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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Date
1914-04-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Dr. BL»chs Wochenschrift. Seite 363 an einer überaus lebhaften Diskussion zahlreiche Persönlichkeiten, u. a. Professor Grabowski, Architekt Malkowski, Rat Olszewski, Schriftstellerin Swiderska, beteiligt haben. Allgemein wurde eine sehr bissige, gehässige Sprache gegen alle Juden geführt, ohne jeden Beweis, ohne jede Begründung wurden die Juden als Gegner, als Feinde behandelt. Diese schwüle, Pom Haß getränkte Luft mußte denn auch giftige Früchte zur Blüte bringen. Der Groll und die Leidenschaft wurden zum Schluß in vernünftig und abgeklärt sein sollende Worte gekleidet und durch eine Formel ausgedrückt, zum Beschluß erhoben. Dieser Beschluß soll hier in extenso treu mitgeteilt werden, um die ganze Maßlosigkeit dieser Judenhetze einem weiteren, westlichen Publikum vor Augen Zu führen. „Die Versammlung lenkt die Aufmerksamkeit der ganzen polnischen Nation darauf, daß seine ehemalige Hauptstadt Krakau binnen kurzem vielleicht aufhören wird, ihr geistiges Eigentum zu sein, denn schon sind zum großen Teile seine materiellen Grundlagen zerstört worden. Speziell befinden sich Don der allgemeinen Anzahl der Immobilien der Stadt (Krakau) in polnischen christlichen Händen 64 Prozent, hingegen in jüdischen Händen 35 Prozent. 2. Mit RücksW darauf, daß die Erhaltung dieser materiellen Grundlagen des polnischen Charakters Krakaus eine solch!große Bedeutung besitzt, nicht minder als die Erhaltung des Grund und Bodens in polnischen Händen im preußischen Okkupationsgebiet, fordert a) die Versammlung die polnische Gesellschaft im allgemeinen, insbesondere aber in Galizien, hiermit auf, daß über denjenigen christlichen Polen, welcher sich polnischer Immobilien in Krakau zugunsten fremder Hände leichtsinnigerweise begibt, die öffentliche Meinung geschaffen werde, daß er ein Schädling der nationalen Sache sei und nicht minder als der „Bodenhändler" im Großherzogtum Posen er einen gesellschaftlichen Boykott verdiene; b) die Versammlung wendet sich in einem heißen Aufruf an die Polen-Christen selbst jenseits der Grenzlinie sowie auch an die Stadtverwaltung, an die finanziellen Institutionen, welche Kapitalien zur Anlage als Hypothekardarlehen aus Immobilien in Krakau besitzen, daß sie dieses polnische Kapital in erster Reihe als Hypothekardarlehen auf polnischen christlichen Realitäten in Krakau placieren sollen, daß sie beim Entschlüsse betreffs des Erwerbes von Immobilien in dieser Stadt womöglich auch die nationale Rücksicht in Betracht ziehen sollen, aus wessen Händen sie die betreffende Realität erwerben. 3. Die Versammlung drückt die Ueberzeugung aus, daß e& die Pflicht eines jeden Polen wäre, ausschließlich bei polnischen christlichen Unternehmungen Gegenstände polnischer Provenienz *zu kaufen, bei sämtlichen Leistungen gegen Entlohnung ausschließlich polnische christliche Quellen zu benutzen, auf jedem Gebiete des Lebens nur Eigene, d. h. Polen-Christen, zu stützen und in allen Fällen, ausgenommen jenen, in welchen es sich trotz des besten Willens als unmöglich erweisen sollte." Also so weit ist es hierzulande schon gediehen, daß der vor kurzem aus Russisch-Polen importierte fanatische Judenhaß auch in das kommerzielle Leben seinen Einzug halten soll. Ob es dem Lande zu Nutz und Frommen dienen wird, wenn eine strebsame, tätige Bevölkerung samt und sonders in Acht und Bann gelegt wird, lediglich und offenkundig nur wegen des Bekenntnisses und der Herkunft, das darf füglich bezweifelt werden. Unwillig, mit einer Miene voll Verachtung wendet der unfreiwillige Zuschauer, bezw. der bereits dieses überschäumenden Geifers überdrüssige Leser sein Gesicht ab. Man möchte gerne seinen Blick von diesen niedrigen, niederträchtigen Menschen und Gesinnungen wegwenden. denselben mit Verachtung den Rücken zukehren. Allein die Wirklichkeit zwingt denn doch den lebenden, empfänglichen Zeitgenossen, das abscheuliche Bild dieses herzlosen Getümmels zu entwerfen und darzustellen. Es muß nämlich für irgend eine Abhilfe gesorgt und getrachtet werden. Zu diesem Behufe mußte die Sachlage