer Industrieller, aus lauter Christen bestehend, zu empfangen. Der Deputation ist aufgetragen worden, daß die gegenüber den Juden angewendeten Schwierigkeiten und Beschränkungen die Entwicklung der Industrie unbedingt aufhalten müßten, und daß auf diese Weise die Abhängigkeit Rußlands vom Auslande verschärft werde. Die Eindämmung des Zuflusses von ausländischem Kapital, die unvermeidlich eintreten müßte, bedrohe das Land mit einer neuen wirtschaftlichen Krise und mit Arbeitslosigkeit und den damit verknüpften Folgen. Das, ,Nituaknlord"-Märchen. Aus Petersburg wird gemeldet: In dem Dorfe Pabianize bei Lodz erschien kürzlich die Frau eines Hausknechtes in der Synagoge und trat auf den Rabbiner mit den Worten zu: „Gebt mir meinen Knaben heraus, den ihr zum Schächten geraubt habt!" Dann lief sie mit Geschrei auf die Straße hinaus und rief die Bauern zusammen. Diese drangen unter dem Rufe: „Schlagt die Juden tot!" in die Synagoge ein, andere begannen die Häuser der Juden zu durchsuchen, bis die Polizei diesem Unfug ein Ende machte. Die Frau des Hausknechtes wurde verhaftet. — Ein ähnlicher Fall hat sich Im Dorfe Belaja-Zerkow bei Kiew zugetragen. Dort hatte ein Bettler die kleine Tochter eines „echten Russen" in einen Hinterhalt gelockt und sie ihres Mantels beraubt. Der Russe schlug Lärm und behauptete, daß die Juden sein Kind gestohlen hätten. In dem Dorfe brach aus Furcht vor einem Pogrom eine Panik aus, die sich erst legte, als das kleine Mädchen weinend auftauchte und den wahren Sachverhalt des Vorganges erzählte. Jakob H. Schiffs neueste Widmung. Der bekannte jüdische Philanthrop und Politiker Jakob H. Schiff, der der großen Staatsbibliothek in Washington im Jahre 1912 eine Sammlung von 10.000 Büchern, betreffend jüdische Geschichte und Literatur, zum