Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 15 (10.4.1914)
- Date
- 1914-04-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Bkochs Wochenschrift. Seite 249 gleichen Straße und in verschiedenen anderen Hausern die Scheiben zertrümmert. Um 10 Uhr abends wurden die Manifestanten vollständig zerstreut und die Ruhe wiederhergestellt. Um 11 Uhr abends wurde die Polizei verständigt, daß eine Gruppe von mehr als 100 Gymnasiasten, die dem Vortrage des Herrn Professor Stanescu im Lokale der Kulturliga beigewohnt hatten, die Absicht habe, vor das Versammlungslokal des Verbandes der eingeborenen Juden zu ziehen, um daselbst Skandal lzu machen. Es gelang, die Gymnasiasten auseinander zu treiben, noch bevor sie dazu kamen, ihre Absicht auszuführeu. Unter denen, die in den Straßen Coroanei und St. Petru die Scheiben eingeschlagen hatten, wurden auch ein Gymnasiast und ein vor kurzem aus dem Gymnasium ausgeschlossener Schiller verhaftet. Eine jüdische Deputation bei dem König von Italien. In Ausführung eines Beschlusses des jüngst stattgesnndenen Kongresses der jüdischen Jugend von Italien bat die von dem Kongresse entsendete Deputation um eine Audienz beim König angesucht, um ihm die Loyalitätskundgebnng des Kongresses zu übermitteln. Die Deputation, welche aus dem Präsidenten des Kongresses, Oberrabbiner Dr. Sacerdoti aus Rom, dem Schriftführer Giolo Aristide Alatri und dem Referenten Professor- Colombo bestand, lvurde vom König chuldvollst empfangen. Der König zeigte sich über die Verhältnisse der Inden in Italien außerordentlich gut informiert, erkundigte sich nach dem jetzigen Stande der Jugendbewegung und ihrer Ziele sowie über verschiedene andere Angelegenheiten, welche die italienische Judenschaft dermalen beschäftigen. Die Audienz währte 35 Minuten. Ein jüdisches Opfer des Unglückes von Venedig. Wie der „Settimana Jsraelitica" aus Venedig berichtet wird, befand sich unter den Opfern des schrecklichen Bootsunglückes von Venedig auch eine jüdische Dame namens Margulies Büschel aus Kolomea in Galizien. Die auf so tragische Weise ums Leben gekommene Frau war erst 35 Jahre alt und wenige Tage vor der Katastrophe mit ihrem Manne, mit dem sie in glücklicher Che lebte, nach Venedig gekommen. An dem Leichenbegängnisse, das von dem Allgemeinen Hospitale aus stattfand, nahm der gesamte Vorstand der Chewra-Äadischa sowie die Vorstände der übrigen jüdischen Institutionen, sämtliche Rabbiner, der österreichischungarische Konsul, die Vertreter der Stadt und der Schiffahrtsgesellschaft sowie eine überaus große Anzahl jüdischer Bürger und Bürgersfrauen von Venedig teil. Hiebei sei bemerkt, daß auch unter den Geretteten sich mehrere Juden befanden, unter anderen auch die Herren Gerolamo Oresice und Dr. Fausto Orefice. Die Vorlesungen des Dr. Aahuda in Madrid. Aus Madrid wird uns geschrieben: Vorige Woche hat der Professor für semitische Philologie Dr. A. S. Rahuda, korrespondierendes Mitglied der Königlichen Akademie in Madrid, seinen bereits angekündiaten Vortragszyklus begonnen. Es sind 12 Vorträge in Aussicht genommen, von denen 6 bereits genau bestimmt sind, und diese lauten: 1. Dill Prinzipien der jüdischen Zivilisation auf der Halbinsel von den ältesten Zeiten angekanaen und die Rolle, welche sic in den verschiedenen Epochen der Geschickte Spaniens gespielt haben. 2. D'e Juden als Staatsmänner in dem arabischen und christlichen Spanien. 3. Hebräische Poesie und Philowvhie in Spanien. 4. Der Anteil der Juden an der spanischen Literatur. 