gründlich erkannt und sollten ab und zu Streiflichter auf dieses düstere Land mit seinem unglaublichen Daseinskämpfe geworfen werden. Ohne genaue Kenntnis des Tatsächlichen und des Charakteristischen gibt es keine Erkenntnis des Ganzen, sowie auch keine begründete, durch die Tatsachen gestützte Meinung. Diese tut not. Dr. Viktor Rosenfeld. (Eine 35jährige Verteidigerlanfbah n.) Es jährt sich zum ,35. Male der Tag, an dem Dr. Viktor Rosenfeld sein erstes Plädoyer als Verteidiger hielt. Wenn jemand im Staatsdienste eine 35jährige Tätigkeit zurückgelegt hat, so erwirbt er ein Anrecht auf einen „wohlverdienten Ruhestand“, und tatsächlich verläßt der Beamte, sei es freiwillig, sei es über höhere Ordre das Gebiet seiner Tätigkeit. Er wartet im Ruhestande seine Abberufung zur ewigen Ruhe ab. Wird nun die Tätigkeit eines solchen Beamten, sei es durch Auszeichnungen, sei es durch öffentliche Besprechung gewertet, so ist diese Auszeichnung die „letzte Oelung“, die öffentliche Würdigung der Tätigkeit, sei es in der Presse, sei es bei Abschiedsfesten, in der Regel ein halber Nekrolog. Wenn wir nun die fiinfunddreißigjährige Tätigkeit des Dr. Viktor Rosenfeld würdigen, wird es niemandem beifallen, in dieser Würdigung einen Ruf des Abschiedes oder gar einen Nekrolog zu erblicken. Wer den Genannten in seinem künstlerischen Schaffen noch jetzt beobachtet, wird und kann nicht die Wahrnehmung machen, daß er nur jemals von seinem Wirken wird Abschied nehmen. Kein Vergehen von Gewordenem, kein Altern, kein winterliches Absterben, vielmehr gesundes, pulsierendes, ins Volle greifendes Leben und Schaffen, ein Wachsen und Gedeihen in herrlicher Sommerpracht. Ihm kann man mit dem Worte des Dichters und Altmeisters zurufen: „Und alle deine hohen Werke sind herrlich, wie am ersten Tage“. Und nun ein Wort der Aufklärung. In den Spalten dieser Zeitschrift finden in der Regel nur Männer jüdisch-politischen Lebens und jüdischen Wissens genaue und ausführliche Würdigung-. Dr. Viktor R o s e n f e 1 d stand in der Regel abseits vom politischen Leben. Hie und da ein Wetterleuchten, ein Symbol, Lebensarbeit und Lebenswerk war ihm die Politik nicht. Wenn wir nun die große fachliche Tätigkeit des Dr, Rosenfel cl einer Erörterung unterziehen, so hat dies seinen Grund in einer besonderen Seite und Richtung seines Wesens. Der Genannte ist trotz gewisser Absonderlichkeiten, die er in dieser Beziehung an den Tag legt, eim offener und mutiger Bekenntnisjude. Er trägt sein Judentum ostentativ zur Schau, unbekümmert darum, ob es ihm nützt oder schadet. Ich sehe und höre ihn vor einer illustren Gesellschaft der ersten Richter des Reiches, den höchsten Beamten der Justizverwaltung über Wesen und Entwicklung der Verteidigung sprechen. Andere große Juristen vor ihm, darunter Juden und Judenstämmlinge (Glaser, Vargha, Marcell .Friedmann, Edmund Singer, Neuda) haben dieses Thema in Wort und Schrift behandelt. Ich habe sie teils gehört, teils gelesen. Diese beginnen nun mit dem Forum romanum, den römischen Patronen und Klienten, der Apologetik Platos, kommen auf germanische Philosophen u. dgl. in. zurück. Dr. Rosenfeld beginnt mit einer gewissen Absichtlichkeit, als ob er gegen all’ die begangenen Verschweigungen vor Scham und Entrüstung protestieren wollte, seinen Vortrag mit den im Saale weithin schallenden Worten: „Die ersten Ursprünge der Verteidigung finden Sie bei uns Juden. Wenn im ersten jüdischen Gerichtshöfe, dem Synhedrion, ein Verbrechen durch siebzig Richter einstimmig verurteilt wurde, so durfte er nicht gerichtet werden, — denn wenn in einer so großen Zahl von Richtern sich nicht eine Stimme für den Angeklagten findet, um ihn in dieser schweren Stunde zu beschirmen, so ist dieses Urteil kein ungetrübtes. Es gibt keine gerechte Verurteilung ohne Verteidigung.“ Und so verkündet er vor den höchsten Justizfunktionären des Reiches mit Stolz, daß die erste humanste Garantie objektiver Rechtsprechung, das Prinzip der Verteidigung, bei seinem Volke zu finden ist. Dr. Rosenfeld plädiert vor Geschwornen eines oberösterreichischen oder Tiroler Kreisgerichtes, vor gottesfürchtigen, fromm ergebenen Bauern,

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