5. Die Sevbardim, ihre Bedeutung und Wichtigkeit in den verschiedenen Ländern der Welt: die spaniolische Sprache und Literatur und 6. die allgemeine Lage der Juden von Marokko und ihre Tätigkeit im Interesse der Spanier. Die übrigen 6 Vorlesungen werden seinerzeit bekannt gegeben werden. Es sei bei diesem Anlasse hervorgehoben, daß nicht nur die liberalen, sondern auch die konservativen Blätter von Madrid dem Beginne dieser Vorlesungen sympathische Artikel widmen und das Erscheinen Aahudasim Saale der Akademie für Jurisprudenz, wo die Vorlesungen stattfinden, als einen historisch bedeutsamen Wendepunkt in der Geschichte Spaniens würdigen. Pogromagitation in Kischenew. Aus Warschau wird uns geschrieben: Aus Kischenew, dieser als Pogromstadt zu so trauriger Berühmtheit gelangten bessarabischen Stadt, kommt die Nachricht, daß jetzt fast täglich aus Odessa ganze Waggonladungen von Pogromliteratur ankommen, welche fast unter Assistenz der Polizei unter der christlichen Bevölkerung verteilt wird. Diese Literatur fordert ganz offen zu Pogromen gegen die Juden auf. Ueberdies gehen die vor den Oster- und Pessachtagen regelmäßig auftauchen den Agitatoren von Haus zu Haus und fordern die Bevölkerung auf, sich für die kommenden Osterfeiertage auf einen Pogrom gegen die Juden vorzubereiten. Es ist unter solchen Umständen nur zu begreiflich, daß die jüdische Bevölkerung den Feiertagen mit Bangen entgegensieht und daß viele es vorziehen, ins Ausland zu flüchten. Katholische Hetze gegen Erbürgermeister Nathan. Aus Newyork wird uns geschrieben: Die italienische Regierung hat den gewesenen Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, zum Delegierten des italienischen Staates bei der Eröffnung der Panamaausstellung in San Franzisko nominiert. Diese Ernennung hat die Katholiken in Amerika in förmliche Aufregung versetzt, die sich in einer von der Exekutive der ..Jnwriean Federation of Katholic Socveties“ gefaßten, sehr scharfen Protestruso lution kundgibt. Diese Resolution wurde an sämtliche katholischen Organisationen in Amerika mit dem Appell verschickt, ähnliche Resolutionen zu beschließen und mit der Forderung an den Präsidenten der Ausstellung einzusenden, die Ernennung Nathans zum Vertreter des italienischen Staates nicht anzuerkennen. Ist es auch sehr unwahrscheinlich, daß diese Forderungen berücksichtigt wird, so wird jedenfalls diese Hetze dazu benützt, eine judenfeindliche Stimmung unter die Katholiken der Vereinigten Staaten zu tragen. Offizielle Vertretung der Juden in hohen Unterrichtsanstalten in Newyork. Aus Anlaß eines konkreten Falles, durch welchen sich der angesehene jüdische Kaufmann Littauer in Newport gezwungen sah, seine Stelle als „Regent", d. h. als Mitglied der obersten Leitung der Staatsuniversität von Newyork zurückzulegen, erfährt man die wenig bekannte Tatsache, daß im Staate Newyork ein Gesetz eristiert, wonach in den leitenden Körperschaften der höheren Lehranstalten stets ein Jude und ein Katholik Sitz und Stimme hab'en müssen. Mit diesem Gesetze ist die Absicht verfolgt worden, daß in diesen wichtigen Körperschaften nicht allein die sogenannte amerikanische, d. h. also die protestantische Konfession vertreten sei und über Erziehungsfragen, in welchen die Religion keine unwichtige Rolle spielt, allein zu entscheiden haben soll. Littauer, von dem hier die Rede ist, war nicht der offizielle Vertreter der Judenschaft, er wurde als angesehene Persönlichkeit von der legislativen Körperschaft des Staates gewählt. Der offizielle Vertreter der Juden in der Board of Regence ist gegenwärtig Mr. Abraham I. Elkus in Newyork, dessen Vorgänger in diesem Amte der auch in Europa bestb'ekannte jüdische Politiker Eduard Lauterbach war.